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Neudenken:
Zeitgewissen
Beim Lösen ihres Verhältnisses zur Zeit - gleichgültig ob dieses als Bindung an die Zeit oder als Frage aufgefaßt wird - hat die Menschheit verschiedene Stationen zu durchschreiten. Zunächst wurden alle Zeiten als Rhythmen erlebt. Dabei war die stetige Erneuerung das Element, das die Dauer und das Werden in sich schloß. Diese beiden Wirklichkeiten erfuhren und erfahren immer noch eine schwerwiegende Veränderung durch das menschliche Denken, das - in Grenzen durchaus berechtigt und notwendig - auch auf Vereinfachung angelegt ist. Auf einer ersten Stufe der Ich-Werdung ist diese sogar unumgänglich. Viele Phänomene des Lebens können aber durch dieses vereinfachende Denken nicht mehr genau genug und damit nicht mehr angemessen erfaßt werden. Ein solches Phänomen ist die stetige Erneuerung des Rhythmus. Man hat die ewige Wiederholung des Gleichen daraus gemacht. So wird gern das zyklische Zeiterleben der alten Völker gedeutet, um es den späteren christlichen Lehren gegenüber als naturgebunden und damit sinnlos und eitel abtun zu können. Schon lange vor der Zeitenwende wurde, vor allem vom Judentum [a], das hierin eine bahnbrecherische Menschheitsaufgabe hatte, ein neues Denken ausgebildet. Es brachte im Hinblick auf das Zeiterleben die Vorstellung einer geraden Linie mit Weltenanfang und Weltenende zu dem bisherigen Denken in Zeitenkreisen hinzu. Zum Erleben der Rhythmen und zur Vorstellung vom Kreis der Zeiten trat die Vorstellung vom Pfeil der Zeit hinzu. Eine Studie über das Miteinanderringen dieser beiden Zeitvorstellungen, über ihre jeweilige Bedeutung und Berechtigung und ihre gegenseitige Ergänzung als ein Stück Bewußtseinsgeschichte der Menschheit - historisch und geisteswissenschaftlich dargestellt - steht noch aus.
[...]
In Wahrheit ist aber alles zeitliche Geschehen ein vielfältig verflochtenes Rhythmengefüge, dessen Wellen das Leben der Welt tragen und ordnen. Allein der Mensch sollte sich aus einem Teil dieser Rhythmen lösen können, um so die Möglichkeit zur Freiheit zu erringen. Diese besteht darin, entweder ohne rhythmisches Leben ins innere und äußere Chaos zu geraten, oder die vorgegebenen Naturrhythmen aus freiem Wollen zu achten, sie bewußt aufzunehmen und durch einen inneren Kalender selbstgewählter, kulturschöpferischer Lebensrhythmen zu ergänzen.[b] Die als geradliniger Strom gedachte Zeit ist jedoch eine reine Abstraktion. Sie verfällt ins Wesenlose. Die Zeitenrhythmen hingegen verfallen nicht. Sie führen durch die Erneuerung an das Ganze des zeitlichen Nacheinander und durch ihre Stetigkeit an das Überzeitliche der Dauer heran. »Rhythmische Vorgänge sind weder in der Natur noch im Menschen etwas Physisches. Man könnte sie halbgeistig nennen. Das Physische als Ding verschwindet im rhythmischen Vorgang« (167 Nr. 165-167) Die Überzeitlichkeit des Zugleich in der Dauer kräftigt ein umfassendes Bewußtsein. Sie weckt die Verantwortung für Zeit und Ewigkeit. Das Zeitgewissen erwacht.
Mit Zeitgewissen ist hier nicht nur die Wachheit und Verantwortung für unsere Zeit gemeint. Im Gewissen kündigt sich immer schon ein subtiles Umgehen mit dem eigenen Selbst an. Darin regt sich auch das durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sich selbst zeitigende Wesen.[c] Dieses Wesen ist es, mit dem wir, wenn wir »auch nur abstrakte Gedanken haben, in dem Zeitleib darinnen« (173, 10.4.22) stecken. »Ich habe ihn«, sagt RUDOLF STEINER, »in meinen Büchern Ätherleib oder Bildekräfteleib genannt.[d] Dieser Bildekräfteleib ist eben ein Zeitorganismus. Er ist das erste, was wir entdecken auf dem Wege der imaginativen Forschung [e]« (s.o.) Und dieser unser Zeitleib ist nicht isoliert, sondern in vielfältiger Weise mit den Zeiten und Rhythmen des ganzen Kosmos verbunden. Deshalb kann in diesem Bereich die Trennung von »subjektiv« und »objektiv« nicht in dem Sinne aufrecht erhalten werden, wie man das in der äußeren Naturwissenschaft glaubte sich angewöhnen zu dürfen. Auch die Naturwissenschaft kann in ihrem Erkenntnisbemühen den Menschen nicht gänzlich ausschalten. [...]
Wilhelm Hoerner
aus «Zeit und Rhythmus»; S.298ff
Unsere Anmerkungen
a] also etwa ab 530v
b] Als Grundlage dafür kann die Meditation gelten.
c] vgl. Mbl.6: Anm.>G>
d] vgl. Mbl.5
e] vgl. MblB.33a