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Neudenken:
Vom Zentrum
In einer Orange ist das Zentrum der Punkt ganz in der Mitte, so daß, wenn ihr hier einen Zirkel ansetzt, er gleichmäßige Kreise zieht. Jeder äußere Punkt, der sich in gleicher Entfernung zum Mittelpunkt befindet,[a] gehört zum Umkreis. Das Zentrum wird erst sichtbar, wenn man die Orange teilt. Jedoch ihr äußerster (ihr kugelförmiger Umfang) ist offensichtlich.
Dieses Bild hilft euch zu verstehen, daß mein unendlich unbegreiflicher Gott ein vollkommenes Zentrum ist, das niemand sehen und erkennen kann, das nur er selber kennt.[b] Denn er ist so unteilbar wie unsichtbar, so unsichtbar wie unbegreiflich. Unser Verstand kann ihn nicht erfassen, nur unser Wille (unsere Liebe) ist fähig, ihm in Glückseligkeit zu begegnen. Da Gott aber unsere inneren Bewegungen so offenbar sind wie unsere äußeren Werke, müssen wir schließen, daß es weder im Geschöpf eine verborgene Tiefe gibt, noch bei Gott einen Umfang, den das Geschöpf erfassen könnte.
Zwar ist das Zentrum in uns Menschen die geheimste, verborgenste und tiefste Innerlichkeit unserer Geistseele. Diese Verborgenheit liegt aber für die göttliche und ewige Weisheit so klar zutage, daß man vergleichsweise von der Erkennbarkeit der Farben auf den Oberflächen der körperhaften Dinge sprechen könnte, wäre dieser Vergleich nicht viel zu grob. Das Zentrum Gottes dagegen, das Gott selber ist, übersteigt den höchsten Himmel und ist tiefer als jeglicher Abgrund.[c] Es ist länger als die Erde und breiter als das Meer, so daß der Flug der Seraphim [d] seine erhabene Unermeßlichkeit ebensowenig erreicht, wie die profundesten Geister die Unergründlichkeit seiner Urteile.
Während in jeder Kreatur das Zentrum punktförmig ist, muß man es in Gottes unendlicher Unerreichbarkeit als kubusförmige Vollkommenheit anschauen, denn es hat ebensoviel Höhe wie Tiefe, Länge wie Breite, weil es Gleichheit in höchster Einfachheit ist (Identität). Darum müßt ihr verstehen, daß man in der Kontemplation das göttliche Zentrum nur schauen kann, wenn sich der Geist der absoluten Einfachheit Gottes angleicht*, so daß es keine Geteiltheit mehr gibt. Darum wird auch ein letztes Verstehen Gottes, soweit es uns möglich ist, sich immer an der einen Wesenheit seiner wahrhaften Trinität orientieren müssen.
Bernardino de Laredo
in «Subida del Monte Sión»; 1535.1; II, 39
* Laredos Spiel mit cuadrado, cuadrar = quadratisch, vollkommen, sich angleichen, sich ausrichten, läßt sich im Deutschen schwer wiedergeben.
aus E.LORENZ: «Der nahe Gott»; S.90f
Das Eine ruht schweigend im Leeren und Losen
ohne Regung und Ausdruck und Kreisen;
Ihm selbst wird Bewegung erst, Wort und Erfassen
durch die Schöpfung des Zweiten, Genüber,
dazwischen das Dritte.
Johannes Maria Klein
aus dem 1.Garn von «Das Wegkind»
Unsere Anmerkungen

a] was allerdings bei der Orange nicht der Fall ist, denn im Gegensatz zur toten Form erscheint die lebendige niemals exakt - siehe auch Mbl.15 und W.HELD zum "Rand der Welt"
b] Dem steht der Gedanke gegenüber, dass die Gottheit (auch Urwille, Weltgeist, Weltenseele) ihre Umgebung schafft, um sich selbst erkennen zu können.
c] vgl. "Hinabflug in die Urstille"
d] vgl. Mbl.14