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Neudenken:
Der Chanif Abraham
Die Qualifikation ḥanīf, die mit »Gottesdiener aus den Völkern« paraphrasiert wurde, ist am Ende der koranischen Entwicklung gewissermaßen das Kennzeichen Abrahams. Was heißt arabisch ḥanīf?⁷⁶ Das syrische Wort ḥanpā, von dem es abgeleitet ist, bedeutet »Heide« bzw. »außerhalb der Religionen stehend«. In der vorislamischen Dichtung begegnet ḥanīf dagegen zur Bezeichnung eines einsam seinen Gottesdienst praktizierenden Asketen. Nimmt man beides zusammen, so bündeln sich in ḥanīf Unabhängigkeit von den großen Religionen und exemplarische Frömmigkeit, beides Charakteristika des koranischen Abraham. Dieser Sinnzuwachs der Gestalt Abrahams kommt nicht von ungefähr. Er tritt zu einer Zeit ein, in der sich das Bild des Verkünders [a] selbst neu gestaltet. Aus dem Apostel, dem »Gesandten«, rasūl, ist in Medina [b] längst ein biblischer »Prophet«, nabī, geworden,⁷⁷ der sich selbst in der Nachfolge der Propheten von Adam über Noah, Abraham, Mose und Jesus sieht. Und noch mehr: Der Verkünder ist nicht nur ein Prophet aus der biblischen Tradition, sondern gleichzeitig ein Prophet aus einer Gegentradition. Denn er nimmt gegen Ende seiner Laufbahn den Titel eines nabī ummī, eines »Propheten aus den Völkern«, hebräisch navi meummot ha-'olam, an.⁷⁸ Ummī, ein calque, eine aus mehreren Sprachen beziehende Neuprägung, ist zum einen eine Ableitung aus dem arabischen umma, »Gemeinschaft«, zum anderen eine Übertragung des hebräischen ummot ha-'olam, »Heidenvölker«, stellt gewissermaßen das Adjektiv zu der fast ausschließlich für Abraham reservierten Qualifikation ḥanīf dar. Diese Aufwertung der - aus jüdischer Perspektive von den Privilegien des erwählten Volkes ausgeschlossenen - ›Völker‹ kommt bereits bei Paulus [c] zum Ausdruck,⁷⁹ sie wird wie im Koran mit Abraham in Verbindung gebracht. In Gal 3:6-9 heißt es:
Abraham war so: Er hat Gott vertraut, an ihn geglaubt. Und das wurde ihm als Gerechtigkeit gewertet. So genügte er Gottes Ansprüchen. Kinder Abrahams sind also nur diejenigen, die glauben wie er. In der Schrift ist bereits vorgesehen, daß Gott die Heidenvölker als gerecht ansehen wird, wenn sie nur glauben. Denn Abraham wurde es wie ein Evangelium im voraus verkündet: »Alle Völker sollen durch dich gesegnet sein.« Das bedeutet: Alle, die glauben, werden mit Abraham, der als erster glaubte, gesegnet.⁸°
Im Koran erstreckt sich die Aufwertung der ›Völker‹ nun auf die außerhalb des Judentums und des Christentums stehenden Verehrer des einen Gottes, aus ihnen ist der Verkünder selbst, al-nabī al-ummī, »der Prophet aus den Völkern«, hervorgegangen, [...]
[...]
Abraham, der schon in der paulinischen Konzeption eine Beispielfunktion innehatte, erhält in dem neuen Modell der koranischen Gemeinde eine noch weiterreichende Rolle: Er wird zum Stifter im eigentlichen Sinne für die sich herausbildende neue Religion, die der Verkünder nur vervollkommnet. Abraham - nicht Mose oder Jesus - ist deswegen auch die einzige biblische Referenz im täglichen Gebet der Gemeinde, das eine Formel enthält, die Abraham und Muhammad zusammenschließt:[d]
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76 [Uri] Rubin. »Ḥanīfiyya and Ka'ba« [»Hanifiyya and Ka'ba: An Inquiry into the Arabian Pre-Islamic Background of Din Ibrahim«, in: Arabs and Arabia on the Eve of Islam, hg.v. Francis E. Peters, Aldershot 1999, S. 268-293].
77 [Hartmut] Bobzin, »The Seal of the Prophet« [»The ›Seal of the Prophet‹: Towards an Understanding of Muhammad's Prophethood«, in: The Qur'an in Context. Historical and Literary Investigations into the Qur'anic Milieu, hg. v. Angelika Neuwirth, Nicolai Sinai u. Michael Marx, Leiden 2010, S.565-585].
78 Zu der Wortentwicklung von ummī siehe [Josef] HOROVITZ, Koranische Untersuchungen, [Berlin, Leipzig 1926] S. 52f und HOROVITZ, Jewish Proper Names [and derivatives in the Koran, Hildesheim 1964], S.46f.
79 Ich danke Friedman Eißler für wichtige Hinweise, die paulinische Konzeption betreffend.
80 Übersetzung Berger [, Nord], Das neue Testament und frühchristliche Schriften [Übersetzt und kommentiert von Klaus Berger u. Christiane Nord, Frankfurt am Main 2005], S.140.
Angelika Neuwirth
aus «Der Koran als Text der Spätantike», S.649ff
Unsere Anmerkungen
a] gemeint ist Mohammed
b] also nach der Hidschra 622
c] vgl. Mbl.27
d] „Allāh, segne Mohammed und das Geschlecht Mohammed, wie du gesegnet hast Ibrāhīm und das Geschlecht Ibrāhīm, ...”