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Märtyrerkult
Der Märtyrerkult wurde seit dem Ende des 2. Jahrhunderts praktiziert und von der Kirche akzeptiert. Hauptsächlich aber während der Zeit der großen Christenverfolgungen und nach dem durch Konstantin [a] geschaffenen Frieden gewannen die Reliquien der „Zeugen” Christi eine beunruhigende Bedeutung. Manche Bischöfe sahen in dieser haltlosen Verehrung die Gefahr eines Rückfalls ins Heidentum. In der Tat gibt es einen Zusammenhang zwischen den Begräbnispraktiken der Heiden und dem christlichen Totenkult. So zum Beispiel die Festessen am Grabe nach dem Tag der Bestattung und seiner jährlichen Wiederkehr. Dennoch ist die „Christianisierung” dieses uralten Ritus spürbar: für die Christen nahm das Fest nach der Bestattung das endzeitliche Fest im Himmel vorweg. Der Märtyrerkult verlängert diese Tradition mit dem Unterschied, daß er sich nicht nur auf den Familienkreis beschränkt, sondern die Gemeinschaft im ganzen betrifft und sich in Anwesenheit des Bischofs abspielt. Darüber hinaus stellt der Märtyrerkult ein neues Element dar, das sich in den nichtchristlichen Gemeinden nicht findet. Die Märtyrer hatten die menschlichen Gegebenheiten überschritten; sie waren zugleich auch bei Gott im Himmel und hier auf der Erde. Ihre Reliquien verkörpern das Heilige. Die Märtyrer konnten nicht nur allein bei Gott vermitteln - sie sind seine „Freunde” -, sondern auch ihre Reliquien sind in der Lage, Wunder und spektakuläre Heilungen zu vollbringen. Grab und Reliquien der Märtyrer bilden einen außergewöhnlichen Ort, an dem der Himmel paradoxerweise mit der Erde in Berührung tritt²².
Ein Vergleich mit dem Heldenkult erübrigt sich. Bei den Heiden waren die beiden Kulte, der der Götter und der der Heroen, deutlich geschieden. Durch seinen Tod war der Heros endgültig von den Göttern geschieden, während der Leib des Märtyrers diejenigen, die ihn kultisch verehren, Gott näher bringt. Diese religiöse Erhöhung des Fleisches war in gewisser Weise der Lehre von der Inkarnation verpflichtet. Da Gott in Jesus Christus Fleisch geworden ist, wurde jeder Märtyrer, der für den Herrn gefoltert und getötet wurde, in seinem eigenen Fleisch geheiligt. Im Ansatz stellt die Heiligkeit der Reliquien eine rudimentäre Parallele zum Mysterium der Eucharistie dar. Ebenso wie das Brot und der Wein in den Leib und das Blut Christi verwandelt wurden, wurde der Leib des Märtyrers geheiligt [b] durch einen beispielhaften Tod, der die wahre imitatio Christi [c] darstellte. Verstärkt wurde dies durch das schrankenlose Zerstückeln der Märtyrerleichen und durch die Tatsache, daß man die Reliquien unendlich vermehren konnte. Es gab Kleider, Gegenstände, Öl oder Staub, von dem man behauptete, es sei mit dem Grab oder der Leiche des Heiligen in Verbindung gewesen.
Dieser Kult wurde im 6. Jahrhundert äußerst populär. Im Ostreich wurde diese exzessive Hingabe für die kirchlichen Vorgesetzten manchmal sehr lästig. Im 4. und 5. Jahrhundert gab es in Syrien zwei Kirchentypen: die Basiliken [d] und die Martyria²³, die „Kirchen der Märtyrer”. Die letzteren, die sich durch ihre Kuppel unterschieden²⁴, hatten in ihrem Zentrum, den dem Heiligen geweihten Altar, in dem man die Reliquien aufbewahrte. Lange Zeit hindurch wurden trotz des Widerstandes des Klerus spezielle Zeremonien, hauptsächlich Opfergaben, Gebete und Hymnen zu Ehren des Märtyrers um diesen zentralen Altar (mensa) herum vollzogen. Der Kult brachte auch lange Nachtwachen mit sich, die bis zum Sonnenaufgang dauerten. Es handelte sich dabei sicherlich um eine erregende und rührende Zeremonie, denn alle Gläubigen erwarteten Wunder. Um den Altar (mensa) herum fanden Liebesmahle und Festessen statt²⁵. Die kirchlichen Würdenträger bemühten sich unablässig, die Heiligenverehrung und den Reliquienkult dem Dienst für Jesus Christus unterzuordnen. Schließlich verschafften sich im 5. und 6. Jahrhundert zahlreiche Basiliken Reliquien. In manchen Fällen hatte man im Inneren zu ihrer Ehre eine eigene Kapelle errichtet, ein Martyrium.[e] Zur gleichen Zeit versuchte man eine schrittweise Umwandlung der Martyria in reguläre Kirchen²⁶.
Zwischen dem Ende des 5. und dem Beginn des 6. Jahrhunderts verbreitete sich die Verehrung der Reliquien ins ganze Westreich. Der Kult wurde aber allgemein - zuweilen entschieden - durch die Bischöfe unter Kontrolle gehalten, die wahre Impressarios (Peter Brown) dieses volkstümlichen Glaubenseifers wurden. Die Märtyrergräber, die immer die eindrucksvollsten auf den Friedhöfen am Stadtrand waren, wurden Zentren des religiösen Lebens der Gegend. Die Friedhöfe bekamen ein außergewöhnliches Ansehen.[f] [...]
Mircea Eliade
²² P. Brown, The Cult of the Saints 3 ff.
²³ Siehe hauptsächlich H. Grabar, Martyrium.
²⁴ Vgl. E. B. Baldwin Smith, The Dome 95 ff.
²⁵ Dies ist ein Brauch, an dem man lange festhielt, wenn ihm auch die Kirche entgegenstand. Im Jahre 692 untersagte das zweite Trullanum [g] neuerlich die Liebesmahlzeiten und die Zubereitung von Nahrung auf dem Altar.
²⁶ E. B. Smith, a.a.O. 151, 137.
aus «Geschichte der religiösen Ideen - Bd.3/1»; S.59ff
Unsere Anmerkungen
a] nach Constantins Sieg über Maxentius an der Milvischen Brücke vor Rom im Jahr 312
b] eigentl. transsubstanziiert, also in seiner Substanz (nicht Stofflichkeit) verwandelt
c] die Nachahmung des Weges, den Jesus als Christus gegangen ist
d] ursprünglich eine Königshalle, die auch für Märkte genutzt wurde
e] oder ein Ziborium, ein auf Säulen gestellter Aufbau (Baldachin) über dem Altar
f] Manch eine spätere Stadterweiterung bezog diese Nekropolen mit ein. Die Grabkapellen wurden dann öfter einmal zu Prunkkirchen ausgebaut wie zB. San Paolo fuori le Mura in Rom. Im alpin bäuerlichen Kulturbereich zeugen wiederum die sogenannten Marterln von jenem Kult.
g] nach dem Versammlungsort, dem Kuppelbau des Kaiserpalastes (trullum) in Konstantinopel, benannte Synode, an der 227 vorwiegend oströmische Bischöfe teilnahmen