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Neudenken:
Ketzer
Der Ketzer verkörpert kein neues Problem; seine Erscheinung ist vielmehr sehr alt. Aber die alten Fragen sind nicht überholt, sondern müssen frisch gestellt werden. Von Zeit zu Zeit müssen die unvergänglichen Probleme wieder diskutiert und sollte über sie neu abgestimmt [a] werden. Keineswegs führt das wiederholte Nachdenken über sie zu den gleichen Resultaten, zu denen man früher kam. Vielmehr hat eine spätere Zeit auch eine andere Betrachtungsmöglichkeit, welche den vergangenen Jahrhunderten mit ihren oft noch unzulänglichen Mitteln nicht zur Verfügung stand. [...] Das realistische Erleben der unbekannten Wirklichkeit führt zunächst zu einer dringend notwendigen Rehabilitierung von einigen verfemten Gestalten. Eine Zeit, welche einen Geistesumbruch von solchem Ausmaß erlebt wie die Gegenwart, ist direkt aufgefordert, an diese überfällige Revision vieler Geschichtsurteile zu gehen. [...] Dem Häretiker kann nur auf häretischem Wege Gerechtigkeit widerfahren. Alle andern Kategorien entsprechen ihm zum voraus nicht und sind auch nicht imstande, in sein inneres Wesen einzudringen. Es ist notwendig, sich in das umwertende Denken [b] der Ketzer hineinzufühlen und für ketzerische Haltung, ketzerische Erfahrung und ketzerische Wirksamkeit Sinn zu bekommen. Bereits die innerlich aufregende Beachtung der Hinterseite [c] des Lebens ist im Grunde etwas Ketzerisches. Nur zu leicht gerät man dabei selbst auf verbotene Wege und bekommt unheimliche Dinge zu sehen, welche gewöhnlich absichtlich zugedeckt werden. Sind doch nicht alle Menschen an der Enthüllung der Wahrheit [d] interessiert, sonst hätte Pascal nicht jenes furchtbare Wort niedergeschrieben, an das man angesichts der Ketzer-Schicksale immer wieder denken muß: »Auf Erden ist nicht die Heimat der Wahrheit, unerkannt irrt sie unter den Menschen umher.[e]«3 Erstes Erfordernis für die neue Grundlage, auf die das Ketzerproblem gestellt werden muß, ist die seelische Bereitschaft, einen ungewohnten Pfad zu betreten, der in ein unbekanntes Gebiet führt. [...] Für unreife, innerlich ungefestigte Gemüter ist das Buch der Ketzer nicht geeignet, da es auf sie nur eine verwirrende Wirkung ausüben kann. Es müssen neben großen Wahrheiten auch dämonische Versuchungen zur Sprache gebracht werden, welche ein kritisches Denken und die Gabe der Geisterunterscheidung erfordern. [...]
S.12f
Der echte Ketzer, der nicht mit dem Sektierer, welcher sein individuelles Schicksal zum allgemeinen Gesetz erheben will, verwechselt werden darf, wird von ganz anderen Kräften getrieben, die man nicht in einen kurzen Satz zusammenfassen kann. [...] Ungeheure Widersprüche klaffen auf, welche die Spannung verursachen, die den Ketzer zu jenem reichhaltigen Phänomen machen, das auch in jedem Jahrhundert wieder einen anderen Ausdruck annimmt. Da die Anschauungen der Ketzer verschieden waren, kann der Typus des Häretikers inhaltlich nicht auf einen Nenner gebracht werden. [...]
Nach Bernard Shaw ist »jeder wahrhaft religiöse Mensch ein Ketzer, daher auch ein Umstürzler«.9 [...] Nicht jeder, aber viele religiöse Menschen sind Häretiker, muß man sagen. Der Ketzer ist nicht das gottlose Scheusal, als das er so lange hingestellt wurde, sondern hat mit dem Propheten, dem Heiligen zunächst einmal die Gemeinsamkeit, daß er als der religiös lebendige Mensch für seinen Glauben alles opfert und von einer christlichen [f] Dynamik erfüllt ist. [...] Der Häretiker nimmt die Folgen seiner Handlungsweise entschlossen auf sich, aus seiner Einsatzbereitschaft kann man lernen, was der Wahrheit Treue halten heißt. Diese innere Lebendigkeit setzt ein außerordentlich starkes religiöses Interesse voraus, das im Ketzer überdurchschnittlich vorhanden ist.
S.16
Walter Nigg
3) Pascal: Pensées, Fragm. 843
9) B. Shaw: Mensch und Übermensch, 1946, S. 275
aus «Das Buch der Ketzer»
Unsere Anmerkungen
a] Über Fragen des Geistesleben lässt sich allerdings längst nicht mehr konziliär abstimmen. So sehr sie letztlich die gesamte Menschheit betreffen mögen, hängen die Antworten vom individuell denken-, fühlen- und handelnden Menschen ab.
b] siehe etwa, wie Paulus, auf den sich ja fast alle christlichen Ketzer berufen, mit der alten Schrift umgesprungen ist
c] also der unbewussten Seite, die sich äussert (siehe zB. «Die philosophische Hintertreppe»)
d] Ohnehin kann nur das jeweilige Antlitz der Wahrheit enthüllt werden, das von der sie offenbarenden Person unweigerlich mitgestaltet wird.
e] vgl. mit der Schechinah
f] oder mosaischen, muslimischen usw.