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Neudenken:
Adam im Islam
Die Stellung des Menschen im Islam, und ganz besonders im Sufitum, ist ein Kontroversthema für westliche Gelehrte. Einige waren der Überzeugung, daß der Mensch als Gottes ›Diener‹ oder ›Sklave‹ vor dem Allmächtigen keinerlei Wert habe: er verschwindet fast, verliert seine Persönlichkeit und ist nichts als das Instrument eines unwandelbaren Geschickes. Der Begriff des Humanismus, auf den die europäische Kultur so stolz ist, wäre diesen Gelehrten zufolge dem islamischen Denken grundsätzlich fremd. Andere wieder sahen in der Entwicklung des späteren Sufitums eine Gefahr, die möglicherweise zu absolutem Subjektivismus führen könnte, weil die menschliche Persönlichkeit sozusagen so ›aufgebläht‹ ist,[a] daß sie als Mikrokosmos, als vollständiger Spiegel Gottes betrachtet wird. Die Lehre vom Vollkommenen Menschen schien manchen Orientalisten äußerst gefährlich für die islamische Anthropologie zu sein - nicht weniger gefährlich als die angeblich so demütigende Rolle des Menschen als ›Sklave Gottes‹.
Nach koranischer Aussage ist der Mensch »von Gottes Händen« (Sura 38/75) geschaffen worden, ein Gedanke, den die Überlieferung dann ausgeschmückt hat: Gott knetet Adam aus Lehm vierzig Tage lang, bevor Er ihm Leben und Geist schenkte, indem »Er ihm Seinen Atem einhauchte« (Sura 15/29; 38/72). Das bedeutet, Seine Gegenwart wirkte vierzigtausend Jahre auf ihn ein (B 545)¹, wie Baqli [b] diese Überlieferung interpretiert. Und er fährt fort: »Die Form Adams ist der Spiegel beider Welten. Was immer in diese beiden Reiche gelegt worden war, ist in der menschlichen Form sichtbar gemacht worden. ›Und Wir werden Unsere Zeichen in den Horizonten und in ihnen selbst anzeigen‹ (Sura 41/53; B 437).«
Dieser Schöpfungsmythos verleiht dem Menschen eine außerordentlich hohe Stellung; er ist in jeder Hinsicht Gottes vollkommenstes Werk, lebt durch Seinen Odem und ist damit gewissermaßen ein Spiegel, der Gottes Eigenschaften reflektiert - wie die Tradition sagt »Er schuf Adam nach Seinem Bilde« ('alā sūratihi) [c]. Adam, so gesehen, ist der Prototyp des Vollkommenen Menschen; er wurde mit der besonderen Gnade des Wissens ausgezeichnet. »Er lehrte Adam die Namen«, sagt der Koran (Sura 2/31). Den Namen einer Sache zu kennen aber bedeutet, fähig zu sein, über sie zu herrschen; so wurde Adam dank seiner Kenntnis der Namen zum Meister alles Geschaffenen. Doch diese einfache koranische Feststellung wurde manchmal auch so erklärt, daß Gott Adam die Kenntnis der Gottesnamen geschenkt hatte, wie sie sich in der Schöpfung widerspiegeln, Namen, die er dann in seinen Gebeten benutzen konnte. Adam wurde so zum 'allama'l-asmā-beg, dem Fürsten von »Er lehrte die Namen«, wie Rumi [d] mit einer merkwürdigen Kombination arabischer und türkischer Elemente sagt (M I 1234)². Gott machte Adam zu Seinem khalīfa, Seinem Statthalter auf Erden, und befahl den Engeln, sich vor ihm niederzuwerfen - denn der Mensch ist höher als die Engel (vgl. H 239)³, denen das Geheimnis der Namen nicht anvertraut worden ist und die nichts tun, als Gott in vollkommenem Gehorsam anzubeten, während der Mensch die Wahl zwischen Gehorsam und Rebellion genießt [e] - oder unter ihr leidet (obgleich diese Wahl durch Vorherbestimmung [f] begrenzt sein mag). Dem Menschen wurde die amāna gegeben (Sura 33/72), jenes anvertraute Gut, das zu tragen Himmel und Erde sich weigerten. Dieses Gut ist verschiedenartig interpretiert worden - als Verantwortlichkeit, Willensfreiheit, Liebe, oder Kraft der Individuation. [...]
Annemarie Schimmel
¹] Rūzbihān BAQLĪ, Sharh-i shathiyāt, Les paradoxes des Sufis, ed. H.Corbin (Tehran-Paris 1966) - nach Paragraphen zitiert
²] Jalāluddīn RŪMĪ, Mathnawī-yi ma'namī, ed. R.A.Nicholson, 6 Bde. (London 1925-1940) - nach Band und Zeile zitiert
³] 'Alī ibn 'UTHMĀN al-Hujwīrī, The 'Kashf al-Mahjūb', transl. R.A.Nicholson, London 1911, repr. 1959
aus «Mystische Dimensionen des Islam»; S.268ff
Unsere Anmerkungen
a] vgl. Mbl.5: Anm.3
b] Baqli war ein Dichter und Mystiker im Iran des XII.Jahrhunderts.
c] vgl. Gen.1,27
d] Der Dichter und Mystiker Rumi wirkte im XIII.Jahrhundert in Kleinasien.
e] die islamische Deutung von Notwendigkeit und Freiheit
f] kismet kann als islamische Ahnung vom Karma aufgefasst werden, allerdings einer fatalistischen Ahnung im Sinne einseitig verstandener Vorbegrenzung.