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Neudenken:
Sterbensaugenblick
Im Sterben löst sich der Mensch von seinem Körper; wenn er gestorben ist, nimmt er ihn zum erstenmal seit seiner Geburt auf der Erde von außen wahr. Er sieht seinen Leib und kommt zu der Erkenntnis: Das, was dir dein Ich-Bewußtsein gab, wodurch du du selbst sein konntest, das siehst du jetzt von außen. Und zugleich mit dieser Wahrnehmung und dieser Erkenntnis entsteht die Gewißheit: Ich kann dieses Bewußtsein meiner selbst, dieses Selbstbewußtsein, auch ohne den Leib haben, den ich nun vor mir sehe; und darum kann ich, wenn ich auf den Todesaugenblick zurückblicke, stets wissen, daß ich ich selbst bin. In diesem Augenblick erwacht die Individualität des Menschen zu sich selbst. Jetzt wird, nach einem Ausspruch Novalis', „der Geist geboren”.(7) Dieser „Geburtsmoment” wird dem Verstorbenen immer gegenwärtig bleiben als der Zeitpunkt, in dem sich die Achsen der inneren Augen gleichsam kreuzen. Doch zu dieser Erfahrung kommt noch eine andere hinzu.
Der Tod bringt Verlassenheit, Einsamkeit. Allmählich kommt sie auf bei jenen, die von den Erinnerungen an den Verstorbenen umgeben sind, die ihn manchmal als fast noch greifbar anwesend erfahren, bei jenen, die für die Pflege seines abgelegten Körpers sorgen. Auch der Sterbende selbst war langsam immer einsamer geworden.[a] Sterben ist eine Erfahrung, die, wenn sie auftritt und so wie sie auftritt, mit niemandem geteilt werden kann. Das Sterben macht aller [physischen] Gemeinsamkeit mit Menschen und Dingen ein Ende. [...]
Was sich für ihn selbst im Zugehen auf den Tod, für die anderen nach dem eingetretenen Tod allmählich vollzieht, das bricht beim Verstorbenen im Todesaugenblick abrupt durch: ein Gefühl des totalen Verlassenseins. Der Verstorbene verliert den Kontakt mit allem, womit er sich auf der Erde verbunden fühlte. Er bemerkt, wie er von den Erdbewohnern verlassen wird, wie auch sein Körper ihn verläßt, das Werkzeug, mit dem er wahrnehmen, denken, fühlen und wollen konnte. Es ist, als ob er im Sterbensaugenblick in eine Art Stillstand geriete, als ob sich die Erde entfernte,[b] sich unter ihm wegbewegte. Die Erde, mit allem, was zu ihr gehört, zieht weiter auf ihrer Bahn durchs Weltall. Der Verstorbene fühlt, wie er zurückbleibt.
Solange wir auf der Erde leben, fällt es uns überhaupt nicht auf, daß sich die Erde mit uns durch das Weltall fortbewegt. Unsere tägliche Lebenserfahrung spiegelt das Gegenteil. Der feste Boden unter unseren Füßen suggeriert, daß sich die Himmelskörper um uns herum bewegen und die Erde still steht. Erst derjenige, der stirbt, bemerkt, wie unsere Erde in fortlaufender Bewegung begriffen ist. Und er merkt, daß er selbst nun keinen Anteil an dieser Bewegung mehr hat. Er fühlt, wie er jetzt zurückbleibt, er fühlt, wie er selbst zur Ruhe kommt. Er erfährt, wie er anfängt, Teil einer Welt der Ruhe zu werden. Wer je in einer Sommernacht lange zum Sternenhimmel aufgeschaut hat, irgendwo, wo die Sterne noch in vollem Glanze sichtbar sind, der wird sich in diese Erfahrung des Verstorbenen versetzen können.
Für den Verstorbenen ist es eine erschütternde, völlig neue Erfahrung, zu bemerken, wie er im Stich gelassen wird von seiner Leibeshülle, in der jeder Mensch mit sich allein ist und mit der er sich identifizieren kann. Jetzt ist jegliche Hilfe, alle Unterstützung von außen weggefallen. Der Verstorbene kann nun in sich selbst ruhen.[c]
Die erste fundamentale Erfahrung, die das Sterben mit sich bringt, bewirkt eine Veränderung, wie sie größer kaum denkbar ist [...]: Jetzt müssen die Kräfte, die das Leben trugen, von innen kommen. Der Verstorbene weiß, daß er nun in sich selbst ruhen muß. Er spürt, wie dieser Zustand Eigenaktivität erfordert, daß er sich selbst zum Leben erwecken muß, daß er das zum Leben erwecken muß, was er jetzt ist. Er spürt: Dies gibt mir die Kraft, das zum Leben zu erwecken, was ich eigentlich bin.[d]
Arie Boogert
7) „Wenn ein Geist stirbt, wird er Mensch. Wenn der Mensch stirbt, wird er Geist.” Novalis, Freiberger Studien (1798/99).
aus «Wir und unsere Toten»; S.16ff
Unsere Anmerkungen
a] klassischerweise eine Tunnelerfahrung, wobei das Einsamkeitserleben mit dem Licht am Ende des Tunnels abebbt
b] vgl. »TzN Okt.2004«
c] wenn er nicht von dem geplagt wird, was er nicht losgelassen hat
d] wobei es Hilfestellungen sowohl von der geistigen als auch von der irdischen Welt geben kann