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Neudenken:
Kristall bei Novalis
Sternengeheimnisse und Erdengeheimnisse verbindet das Weihnachtsgeschehen, und so singt Novalis [a]:
«Aus Kraut und Stein und Meer und Licht
Schimmert sein kindlich Angesicht.»
Und in die Erdentiefen werden wir geführt, wenn wir daran denken, daß zur Winterszeit der Weihnacht die wache Erde durch ihre Kristalle [b] das Weltenall erschaut. Tiefe Erlebnisse in bezug auf das Innere der Erde hat Novalis, als er sich vorbereitete für seinen Beruf durch das Studium an der Bergakademie in Freiberg und dort auch praktische Erfahrungen sammelte. Er kann daraus in seinem Bergmannslied etwas geben von der werktätigen Freude der Menschen, die in den Schächten der Erde den kosmischen Geheimnissen begegnen in den die Erdentiefen durchglitzernden und durchglänzenden Kristallen. Und eine wunderbare Vertiefung hat dieses Erdenleben dann noch gefunden in dem Gedicht über den Karfunkel, die mittelalterliche Bezeichnung für den Granat. Man wird hier erinnert an den Beginn einer alten Rosenkreuzerformel: «Ich habe das ewige Schöpferwort in den Stein gelegt.»
«Es ist dem Stein ein rätselhaftes Zeichen
Tief eingegraben in sein glühend Blut,
Er ist mit einem Herzen zu vergleichen,
In dem das Bild der Unbekannten ruht.
Man sieht um jenen tausend Funken streichen,
Um dieses woget eine lichte Flut.
In jenem liegt des Glanzes [c] Licht begraben,
Wird dieses auch das Herz des Herzens haben?»
Man möchte bei dem Gedanken des Zusammenhangs zwischen Kristallwelt und Himmelssphäre auch daran denken, daß bei der szenischen Ausgestaltung der «Mysteriendramen»[d] Rudolf Steiners das Himmelsgebiet des Devachan, aus dem Maria mit den Seelenkräften das Kommen des Johannes in diesen Bereich vorbereitet, als Kristallumgebung angedeutet wird. So ist der Weg gezeichnet vom Erdenkristall, den die Augen sehen, zum Himmelskristall, der in höherer Art seinem Wesen gemäß wahrgenommen wird, und es berührt wiederum das Weihnachtsmotiv, daß wir das Christ-All in allen Welten finden. Novalis vermag immer, wenn er von der geheimnisvollen Wunderwelt der Kristallbildungen spricht, ahnen zu lassen, daß hier Bilder in unsere Welt hereingestellt werden von Realitäten [e], die darüber liegen. [...]
Es ist sicher ein schöner Brauch, bei der Aufstellung der Weihnachtskrippen seltene Mineralien heranzutragen, um so in einer sinnbildlichen Art dem Kinde das Schönste zu widmen, was in dem Besitze der Menschen ist, wie die Könige und Hirten einst ihre frommen Gaben brachten. Sternenwirken und Erdenwirken möchte man bis in das ganz Intime des Seelenlebens hinein verbunden fühlen in der heiligen Weihnachtszeit und den Weg zum göttlichen Kind, zum weltenheilbringenden Christus immer aufs neue in dieser Festesstimmung beschreiten.
Gerlind Zaiser
aus D.SIXEL: «Festeszeiten im Jahreslauf»; S.297f
Unsere Anmerkungen
a] Georg Friedrich v.Hardenberg
b] vgl. R.Steiner über die Kristallisation
c] hebr. SOHAR, griech. he dóxa, lat. gloria
d] STEINER, R.: «Vier Mysteriendramen»
e] eigentlich Wirklichkeiten (vgl. »TzN Jän.2004«: Anm.b)