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Neudenken:
Vom Heiligen Geist
45. [...]
Einer ist aber auch der Heilige Geist [a], auch er wird für sich allein genannt; er ist durch den einen Sohn dem einen Vater verbunden und vollendet durch sich die hochgepriesene und glückselige Dreiheit. Seine Zugehörigkeit zum Vater und zum Sohn wird dadurch hinreichend kund, daß er seinen Platz nicht in der Vielheit der geschaffenen Wesen hat, sondern für sich allein genannt wird. Der Heilige Geist ist in der tat nicht einer von vielen, sondern einer schlechthin¹⁴. So wie der Vater einer ist und der Sohn einer ist, ist auch der Heilige Geist einer¹⁵. Von den geschaffenen Wesen ist er so weit entfernt wie das Einfache vom Zusammengesetzten und dem, was in sich Vielheit hat. Mit dem Vater und dem Sohn ist er so sehr eins, wie das einzige dem einzigen zugehört¹⁶.
46. Nicht nur von hier aus ergeben sich Beweise für die Gemeinschaft hinsichtlich der Natur, sondern auch daraus, daß von ihm gesagt wird, er sei aus Gott, und zwar nicht in der Weise, wie alles aus Gott ist, sondern als aus Gott hervorgegangen, nicht wie der Sohn gezeugt, sondern als Hauch seines Mundes. Mit „Mund” ist hier kein Teil des menschlichen Leibes gemeint, und mit „Hauch” kein Atem¹⁷, der vergeht. „Mund” ist vielmehr auf Gott geziemende Weise zu denken und „Hauch” als lebendige Wesenheit,[b] die über die Heiligung [c] gebietet. Die Zugehörigkeit des Heiligen Geistes zu Gott wird hier offenbar gemacht, die Weise seines Existierens hingegen verborgen gehalten¹⁸.
Man nennt den Heiligen Geist auch Geist Christi, da er ihm seiner Natur nach zugehört. Daher heißt es: „Wenn jemand den Geist Christi nicht hat, gehört er nicht zu ihm” (Röm 8,9). Deshalb verherrlicht er allein den Herrn in würdiger Weise: „Denn jener wird mich verherrlichen”, sagt der Herr (Joh 16,14), nicht wie die geschaffenen Wesen, sondern als Geist der Wahrheit, der in sich selbst die Wahrheit hell aufscheinen läßt, als Geist der Weisheit, der in seiner Größe „Christus, die Kraft Gottes und die Weisheit Gottes” (1Kor 1,24) offenbart. Als Tröster [d] aber verkörpert er in sich die Güte des Trösters, der ihn gesandt hat. In seiner eigenen Würde offenbart er die Majestät, von der er ausgegangen ist¹⁹. Es gibt eine Ehre [e], die zur Natur gehört. So ist zum Beispiel das Licht die Ehre der Sonne. Es gibt aber auch eine Ehre, die von außen zukommt, aus freier Entscheidung, und die denen, die sie verdienen, mit gutem Grund erwiesen wird. Auch sie ist zweifach. Beim Propheten nämlich heißt es: „Der Sohn ehrt den Vater und der Knecht seinen Herrn” (Mal 1,6). Von diesen beiden Ehrungen wird die des Knechtes von der Schöpfung erwiesen, die sozusagen häusliche wird hingegen vom Geist dargebracht. Wie der Herr nämlich von sich selber sagt: „Ich habe dich auf Erden verherrlicht, indem ich das Werk vollbrachte, das zu vollbringen du mir aufgetragen hast” (Joh 17,4), so sagt er auch über den Tröster: „Jener wird mich verherrlichen, denn er wird von dem Meinen nehmen und euch verkünden” (Joh 16,14). Wie der Sohn vom Vater verherrlicht wird, der da sagt: „Ich habe verherrlicht und werde wieder verherrlichen” (Joh 12,28), so wird der Geist durch die Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn verherrlicht und durch das Zeugnis des Eingeborenen, der da sagt: „Jede Sünde und Lästerung wird euch Menschen vergeben werden, die Lästerung des Geistes aber wird nicht vergeben werden” (Mt 12,31).
