zum IMPRESSUM
Text
zum
Neudenken:
Von Johannes dem Täufer
Den Vorläufer [a] beschreibt der Evangelist [b] in vierfacher Hinsicht: Erstens im Hinblick auf seine natürliche Wesensart (naturae conditio), wenn er sagt «Es ist gewesen ein Mensch»; zweitens mit Blick auf seine Vollmacht (auctoritas), wenn er sagt «gesandt von Gott»; drittens mit Blick auf seine Befähigung zu seiner Aufgabe (officii idoneitas), wenn er sagt «Sein Name war Johannes»; viertens im Hinblick auf die Würde seiner Aufgabe (officii dignitas); dazu heißt es: «dieser ist gekommen [zum Zeugnis, daß er Zeugnis ablege über das Licht]».
Bei dem erstgenannten Aspekt muß man beachten, daß der Evangelist sofort seine Art zu reden ändert, wenn er über etwas Zeitliches spricht. Solange er nämlich weiter oben vom Ewigen sprach, verwendete er die Formulierung «es war» (erat);⁴° dabei handelt es sich um eine Form der unvollendeten Vergangenheit (praeteritum imperfectum), durch die der Evangelist darauf hinweisen möchte, daß das Ewige unbegrenzt ist. Wenn es jetzt aber um das Zeitliche geht, verwendet er den Ausdruck «es ist gewesen» (fuit), um darauf hinzuweisen, daß das Zeitliche vorübergeht und zugleich begrenzt ist.
Der Evangelist sagt also «Es ist gewesen ein Mensch», wodurch er [gleich] zu Beginn die verkehrte Auffassung der Irrlehrer über die Wesensart bzw. die Natur (conditio seu natura) Johannes' [des Täufers] ausschließt: Weil der Herr in Mt. 11,10 über Johannes [den Täufer] sagt: «Dieser ist es, über den geschrieben steht: Siehe, ich sende meinen Engel vor mir her» (desgleichen Mk. 1,[2]), sind diese Irrlehrer der Meinung, daß Johannes seiner Natur (natura) nach ein Engel gewesen sei. Um also diese Auffassung auszuschließen, sagt der Evangelist: «Es ist gewesen ein Mensch» seiner Natur nach, nicht ein Engel. Pred. 6,10 heißt es : «Man weiß, daß er ein Mensch ist und daß er nicht mit dem rechten kann, der mächtiger ist als er.» Zudem wird angemessenerweise ein Mensch zu Menschen gesandt, durch den die Menschen eher gewonnen werden, weil er ihnen ähnlich ist.[c] Aus diesem Grunde heißt es Hebr. 7,28: «Denn das Gesetz stellt Menschen als Priester auf, die mit Schwachheit behaftet sind.»[d] Freilich hätte Gott die Menschen durch die Engel lenken können, aber er zog es vor, sie durch Menschen zu leiten, damit sie durch ein Vorbild von Ihresgleichen besser belehrt würden. Deshalb ist Johannes ein Mensch gewesen und kein Engel.
Von Seiten seiner Vollmacht wird Johannes [der Täufer] beschrieben, wenn es heißt «gesandt von Gott». Obgleich Johannes seiner Natur nach kein Engel gewesen ist, so bestand seine Aufgabe doch darin, «von Gott gesandt» zu sein. Das Charakteristische der Engel liegt nämlich in ihrer Aufgabe (officium), von Gott gesandt zu werden und Boten Gottes zu sein.[e] Heb. 1,14 heißt es: «Sie alle sind dienende Geister (spiritus), zum Dienen ausgesandt.» Daher wird der Engel als ein Bote gedeutet - dennoch können Menschen, die von Gott ausgesendet werden, um etwas anzukündigen, als Engel bezeichnet werden; so heißt es etwa Hag. 1,13: «Es sprach Haggai, ein Bote des Herrn aus [der Schar] der Boten des Herrn.» Damit aber jemand Zeugnis über Gott ablegen kann, ist es notwendig, daß er von Gott gesandt ist; entsprechend heißt es Röm. 10,15: «Wie sollen sie verkünden, wenn sie nicht ausgesendet werden?» Denn wenn sie von Gott gesendet werden, sinnen sie nicht auf das Ihre, sondern auf Jesus Christus; so liest man 2. Kor 4,5: «Denn nicht uns selbst verkünden wir, sondern Jesus Christus.» Wer aber von sich selbst und nicht von Gott gesandt wird, sinnt aus das Seine oder auf die Angelegenheiten des Menschen, jedoch nicht auf Christus. So heißt es hier «Es ist gewesen ein Mensch, gesandt von Gott», damit du erkennst, daß Johannes [der Täufer] ausschließlich Göttliches und nichts Menschliches verkündet hat.
