zum IMPRESSUM
Text
zum
Neudenken:
Aktualität der Botschaft Manis
Historisch betrachtet stellt der Manichäismus eine Botschaft dar, die von ihrem Gründer, dem Perser Mani (216-276 n. Chr.[a]) verkündet und niedergeschrieben wurde. Teile dieser Schriften wurden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt. Obwohl es sich um Fragmente handelt, geben sie einen Überblick über Inhalt und Wirkung der Botschaft Manis.
Mani gab seiner Verkündigung bewusst einen universellen Charakter. Im erst Mitte des 20. Jahrhunderts wiederentdeckten Kölner Mani-Kodex aus dem 5. Jahrhundert kann man lesen: «Damals wurde ich also nach dem Wohlgefallen meines allerseligsten Vaters ausgesandt, um in der Welt einherzuziehen, sodass durch mich die Schöpfung geheiligt werde und er durch mich die Wahrheit seiner Gnosis [b] in der Mitte der Völker und der Religionen sichtbar werden lasse.»¹¹
Kennzeichnend für den Manichäismus ist der Versuch, Sinn und Bedeutung von Gut und Böse in ein Menschenbild zu integrieren. Kosmogonie und Anthropologie gehen Hand in Hand. Das Böse ist nichts, was dem Menschen lediglich von außen zustößt. Die Natur des Menschen selbst wird aus den kosmischen Kräften des Lichts wie auch aus denen der Finsternis gebildet. Es sind schöpferische Prinzipien. Beide sind notwendig, damit etwas entsteht.[c] Nach der Schöpfungsgeschichte, wie Mani sie in dramatischen Bildern erzählt hat, wurden diese Kräfte in der allerersten Schöpfungsphase miteinander vermischt. Diese Vermischung bildete die Substanz, aus der die Welt entstand. Auch der Mensch wurde aus beiden Kräften geschaffen. Indem er sich bewusst wird, dass auch er diese Kräfte als Veranlagung in seiner Natur trägt, verwandelt er sie in ethische Kategorien. Zu Gut und Böse werden sie also erst im Menschen, die ethische Dimension kann erst in ihm einen Anfang nehmen.
Die Schöpfungsgeschichte findet so ihre Bestimmung im Menschen. Aber diese Endbestimmung ist zugleich der Ausgangspunkt einer neuen Schöpfung, in der jeder Mensch zumindest seiner Veranlagung nach die Möglichkeit hat, im ethischen Bereich selbst schöpferisch zu werden. Ihr kommt im Manichäismus eine ganz besondere Bedeutung zu. Es handelt sich nämlich darum, das Böse, das in die Schöpfung eingebunden ist, nach und nach durch die Einwirkung des Guten zu erlösen. Dabei geht es weniger um einen äußeren Kampf als um einen inneren Prozess. Jeder Mensch ist aus Licht und Finsternis entstanden und besitzt die Möglichkeit, beide Kräfte in Wechselwirkung treten zu lassen, weil er beide in sich trägt.
[...]
Die wachsende Aktualität der Botschaft Manis kann man am Stellenwert ablesen, den das Böse in der weltweiten Debatte über den Terrorismus einnimmt. Abermals möchte ich die Philosophin Susan Neiman zitieren: «Jeder, der das Problem der Welt ergründen möchte, stößt irgendwann auf das Problem des Bösen.»¹³ Die Denker der Aufklärung seien nicht weiter gelangt als höchstens zu einem Bewusstsein von der Existenz des Bösen. Nachdem die scholastische Tradition dessen Realität bestritten hatte,[d] stellte dies immerhin einen wichtigen Schritt dar. Aber eine bloße gedankliche Annäherung an dieses Phänomen reiche nicht aus: «Das Problem des Bösen auf eine intellektuelle Weise lösen zu wollen, würde eine Art Verrat bedeuten. Anschließend könnte man die Probleme der Welt einfach mit einem Achselzucken abtun. Das Bewusstsein, dass etwas mit der Welt nicht in Ordnung ist, zwingt uns, praktische Lösungen zu suchen.»
Christine Gruwez
¹¹) Kölner Mani-Kodex, 108-110, übersetzt von Ludwig Koenen und Cornelia Römer. In : Mani. Auf den Spuren einer verschollenen Religion, Freiburg 1993.
¹³) Susan Neiman in einem Interview der niederländischen Zeitung NRC vom 27. November 2004.
aus «Zeitgenosse werden»; S.64ff
Unsere Anmerkungen
a] Mani lebte im Sassanidenreich unter Ardaschir I., dann unter Schapur I. (vgl. "Manis Berufung") sowie Hormizd I., der ihn förderten, und erlitt den Kettentod unter Bahram I.
b] <he gnõsis> (griech. ~ geistige Erkenntnis)
c] vgl. »TzN Mai 2008« und "manichäischer Dualismus" sowie "Polbildung im Sozialen"
d] angefangen mit Augustinus, der übrigens von 373 bis 382 Auditor (Gemeindemitglied) bei den Manichäern in Tagaste gewesen war