47. Wenn wir mit Hilfe einer erleuchtenden Kraft²° mit unverwandtem Blick auf die Schönheit des Bildes²¹[f] des unsichtbaren Gottes hinschauen und durch dieses Bild zur Schau des über die Maßen schönen Urbildes²²[f] emporgeführt werden, dann ist der Geist der Erkenntnis irgendwie davon nicht zu trennen. Er schenkt denen, die die Wahrheit schauen wollen, in sich die Fähigkeit, das Bild anzuschauen. Nicht von außen führt er dabei zur Erkenntnis hin, sondern in sich führt er in sie ein.[g] Wie „niemand den Vater kennt als der Sohn” (Mt 11,27), so kann „niemand ,Herr Jesus' [h] sagen außer im Heiligen Geist” (1Kor 12,3). Es heißt nicht durch den Geist, sondern im Geist. „Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten” (Joh 4,24), wie geschrieben steht: „In deinem Licht schauen wir das Licht” (Ps 36,10: LXX Ps 35,10)²³, das heißt, im Leuchten des Geistes sehen wir „das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet und in die Welt kam” (Joh 1,9) Er zeigt also die Ehre des Eingeborenen in sich, und er gewährt in sich den wahren Anbetern die Kenntnis Gottes²⁴. Folglich²⁵ verläuft der Weg der Erkenntnis Gottes von dem einen Geist durch den einen Sohn zu dem einen Vater. Umgekehrt gelangen die naturhafte Güte, die der Natur entsprechende Heiligung und die königliche Würde vom Vater durch den Sohn zum Geist hin. Auf die genannte Weise werden die Personen bekannt, ohne daß die rechte Glaubenslehre²⁶ von der Monarchie auseinanderbricht.[i]
Basilius von Cæsarea
¹⁴ Vgl. ATHANASIUS VON ALEXANDRIEN, epist. Serap. 1,20f (PG 26, 575D-582A).
¹⁵ Die gleiche Argumentation findet sich bei CYRILL VON JERUSALEM, catech. 26,3 16,24 (PG 33, 920BC. 953A); vgl. auch ders., catech. 4,16 (PG 33, 473B-476A); ATHANASIUS VON ALEXANDRIEN, epist. Serap. 1,27 (PG 26, 593C).
¹⁶ Zu μόνας προς μόναδα [~ das Eine beim Einen] vgl. PLOTIN 6, 9,11 (Ia, 206 HARDER): μόνος προς μόνον (!); vgl PETERSON, Herkunft und Bedeutung. Nach RIST, Basil's 'Neoplatonism' 197, handelt es sich nicht um eine spezifisch plotionische Formel.
¹⁷ Für die Entgegensetzung von πνεύμα und πνοέ vgl. IRENÄUS, haer. 5, 12,2 (SCh 153, 142-150).
¹⁸ Der Hervorgang des Heiligen Geistes ist ein Geheimnis. BASILIUS ist hier Zeuge einer ganzen Tradition; vgl. ATHANASIUS VON ALEXANDRIEN, epist. Serap. 1,15-20 (PG 26, 565C-580B); 4,4f (PG 26, 641C-645A); GREGOR VON NAZIANZ, or. 31,8 (230-232 BARBEL); DIDYMUS DER BLINDE, trin. 1,8 (PG 39, 281B); 2,1 (PG 39, 448C); AUGUSTINUS, c. Max. 2,14 (PL 42, 770D-772D); trin. 15, 27,48 (CCL 50A, 529f); 15, 27,50 (ebd. 531-533); 15, 25,45 (ebd. 523-525); JOHANNES VON DAMASKUS, f. o. 1,8 (PTS 12, 18-31). Sachlich geht es hier um die εκπόρευσις, aber das Wort kommt bei BASILIUS noch nicht vor, jedoch schon bei GREGOR VON NAZIANZ, or. 31,8 (232 BARBEL).