Man beachte ferner, daß drei Arten denkbar sind, von Gott ausgesendet zu werden: Einmal durch innere Inspiration (interna inspiratio)[f]; so heißt es Jes. 48,16: «Und jetzt haben der Herr und sein Geist mich gesandt», als würde der Prophet sagen: Durch innere Inspiration des Geistes (interior spiritus inspiratio) bin ich von Gott gesandt worden. Durch einen ausdrücklichen und offenkundigen Auftrag, der entweder sinnlich wahrgenommen (corporalis) oder imaginiert (imaginarius)[g] ist, kann ebenfalls jemand ausgesendet werden. Auch auf diese Weise ist Jesaja ausgesandt worden; daher sagt er Jes. 6,8: «Ich hörte die Stimme des Herrn, der sprach: Wen soll ich senden und wer wird für uns gehen? Und ich sprach: Hier bin ich, sende mich!» Schließlich [gibt es die Aussendung] durch einen Befehl eines Oberen, der dann gleichsam an die Stelle Gottes tritt; 2. Kor. 2,10 heißt es: «... denn auch ich habe - wenn ich überhaupt etwas zu verzeihen habe - um euretwillen anstelle Christi verziehen.» So werden diejenigen, die von einem Oberen ausgesendet werden, von Gott gesandt; beispielsweise sind in diesem Sinne Barnabas und Timotheus von dem Apostel [Paulus] ausgesendet worden. Wenn aber hier gesagt wird «Es ist gewesen ein Mensch, gesandt von Gott», so hat man sich vorzustellen, daß Johannes durch innere Inspiration oder vielleicht auch durch einen äußeren Auftrag (exterior iussio) von Gott ausgesendet worden ist. Weiter unten heißt es in diesem Kapitel [Joh. 1,33]: «Der mich gesandt hat, der sprach: Über wen du den Geist herabsteigen und über ihm bleiben siehst, dieser ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft.»⁴¹
Thomas von Aquino
40 Beispielsweise in den Aussagen «Im Anfang war (erat) das Wort, und das Wort war (erat) bei Gott»
(15 Die Imperfektform «war» (lat. erat) bezeichnet eine unbegrenzte Dauer; dagegen würde der Perfekt «ist gewesen» (fuit) wie auch die futurische Form «wird sein» (erit) auf eine begrenzte Zeit des Wortes hinweisen.)
41 Hier spricht Johannes der Täufer selbst und weist auf Christus hin.
aus «Super euangelium S.Ioannis lectura»; S.76ff
Unsere Anmerkungen
a] vgl. Mbl-B.1a: Anm.3
b] Jh.1,6-7
c] vgl. zB. mit Sur.33,6
d] Lex enim homines constituit sacerdotes infirmitatem habentes: sermo autem iurisiurandi, qui post legem est, Filium in æternum perfectum. (Das Gesetz nämlich setzt Menschen zu Hohenpriestern ein - zB. Deu.18,1-8 -, die selber schwach sind, das dem Gesetz folgende Eideswort aber den Sohn, der für die Ewigkeit vollendet ist.)
e] vgl. Mbl.12
f] vgl. Mbl-B.33b
g] vgl. Mbl-B.33a