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Neudenken:
Christus am Hochkreuz
Welches ist nun der tiefere Sinn der Formen und ihrer Verwandlungen am irischen Hochkreuz? [...] Als Christus in Jerusalem den Tod miterleben sollte, da schien es, als ob dieses Kreuz aus dem Erdeninnern emporgestiegen sei, damit die Erde von der bloßen Form ins Leben übergehen könne. [...] Es ist die erste und älteste Imagination, die dem Kreuz zugrunde liegt.
Die zweite bezieht sich auf den von der Sonne heruntergestiegenen Christus. Dies war ja etwas, was die irischen Eingeweihten hellsichtig verfolgten. Indem Christus den Tod am Kreuze überwand, begann für die Erde eine neue Entwicklung. Zwar hat sie noch einen langen Weg zurückzulegen, und alles wird davon abhängen, daß die Menschen den Christus-Impuls aufnehmen; der Anfang war gemacht, als das Blut Christi vom Kreuz auf die Erde floß. Die Erde soll Sonne werden.
Warum wurde die Sonnenscheibe von einem Ring abgelöst? Gerade dies zeigt, daß die irischen Weisen tief, tief in die Geheimnisse der Erdenentwicklung eingeweiht waren; denn die Durchdringung mit dem Christus-Impuls gibt dem Menschen das Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem Makrokosmos. Der Christus-Impuls hat dem Ätherleib (= Träger der Lebens- und Bildekräfte)[a] des Menschen aber auch die Möglichkeit gegeben, eine Kraft in den Umkreis der Erde hinauszustrahlen, die in der Zukunft zur Neubildung eines geistigen Ringes um die Erde führen wird. [...]
Nun erklärt sich auch, warum in dem Klosterplan des Buches von Mulling das Kreuz des Heiligen Geistes auf dem kreisrunden Wall angeordnet ist, der das Klostergelände umschließt.[b] Diese Tatsache und der Ring um die Hochkreuze entstammen sicher derselben Erkenntnisquelle. Jetzt versteht man die Ablösung der Sonnenscheibe durch den Ring. Dadurch erhält das irische Hochkreuz einen Zukunftsaspekt, der die ganze kommende Erd- und Menschheitsentwicklung einschließt. Gleichzeitig wird aber auch ein Licht geworfen auf die Bedeutung der vier Knotenpunkte. Diese vier Knotenpunkte, wie die Zahl vier überhaupt, weisen auf die vier ätherischen Bildekräfte hin, auf den Wärmeäther, Lichtäther, chemischen Äther und Lebensäther.[c] [...]
S.45f
Eine weitere Abweichung ist die Tatsache, daß Christus nie in einer ärmellosen Tunika gezeigt wird, im sogenannten Collobium. Wenn er ein Gewand trägt, dann mit Ärmeln, die bis zum Handgelenk reichen (Castledermot, Moone, unvollendetes Kreuz von Kells). Oft wird Christus aber auch unbekleidet dargestellt. Eine einheitliche Konzeption scheint also nicht existiert zu haben.[d] Was am meisten in den sogenannten Kreuzigungen auffällt, ist die Darstellung des Christus selbst. Er erscheint meist wie freischwebend vor dem Kreuz, und die (nicht angenagelten) Hände machen dabei eine segnende Geste.[e]
S.52
Interessant ist, daß auf den Hochkreuzen die Auferstehung nirgends abgebildet ist. Zwar gibt es Paneele, auf denen Soldaten den Sarkophag bewachen, aber das ist alles. Man begreift dies nur, wenn man weiß, daß die hellsichtigen Iren das Geistätherbild in allen Naturvorgängen noch miterlebten.[f] Aber der Auferstandene ist mehr als dieses Geistätherbild. Hier kam die irische Frömmigkeit an eine Grenze. Doch kann sich dieses Urteil nicht auf alle Kreuze stützen. Wir wissen nicht, was die Tausende von Kreuzen zeigten, die vernichtet worden sind. Trotz allem muß man dankbar sein, daß die auf einem alten Weisheitsgut gegründete irische Frömmigkeit uns in den irischen Hochkreuzen ein Denkmal [g] hinterlassen hat, das, die Zeiten des Niedergangs überdauernd, von den tiefen Einsichten der Iren des 1. Jh. Kenntnis gibt.
Das Bemerkenswerte dabei ist, daß trotz der tiefen Frömmigkeit in Irland das Wissen von einer geistigen Welt und ihren verschiedenen Plänen und zahllosen elementarischen Wesenheiten nicht über Bord geworfen wurde. Während es drüben auf dem Festland schon durch Cäsar und später durch die Kirche systematisch bekämpft und als Degenerationserscheinung behandelt wurde, konnte es in Irland noch bis ins 8. Jh. ungestört sogar auf den Hochkreuzen und in den Büchern von Kells, Durrow, Lindisfarne usw. seinen bildhaften Inhalt zum Ausdruck bringen. Ein berühmtes Beispiel ist hierfür das Kreuz in Moone, das einem Kloster der Parochie des hellsichtigen Columkille [h] angehörte. Es zeigt auf dem Sockel ein Fabelwesen, wie es keine Phantasie [i] erfinden kann.
S.54ff
Hans Gsänger
aus «Die irischen Hochkreuze»
Unsere Anmerkungen
a] vgl. Mbl.5
b] was zudem ein einfaches Mandala bildet
c] vgl. Mbl.6
d] in der Zeit vom VIII. bis zum XII. Jahrhundert
e] vgl. Darstellung in «Eamsyne und Earasyn»: Anm.184
f] nämlich als "Rìgh nan Dùl" (vgl. das schottische A Rìgh Nan Dùl)
g] vgl. »TzN Apr.2007«
h] Columban der Ältere (vgl. MblB.43)
i] eigentl. Phantastik, denn Imagination ist kontrolliert angewandte Phantasie