¹⁹ Vgl. ATHANASIUS VON ALEXANDRIEN, epist. Serap. 1,25 (PG 26, 588C-589AB); vgl. auch ebd. 1,23 (PG 26, 584C-585A).
²° Vgl. BASILIUS, epist. 226,3 (3, 27 COURTONNE): „Denn unser vom Heiligen Geist erleuchteter Verstand schaut zum Sohne auf und betrachtet in ihm wie in einem Bilde den Vater. Wir ersinnen aber keine Namen aus uns selbst, sondern nennen ihn Heiligen Geist und Tröster und wollen ihm nicht die gebührende Ehre absprechen.” Vgl. auch IRENÄUS, haer. 5, 36,2 (SCh 153, 458-460).
²¹ Das heißt: den Sohn; vgl. Kol 1,15.
²² Das heißt: des Vaters.
²³ Vgl. ATHANASIUS VON ALEXANDRIEN, epist. Serap. 1,19 (PG 26, 573C-576A).
²⁴ Vgl. zu der hier vorgetragenen Lehre über die Erleuchtung durch den Heiligen Geist ANDIA, In lumine tuo.
²⁵ Den folgenden Passus hat AMBROSIUS VON MAILAND wörtlich übernommen; vgl. ders., spir. 2,130 (CSEL 79,137,3-6): Ex uno enim spiritu per unum filium in unum patrem cognitio nostra procedit, ex uno patre per unum filium in unum spiritum sanctum bonitas et sanctificatio et imperiale ius aeternae traditur potestatis.
²⁶ In Übereinstimmung mit der in Kapitel 27 vorgetragenen Lehre spricht BASILIUS hier vom δόγμα der μοναρχία. DIONYSIUS VON ROM (zitiert von ATHANASIUS, decr. 26 [PG 25, 465A]) spricht dagegen vom άγιον κήρυγμα της μοναρχίας [~ heiligen Gebot der Einherrschaft].
aus «De spiritu sancto»; S.211ff
Unsere Anmerkungen
Dieser Text ist ein passendes Beispiel für die kirchenväterliche Argumentation im IV.Jahrhundert, insbesondere zur Einheit des trinitarischen Gotteswesens. Dabei wurde aus den als heilig anerkannten Schriften zitiert, als ob sie gesicherte Lehrbücher wären, was Paulus bereits in lockerer Form vorgemacht hatte.
a] το άγιον πνεύμα (tò hágion pneûma)ist im Griechischen weder männlich, noch weiblich. C.G.Jung meint: „... das Pneuma ist, seiner ursprünglichen Windnatur gemäß, schmiegsam und stets in lebendigem Fluß, bald dem Wasser, bald dem Feuer vergleichbar. Es kann sich von seiner ursprünglichen Stätte entfernen, sich sogar verlaufen und verlieren, wenn es vom Zeitgeist allzusehr überwältigt wird.” (aus «Antwort auf Hiob»; S.117f)
b] vgl. רוח/RUACH (Odem) - Die Erfahrung vom (Gottes-)Geist als Sturm oder Brise finden wir auch bei Eliahu (1Reg.19,11-13).
c] Heiligung kann als Prozess der Ganzwerdung dank immer feinerem Gleichgewichten begriffen werden.
d] ο παράκλειτος (ho parákletos) im Unterschied zu ο σοτήρ (ho sotér ~ Erlöser, Retter)
e] η δόξα (he dóxa ~ Glanz, Prächtigkeit; vgl. סוהר/SOHAR) gilt als Inbegriff göttlicher Offenbarung.
f] ο εικόνος (ho eikónos) im Gegensatz zu ο αρχητύπος (ho archetýpos)
g] vgl. MblB.33
h] oder zeitgemässer ο αδελφός (ho adelphós ~ Bruder)
i] vgl. Mbl.15