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Die Idole Bacons
Auf dem Titelkupfer der Instauratio Magna [a] erblickt der Leser ein Segelschiff in voller Fahrt, das Schiff der Wissenschaft, das gefahrvoll zwischen zwei gewaltigen Säulen hindurch zu segeln unternimmt. In den beiden Säulen erkennt man unschwer späte Nachfahren der salomonischen Säulen Jachim und Boas (Beständigkeit und Stärke, 1.Kön 7,15-22)[b] vom Eingang des Tempels in Jerusalem. Bei Bacon liegt eine charakteristische Veränderung vor: Die beiden Säulen bezeichnen nämlich nun die Irrtümer über den Rang der Werke der Tradition und über die wirklich im Menschen veranlagten Kräfte, also Traditions-Überschätzung und Kräfte-Unterschätzung.[c]
Im Verfolg des Zieles, den Weg für die Wissenschaft der Zukunft frei zu bekommen, befaßte sich Bacon im ersten Teil seines großen Werkes mit erkenntnistheoretischen Fragen. Nach Bacons Überzeugung ist vor allem auf Hilfsmittel für die menschliche Vernunft zu sinnen. Der menschliche Geist sei nämlich nichts weniger als unbefangen und deshalb dem Lichte der Wahrheit nicht ohne weiteres zugänglich. Vier Vorurteilsgötzen hätten sich der Vernunft bemächtigt. Aufklärung über das fatale Wirken dieser Idole [d] sei Voraussetzung vorurteilsfreier Forschung:⁸
Idola tribus. Die Götzen des Stammes sind artspezifische Vorurteile. Der Forschergeist des Menschen ist kein reiner Spiegel, er ist abhängig von Gefühls- und Willensregungen, von abergläubischen Vorstellungen, vom Trug der Sinne, von der unbegründeteten Annahme einer Naturteleologie⁹; er neigt zu festen Denkgewohnheiten.
Idola specus. Die Götzen der Höhle sind individuelle Fehlerquellen, bedingt durch Erziehung und Milieu. Dazu gehören persönliche Neigungen und Vorlieben,[e] die durch den Einfluß von Autoritäten entstehen.
Idola fori. Die Götzen des Marktes sind Fehlerquellen aus sozialen Beziehungen. Hier wirkt die Sprache als Erkenntnishindernis: Benennungen nicht-existierender Dinge, Bildung schlechter Abstraktionen, Hypostasierung von Begriffen.
Idola theatri. Die Götzen der Bühne sind die durch weltanschauliche Systeme bedingten Fehlerquellen. Das Denken ist abhängig von vorgegebenen Weltentwürfen, die sämtlich die reine Erfahrung verfälschen. Sowohl die aristotelische Metaphysik als auch die Einmischung der Theologie in die Philosophie seien abzulehnen, vom Aberglauben als Weltanschauung ganz zu schweigen.
Bacon schließt seine Darstellung der Idole in der Instauratio mit verpflichtenden Worten (§ 68): „So viel von den einzelnen Arten der Vorurteile. Allen müssen wir strenge und feierlich für immer entsagen, den Verstand reinigen und frei machen, indem ins Reich der Menschen auf Erden, welches in der Wissenschaft begründet ist, niemand anders eingehen kann als ins Himmelreich, nämlich dadurch, daß er werde wie die Kinder.” Die Idolenlehre Bacons ist als Reinigungsweg [f] konzipiert, der den Forscher zu der Gemütsoffenheit und Anschauungsunbefangenheit des Kindes führen soll. Bacon bezeichnet die vier Kategorien von Erkenntnis- und Forschungshindernissen nicht von ungefähr als Idole (falsche Götter)[g]. Seine Imagination läßt ihn niedere Hindernisgeister erkennen, die in der Tat den Erkenntnisfortschritt hemmen, andererseits aber das gewöhnliche Bewußtsein in seiner Schwäche stützen. Bacons Idole sind tatsächlich vorhandene Bewußtseinsinhalte die allerdings nicht nur dem Alltagsleben entstammen, sondern sich auch in die Reste alten Geisteslebens kleiden; insbesondere verfallen die allgemein gewordenen Mysterienreste in den herrschenden Weltanschauungssystemen der Kritik Bacons.
Günter Röschert
8) Wolfgang Krohn: Francis Bacon, München 1987 (Anm.1) S.25.
9) Neues Organ, I.45.
aus «Anthroposophie als Aufklärung»; S.148f
Unsere Anmerkungen
a] Die «Instauratio Magna» ist das wissenschaftstheoretische Hauptwerk von Sir Francis Bacon
b] vgl. Rudolf Steiner zu den Zwei Säulen und Emil Bock zu Jachin und Boas
c] Hyper- und Hypotaxation
d] vgl. 1Jh.5,21: Τεκνία, φυλάξατε εαυτά από τϖν ειδώλων. (~ Kinder, hütet euch vor Idolen!)
e] Anti- wie Sympathien
f] Katharsis
g] eigentl. göttliche Bildwerke