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Neudenken:
Frühlingsbeginn
Eine alte Bauernregel besagt, daß mit St. Petrus am 25. Februar der Frühling beginnt. Am Tage zuvor, dem 24., ist St. Mattheis. Von ihm spricht eine andere Regel: Mattheis bricht's Eis, find't er keins, so macht er eins. Auch soll an diesem Tage der Fuchs zum letzten Male über das Eis gehen - wahrscheinlich weil es dann mürbe wird.
Solche alten Regeln deuten auf etwas, das in der Gegenwart gar nicht mehr richtig beobachtet wird. Wir sind gewohnt, nach dem Kalender die Jahreszeiten [a] zu erleben und nicht mehr nach den wirklichen Stimmungen in der Natur. Tatsächlich liegen die großen Wendepunkte der Jahreszeiten nicht unter dem Signum des Sonnenlaufes - Frühlings-Tag-und-Nachtgleiche, Sommersonnenwende, Herbst-Tag-und-Nachtgleiche, Wintersonnenwende -, sondern auf ganz bestimmten Tagen, die man in der Vergangenheit wohl kannte.
Wer beobachtet in der Natur, im Wettergang und im Pflanzenleben, wird finden, daß um den genannten St.-Petrus-Tag in der Atmosphäre etwas vor sich geht, das schwer in Worte zu fassen ist. Der Geruch der Luft verändert sich durch feinste Stoffe, die von der Erde ausgehen, wenn die humusbildenden Aktinomyceten-Pilze ihre Tätigkeit neu beginnen. Die Sonne, die ja erst etwa vierzehn Tage später ihre Märzkraft entfaltet, hat auf das, was da im Inneren der Erde vor sich geht, noch gar keinen Einfluß. Es ist etwas, das die Erde aus sich selbst zu tun vermag, es ist inneres Leben der Erde, das sich im Duft herauszuschieben beginnt, lange bevor die Pflanzenfülle erscheint. An diesem inneren Leben der Erde sind auch die zahllosen kleinen Baumeister des lebendigen Bodens beteiligt, die Würmer, Larven, Asseln und Milben. Sie tun etwas ganz Bestimmtes, dessen unendlich komplizierte Vielfalt man zusammenfassen könnte in die Worte Verdichten und Erhalten.
Denn sie sammeln alles, was von der tauenden Nässe des Winters in Feld und Wald verfaulen und verwesen möchte, sie bauen es um und verwandeln es in haltbare Stoffe, die die Pflanzen brauchen.
S.23f
Die einzige »Welt«, die scheinbar nie aus ihrem Ruhezustand heraustritt, die Sommer und Winter die gleiche Ruhe bewahrt, ist die Welt der Gesteine und Mineralien. Aber das ist auch nur scheinbar so.
Es gibt nun noch eine andere Substanz in der Gesteinswelt, die mehr den verdichtenden und verhärtenden Kräften zugeneigt ist und damit einen gewissen Gegensatz zum Kiesel [b] darstellt. Das ist der Kalk [b] und alles was mit ihm verwandt ist, wie Magnesium, Natron und Kali. Diese Stoffgruppe [c] mit dem Kalk an der Spitze sind die eigentlichen Salzbildner in der Erde. Am weitesten fortgeschritten in der Verdichtung ist in dieser Stoffgruppe der Kalk. Er bildet deshalb auch das Knochengerüst der Tiere und Menschen, die Schalen der Muscheln und Schnecken. Versteckt findet man ihn in den Stengeln, Hölzern und Wurzeln und merkwürdig angereichert, zusammen mit seinen Verwandten, in den Knospen und Samen der Pflanzen.
Die meisten Kalkgebirge der Erde zeichnen sich dadurch aus, daß sie mit Hohlräumen und Klüften durchzogen sind, in denen Luft und Wasser ihr freies Spiel haben. Das Wasser verschwindet schnell in diesen Klüften und bricht am Rande des Gebirges in starken Karstquellen zutage. Das Entstehen dieser Höhlen und Klüfte durch das Wasser in einem Jahrtausende währenden Vorgang offenbart uns eine merkwürdige Eigenschaft des Kalkes, die ihn präzise vom Kiesel unterscheidet.
Das Wasser allein könnte nämlich niemals den Kalk so aushöhlen, wenn sich in diesem Wasser nicht die Kohlensäure [d] der Luft auflösen würde. Erst die im Wasser gelöste Kohlensäure hat die Kraft und Macht, den Kalk im Wasser zu lösen. Das Wasser kann aber nur dann möglichst viel Kohlensäure aufnehmen, wenn es recht kalt ist. In der Wärme perlt die Kohlensäure schnell wieder heraus, wie man an jeder Sprudelflasche sehen kann.
Im Winter also, wenn Wasser und Luft kalt sind, löst sich sehr viel Kohlensäure in jedem Wasser, und dieses kohlensäurereiche Wasser löst wiederum überall in der Erde den Kalk auf. Das ist nicht nur im Kalkgebirge so, sondern auch in jedem Acker-, Wald- oder Wiesenboden. Dadurch wird der Kalk im Winter etwas anderes, er wird gelöst; vorher, in der wärmeren Jahreszeit, war er fest und irgendwo und irgendwie abgelagert, festgebunden.[e]
S.29f
Walther Cloos
aus «Das Jahr der Erde»
Unsere Anmerkungen
a] der gemässigten nördlichen Breitengrade vor dem Klimawandel
b] siehe Kiesel und Kalk
c] Es empfiehlt sich, die Materie, das Atomare, vom Stoff, dem Molekularen, zu unterscheiden (vgl. MblB.E: Anm.220).
d] eigentl. Kohlendioxyd (CO₂)
e] In seinen Jahreszeit-Betrachtungen (GA 223) hat Rudolf Steiner dies so erläutert, daß der Kalk im Winter eine „zufriedene” Substanz ist, gegen den Frühling jedoch „unruhig und aktiv” wird.