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Neudenken:
Heilende Zärtlichkeit
Freisetzende Berührungen sind von zärtlicher Art. Zärtlichkeit umhüllt den Spielraum menschlicher Fähigkeiten. In der Hülle aus Zärtlichkeit wird sich der Mensch freier entfalten können als im Sturm der Kritik.[a] Die zärtliche Berührung will nichts für sich;[b] sie macht aber vieles möglich, indem sie nicht nur den Verletzlichen schützt, sondern ihn tiefer ergreift und begreift.
Heinrich Böll [c] spricht zum Beispiel in dem Drei-Tage-Gespräch mit Christian Lindner⁷ von der Theologie der Zärtlichkeit: «Im Neuen Testament steckt eine Theologie der - ich wage das Wort - Zärtlichkeit, die immer heilend wirkt; durch Worte, durch Handauflegen, das man ja auch streicheln nennen kann,[d] durch Küsse, eine gemeinsame Mahlzeit - das alles ist nach meiner Meinung total verkorkst und verkommen durch eine Verrechtlichung, man könnte wohl auch sagen durch das Römische,[e] das Dogmen, Prinzipien daraus gemacht hat, Katechismen; dieses Element des Neuen Testaments - das zärtliche - ist noch gar nicht entdeckt worden; es ist alles in Anbrüllen, Anschnauzen verwandelt worden ...[f]» Zärtlichkeit heilt. Sie heilt den Berührten wie den Berührenden gleichermaßen. Beide nehmen sich gegenseitig wesenhaft «wahr». Sie bewahrheiten sich als Übersinnliche im sinnlichen Dasein. So erscheint Zärtlichkeit «wesenserfüllt». Wo Berührung «wesenlos» getätigt wird, wirkt sie wie ein vernichtender Schlag, etwa dem elektrischen Schlag vergleichbar, der ja auch am «Kontakt» entsteht. Die wesenserfüllte Berührung intensiviert das ätherische Leben. Der Ätherleib [g] wird spürbar. Die Sich-Berührenden «begreifen» diesen Ätherleib «mit dem, was man in die Hand, in die durchgeistigte Hand hineinbekommt».⁸ So gehen wir zu dem Engel des Menschen,[h] wenn wir ihn zärtlich berühren. Wir «begreifen» ihn übersinnlich. Diese spirituelle Wahrnehmung des anderen in der Berührung ist allerdings eine Frucht individueller Übung. Soziale Fähigkeiten werden in unserem Jahrhundert nur bedeutsam erscheinen, wenn sie auf den Übungswegen des einzelnen beruhen.
In einem Interview⁹ äußerte sich Peter Handke [i] über Gefahren und Chancen des Alleinseins. Das Alleinsein ist nicht nur zentrales Thema vieler seiner Bücher, er mußte es auch leben lernen. Infolge des Scheiterns seiner Ehe war er gezwungen, mit seinem damals zweijährigen Kind über viele Jahre allein zu leben. Das kleine Kind verhinderte, daß der Abriß zu schnell und oberflächlich wurde, daß er also übereilt neue Zweisamkeit suchte und einging. Das Kind machte das Alleinsein vollständig. Indem er sich auf die Schritte und Lebensbedingungen des Kindes einstellte, mußte das eigensüchtige Maß seiner eigenen Schritte und Lebensbedingungen schweigen. Handke schildert in dem sehr lesenswerten Interview, wie auf den Grund hin elend dieses Alleinsein war. «Das Alleinsein ist lebensgefährlich. Denn man braucht es, mindestens einmal am Tag wahrgenommen zu werden, eine Aufmerksamkeit zu spüren ... Das Gefühl der Unwirklichkeit stellt ... sich ein, wenn man in der Vereinzelung nicht mehr geistesgegenwärtig ist und irgendwo wegsinkt.». An diesem Nullpunkt schuf sich Handke die fruchtbare Wendung. Eine neue Art von Ordnung mit sich selbst entstand aus dem Bemühen, das Alleinsein zu bewältigen. Langsam und konzentriert wuchs er in diese Ordnung hinein. Er wurde ein anderer, ein neuer Mensch. Der einzelne gewinnt in dieser individuellen Konzentration ein neues geistiges Vermögen. Handke bezeichnet dieses Vermögen als «sanfte Kraft der Spiritualität». «Solženicyn hat in seiner Harvard-Rede [k] von der mangelnden Spiritualität im Westen gesprochen. Ich habe einen ganz anderen Eindruck: Daß durch den epochalen Vorgang des Alleinseins - das ist schon ein epochaler Vorgang, der sich da aus vielen privaten Fällen zu einer gewissen öffentlichen Kraft zusammenballt -, daß durch diesen oft gar nicht gewollten Vorgang des Alleinseins und dem Alleinleben allmählich eine sanfte Kraft der Spiritualität entsteht, überall. Und daß dadurch die Möglichkeit eines anderen Paares entsteht, Paare wieder möglich erscheinen ... das Ideal wäre, mit jemand zu leben und dabei die Kühnheit, die man durch das Abenteuer des Alleinlebens erst erreicht hat, zu erhalten und sogar zu harmonisieren. Und die Liebe, die könnte darin bestehen, daß der andere, oder die andere wirklich wie aus der Tiefe der Zeiten zu einem reden kann - einem ins Gewissen redet, was es sein kann, zu zweit zu sein. [...]»
Dorothea Rapp
7 Heinrich Böll / Christian Lindner, Drei Tage im März, Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch 1975.
8 Rudolf Steiner. Meditative Betrachtungen und Anleitungen zur Vertiefung der Heilkunst, GA. Bibl.-Nr. 316, 3. Auflage Dornach: Rudolf Steiner Verlag 1987.
9 Der Spiegel Nr. 28/1978.
aus «Alchemie der Nähe»; S.31ff
Unsere Anmerkungen
a] vgl. zB. Steiner: „Hingabe statt Kritik
b] Sonst ist sie nicht nur zärtlich, sondern auch verlangend.
c] Der Kölner Böll war Mitglied der „Gruppe 47”, die sich literarisch und publizistisch mit dem II.Weltkrieg und der deutschen Nachkriegszeit auseinandersetzte.
d] Kann man eigentlich nicht, es sei denn, man verwechsle den Heilungsimpuls Jesu Christi mit einer rein zwischenmenschlichen Geste.
e] dessen Staatsmacht sich seit Constantinus Cæsar (ab 312) mit dem Christentum verbunden hatte
f] Der Sprecher vergisst die vielfältigen Äusserungen christlicher Mystik durch alle Jahrhunderte.
g] vgl. Mbl.5
h] insofern Engel ihre Wirksamkeit in der Lebendigkeit (in den Bildekräften) entfalten
i] Der Kärntner Handke ist ein Einzelgänger geblieben.
k] Der russische „Romancier des Gulag” Aleksandr Solschenizyn hielt 1978 seine Adress at Harvard Class Day.