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Neudenken:
Geschichtspunkte
Welches ist also die Kraft, die die Völker bewegt?[a]
Manche Verfasser von Biographien sowie die Darsteller der Geschichte einzelner Völker verstehen unter dieser Kraft die Macht, die den Helden und Herrschern [b] eigen ist. Nach ihren Schilderungen vollziehen sich die Ereignisse ausschließlich durch den Willen Napoleons, Alexanders oder überhaupt aller jener Persönlichkeiten, von denen der betreffende Historiker berichtet. Die Antworten, die von solchen Historikern auf die Frage nach jener Kraft gegeben werden, die die Ereignisse hervorruft, genügen nur solange, als jedes Ereignis von einem einzigen Historiker dargestellt wird. Sobald jedoch die Historiker verschiedener Nationalität und verschiedener Anschauungen ein und dasselbe Ereignis zu schildern beginnen, verlieren die von ihnen erteilten Antworten augenblicklich jeden Sinn, denn die Kraft wird nicht nur von jedem dieser Geschichtsschreiber anders aufgefaßt, sondern oft sogar in vollkommen entgegengesetzter Weise. Der eine Historiker behauptet, daß ein Ereignis durch die Macht Napoleons hervorgerufen wurde; der zweite erklärt, daß Alexander es veranlaßt habe; ein dritter wieder nimmt die Macht einer dritten Persönlichkeit als bewegende Kraft in Anspruch. Zudem widersprechen sich die Historiker dieser Kategorie selbst in der Art, wie sie die Kraft erklären, auf der die Macht ein und derselben Persönlichkeit beruht. Thiers,[c] der Bonapartist, sagt, daß die Macht Napoleons in seiner Tugend und Genialität begründet war; der Republikaner Lanfrey [c] hingegen erklärt, sie sei aus allerhand Ränken, Schwindeleien und einem Volksbetrug hervorgegangen. Indem so jeder der Historiker dieser Art immer die Behauptungen des andern selbst zerstört, zerstören sie dadurch auch den Begriff von der Kraft, die die Ereignisse hervorruft und geben uns keine Antwort auf die wesentlichste Frage der Geschichte.
Die Universalhistoriker, die sich mit dem Schicksal aller Völker beschäftigen, scheinen die unrichtige Anschauung der Historiker, die die Geschichte einzelner Völker schreiben, von der den Ereignissen zugrunde liegende Kraft anzuerkennen. Sie sehen diese Kraft nicht als eine Macht an, über die die Helden und die Herrscher verfügen, sondern als das Resultat vieler verschieden gearteter und gerichteter Kräfte. Bei der Beschreibung eines Krieges oder der Unterwerfung eines Volkes sucht der Universalhistoriker die Ursache des Geschehens nicht in der Macht einer Einzelpersönlichkeit, sondern in der Wechselwirkung vieler Personen, die mit dem Ereignis in Zusammenhang stehen.[d]
Wenn sich nach einer derartigen Anschauung die Macht historischer Persönlichkeiten als Produkt vieler Kräfte darstellt, so dürfte sie, wie man meinen sollte, nicht mehr für eine Kraft gehalten werden, die die Ereignisse von sich aus hervorruft. Trotzdem aber betrachten die Universalhistoriker dennoch in den meisten Fällen die persönliche Gewalt als eine Kraft, die die Ereignisse von sich aus hervorruft und die deren Ursache darstellt. Nach ihrer Auslegung ist die geschichtliche Persönlichkeit bald ein Produkt ihrer Zeit, und deren persönliche Macht nur das Ergebnis verschiedener Kräfte, bald wieder ist ihre Macht jene Kraft, die die Ereignisse hervorruft. Gervinus, Schlosser [e] und andere beweisen zum Beispiel, daß Napoleon das Produkt der Revolution, der Ideen des Jahres 1789 und so weiter gewesen sei, zuweilen sagen sie jedoch auch geradezu, daß der Feldzug vom Jahre 1812 und andere ihnen mißliebige Ereignisse nur die Ergebnisse eines auf falsche Ziele gerichteten Wollens Napoleons gewesen und daß die Ideen des Jahres 1789 infolge der Eigenmächtigkeit Napoleons in ihrer Entwicklung gehemmt worden seien. Die Ideen der Revolution und die allgemeine Stimmung hätten Napoleon zur Macht verholfen. Die Macht Napoleons aber vernichtete die Ideen der Revolution und den allgemeinen Geist der Zeit.
Dieser seltsame Widerspruch ist kein Zufall. Man begegnet ihm auf Schritt und Tritt, ja mehr noch, alle Schilderungen der Universalhistoriker bestehen überhaupt nur aus einer ununterbrochenen Reihe derartiger Widersprüche. Der Widerspruch entspringt daraus, daß die Universalhistoriker bei ihrer Analyse auf halbem Wege stehen bleiben.[f]
Um die Komponenten der Gesamtkraft oder der Resultante zu finden, muß die Summe der Komponenten der Resultante gleich angenommen werden. Diese Bedingung wird von den Universalhistorikern nie beachtet, daher müssen sie, um die resultierende Kraft zu erklären, abgesehen von den unzureichenden Komponenten, noch einen unerklärbaren Kraftfaktor einführen, der in der Richtung der Resultante wirkt.
Leo Nikolajewitsch Tolstoi
aus «Krieg und Frieden, Bd.2»; S.765f
Unsere Anmerkungen
a] siehe auch Mbl.12
b] seit rund 150 Jahren vermehrt auch die von Heldinnen und Herrscherinnen
c] Adolphe Thiers und Pierre Lanfrey
d] Geschichte als Erkenntnis dessen, was im Hintergrund wirkt, emergiert also aus den Wechselwirkungen zwischen Personen untereinander sowie zwischen Personen und Dingen, was zu bestimmten Umständen führt, die wiederum interagieren.
e] Georg Gottfried Gervinus und Friedrich Christoph Schlosser
f] In der Regel ergibt sich ein Widerspruch, wenn in einer Behauptung von zwei unterschiedlichen Bezugsebenen bzw. Hintergründen ausgegangen wird.