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Ethik und Ästhetik
Die marxistische Ästhetik ist realistisch, doch soll Realismus nicht die Wirklichkeit kopieren, sondern in sie eindringen und sie ausdrücken. Der Künstler kann, so heißt es, der Parteinahme in den epochalen Klassenauseinandersetzungen letztlich sich nicht entziehen. So fordert man vom Künstler im Sozialismus Parteilichkeit, will es aber gleichzeitig fertigbringen, ihn nicht zu reglementieren [...]. Wissenschaft und Kunst werden nicht isoliert voneinander gesehen, gelten als zwei Weisen der Wirklichkeitsaneignung. Beide streben für den Marxismus nach Allgemeingültigkeit, aber die Kunst 'verallgemeinert' bildhaft, ihr Prinzip ist Individualisierung, Darstellung des Typischen in einzelnen lebensvollen Gestalten, während die Wissenschaft zur Theorie strebt.
S.262f
Für den ethischen Individualismus [a] hat wirkliche Moralität [b] keinen Klassencharakter , aber es ist immerhin ein Berührungspunkt, wenn auch die marxistische Analyse der Entwicklung der gesellschaftlichen Bewußtseinsform Moral konstatiert, daß diese sich von der Gebots- und Verbotsethik weg zu einer größeren Selbstverantwortlichkeit der einzelnen hin entwickelt. Steiner will, wie wir bereits sahen, eine Ethik als Normwissenschaft nicht mehr dulden, sondern er konzipiert sie als Naturlehre der Sittlichkeit, welche bloß nachzuzeichnen hat, wie sich das menschliche Verhalten entwickelt, z.B. wie der Gesetzesgehorsam des Alten in die Nächstenliebe-Motivation des Neuen Testamentes übergeht. Dies bedeutet, daß für Steiner jede außergesellschaftliche und außergeschichtliche philosophische Ethik ad acta gelegt ist.[c] Genauso verhält er sich zur Ästhetik, von der es bereits in den Anmerkungen zu Goethes Sprüchen in Prosa heißt, sie könne "nur eine Naturlehre der Kunst sein" und enthülle "die Gesetze, die im Künstler leben, deren er sich vielleicht gar nicht bewußt ist, wie die Pflanze nichts weiß von den Gesetzen der Botanik."(3) Steiner vollzieht einen gewissen Bruch mit der idealistischen Ästhetik, die schließlich bei Hegel in der Formel vom Schönen als dem sinnlich Scheinen der Idee mündet. Wenn die Offenbarung der Idee das Ziel der Kunst ist, dann hätte diese keine spezifische Aufgabe, die nicht im Grunde auch die Wissenschaft hätte, eine Auffassung, die der Tod aller künstlerischen Betrachtung sein muß. Das Schöne ist für Steiner nicht das sinnliche Scheinen der Idee, sondern sinnliche Erscheinung, die mit derselben Notwendigkeit gestaltet ist, die sonst nur in der Idee liegt. Er zitiert Goethe zustimmend, wo dieser schreibt: "Die Würde der Kunst erscheint bei der Musik vielleicht am höchsten,[d] weil sie keinen Stoff hat, der abgerechnet werden müßte. Sie ist ganz Form und Gehalt und veredelt alles, was sie ausdrückt."(4)
Es fehlt hier der Platz zu einer Darstellung von Steiners Auffassungen von den Stilwandlungen der Kunst und ihren historischen Wurzeln,[e] und dasselbe gilt für Steiners praktisch-künstlerische Aktivitäten, die letztlich von der Konzeption geleitet sind, ein künstlerisches Element in alles gesellschaftliche Leben einzuführen und damit der Kunst ihren abgehobenen und exklusiven Charakter zu nehmen.[f]
S.271f
Christoph Strawe
3) Anm. Steiners zu Goethe, Sprüche in Prosa [Taschenbuchausgabe, Stuttgart 1967], S.164.
4) "Goethe als Vater einer neuen Ästhetik", in GA 271, S.25.
aus «Marxismus und Anthroposophie»
Unsere Anmerkungen
a] vgl. STEINER, R.: «Philosophie der Freiheit»; S.148ff
b] vgl. ebd.; S.179f
c] was auch allerlei Ethikkommissionen erübrigen würde, die nach irgendwelchen überkommenen Kriterien (oft nur Interessen) oder "heiligen" Texten festlegen sollen, was rechtens sei (vgl »TzN Dez.2002«)
d] vgl. »TzN Jun.2005«
e] nachzulesen etwa in GA 275 und GA 292
f] woran später der Zeichner, Aktionskünstler und Kunsttheoretiker Joseph Beuys anknüpfte