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Neudenken:
Lobpreis auf die Heiligen
Dann sah ich eine ganz durchsichtige Atmosphäre. In ihr vernahm ich auf wundersame Weise den unterschiedlichen Klang von Harmonien [a] in all den erwähnten Sinnbildern: Lobgesänge auf die Freuden der Himmelsbürger, die mutig auf dem Weg der Wahrheit verharren, Klagelieder über die, welche aufs Neue zu den gleichen Freudengesängen berufen werden sollen, und den aneifernden Gesang der Tugendkräfte, die einander ermuntern, den Völkern, die von teuflischer List bekämpft werden, Heil zu erwirken. Diese Tugendkräfte jedoch bezwingen sie. So gehen die gläubigen Menschen schließlich durch Buße von den Sünden zum himmlischen (Leben) über.[b]
Und dieser Klang, der wie eine Menge von Stimmen in harmonischem Lobgesang aus der Höhe ertönte, brachte Folgendes zum Ausdruck:
1. Das Lied von der heiligen Jungfrau Maria
O funkelnde Gemme [c], der Sonne lautere Zier,
die sich aus dem Herzen des Vaters in dich
als sprudelnder Quell (des Lebens) ergoß -
sein einziges Wort, durch das er der Erde
Urelement, das Eva verdarb, erschuf.
Dies Wort hat der Vater in dir zum Menschen geformt;
der leuchtende Urstoff [d] bist du deshalb,
durch den das Wort aller Tugenden Kräfte im Hauch entsandte,
wie jeden Geschöpfes Gestalt es zum Dasein erweckte.
O liebliches Reis voller Grünkraft am Stamme Jesse,
welch großes Geschehen: Die Gottheit wirft
den Blick auf die Schönste der (Menschen)kinder,
wie auf die Sonne sein Auge heftet der Adler,
da der Vater vom Himmel die Reinheit der Jungfrau [e] erkor,
die in Fleischesgestalt gebären sollte sein Wort.
Erleuchtet ward nämlich der Jungfrau Herz
durch Gottes Geheimnis auf mystische Weise;
und wunderbar ging eine lichte Blume
aus dieser Jungfrau hervor.
2. Von den neun Ordnungen der himmlischen Geister [f]
3. Von den Patriarchen und Propheten
4. Von den Aposteln
usw.
Hildegard von Bingen
aus «Scivias - Wisse die Wege»; S.592
Unsere Anmerkungen
a] vgl. MblB.33b
b] Wie Imaginationen werden auch Inspirationen allermeist in dem Vorstellungsrahmen offenbart, die dem sie empfangenden Menschen aufgrund seiner spezifischen Lebenslage eigen ist, im vorliegenden Fall also entsprechend dem Weltbild einer hochmittelalterlichen, theologisch und literarisch geschulten Äbtissin.
c] Zwölf Gemmen bilden den Sternenkranz Mariens, der noch auf der EU-Flagge abgebildet ist. Der Hauptstern der Nördlichen Krone (αCrB) wird übrigens Gemma genannt.
d] im Unterschied zu Adam, der aus kompaktem Stoff (rotem Lehm) geschaffen worden war
e] als irdische Manifestation der <sophía párthene> (~ jungfräulichen Weisheit)
f] zu Hildegards Schau der Hierarchien siehe MblB.28