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Neudenken:
Zwischen Licht und Finsternis
Finsternis und Licht [a] sind aufeinander angewiesen. Die Verdunkelung zeigt das Licht als Wirksamkeit und umgekehrt zeigt die Erhellung die Finsternis als Wirksamkeit. Denn beide, Licht und Finsternis, bleiben ‹unsichtbar›, solange sie sich nicht dank ihrem Gegenpol ‹mitteilen› können. Was wir Licht oder Finsternis nennen, ist bereits eine ‹Mitteilung›. Transparenz ist also nicht Durchsichtigkeit und Opazität ist nicht Undurchschaubarkeit, sondern beide machen Wirkungsarten offenbar. So kann auch das Gute in seiner Wirksamkeit sich nur dann offenbaren, wenn es auch die Wirksamkeit des Bösen gibt: Denn so kann es durch-scheinen. Nicht das Gute wird transparent, es bewirkt aber Transparenz. Umgekehrt bewirkt das Böse Opazität. Das Böse, das als Verdunkelung an uns herantritt, ist nicht die Wesenheit des Bösen, sondern seine Wirkungsart, für die es auch des lichtvollen Guten bedarf.
Am besten lassen sich diese beiden Wirkungsarten an inneren Gesten erkennen. Was heißt ‹Verdunkelung› und ‹Opazität› in mir? Was wird verdunkelt? Wenn die Wirksamkeit des Bösen eine solche ist, dass sie Verdunkelung in mir bewirkt, dann kann sie nur das Lichtvolle in mir verdunkeln, zum Beispiel, wenn ich das Lichtvolle meiner Wachheit wieder abdämpfe oder wenn ich mich aus der Spannung eines Konfliktes mit schon vorher abgemachten Urteilen heraushebe. Dann scheine ich nicht ‹durch› und das Dunkle in mir kann sich weiter verdichten. Es verhärtet sich in mir. Wenn ich aber in mir die Möglichkeit finde, im wachsenden Interesse am ganz Fremden des Mitmenschen in meinem ‹ich verstehe ihn gar nicht› nicht zu verharren, dann entsteht Transparenz als Wirkungsart. Sie bringt die Kraft zur Erneuerung, ebenso wie die Opazität die Erneuerung hemmt. Aber diese Möglichkeit zur Erneuerung wäre ohne das Böse in seiner Wirkungsart nicht zustande gekommen. Seine Tendenz zur Verdichtung und Verhärtung ist es, die die Möglichkeit schafft, durch-scheinen zu können, damit Erneuerung zustande kommen kann.
Erneuerung kann sich nur auf Lebendiges beziehen. Mit Leben ist hier die reine Potenzialität [b] gemeint, so wie sie in jedem Menschen vom Ich getragen wird. Das, was Form [c] angenommen hat, kann nicht erneuert werden, es sei denn, eine neue Form geht aus einem erneuerten Leben hervor. Diese Potenz des Ichs aber, die als Gefäß verstanden werden kann, ist zugleich auch seine Substanz. In der Gesamtheit der Menschheitsentwicklung ist dieser lebendigen Substanz die Möglichkeit zur Erneuerung von innen aus geschenkt worden, durch das Mysterium von Golgatha.[d] Heutzutage, im Angesicht des Bösen, wird das zeitgenössische Bewusstsein durchdrungen von den Wirkungsarten des Guten und des Bösen. Verdunkelung und Transparent-Werden wechseln sich ständig ab.
Dieses zu erleben gibt aber die Möglichkeit, mitarbeiten zu können an der seit dem Mysterium von Golgatha weiterschreitenden Erneuerung von Mensch und Erde. Diese kann sich nicht ohne eine Erneuerung im Menscheninnern vollziehen. Im Vortrag vom 25. Oktober 1918 [e] weist Rudolf Steiner darauf hin, wie durch das «Erleben des Bösen zustande gebracht wird, dass der Christus wieder erscheinen kann». Wo sonst als da, wo Transparenz aus dem Menscheninnern - wo als ein tiefes Geheimnis Gefäß und Substanz eins werden können - sichtbar und wirksam wird.
Christine Gruwez
in »Das Goetheanum« 14-15·2016; S.10 [f]
Unsere Anmerkungen
a] vgl. »TzN Mai 2008«
b] Im Unterschied zum Potential, also der Fähigkeit, das Mögliche zu leisten, ist die Potentialität die Macht, ein Mögliches zu verwirklichen. Die einzelnen Wesensglieder (vgl. Mbl.5) haben unterschiedliche und verschieden starke Potenziale, doch nur das ICh verfügt über Potenzialität (vgl. Mbl.6: Anm.>G>).
c] vgl. Mbl.14: Anm.3
d] vgl. Mbl.26
e] „So wird aus dem Bösen heraus auf eine sonderbare, paradoxe Art die Menschheit des fünften nachatlantischen Zeitraums [vgl. Mbl.7] zu der Erneuerung des Mysteriums von Golgatha geführt. Durch das Erleben des Bösen wird zustandegebracht, daß der Christus wieder erscheinen kann, wie er durch den Tod im vierten nachatlantischen Zeitraum erschienen ist.” in «GA 185»; S.103f
f] Im selben Artikel schrieb die Verfasserin zuvor über die Wirkungsweise der Ikone.