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Neudenken:
Geldstufen
Das Metallgeld der Vergangenheit war Warengeld.[a] Und so wurden früher die Münzwerte nach dem Metallgewicht, wie bei allen Produkten, bestimmt.
In dieser Zeit des Warengeldes entfaltete sich vor allem die Eigenschaft des Geldes als Tauschmittel in Verkauf und Kauf. Das Geld war in erster Linie Kaufgeld. [...]
Die Zeit der Entwicklung der Kaufgeldseite des Geldes war bewußtseinsmäßig und sozial die der beschleunigten Emanzipation des einzelnen aus den Bindungen der in Mysterien überlieferten Urweisheit und der darauf beruhenden Gesellschaftsformen. Aus dem erwachenden Selbstgefühl und dem sich daran anschließenden Selbstbewußtsein heraus tauchen allgemeine Bürgerrechte und erste demokratische Einrichtungen auf. Der Umgang mit Geld war von Anfang an ein Jedermanns-Recht. Damit trat auch die soziale Verantwortung für die wirtschaftlichen Verhältnisse der Menschen untereinander aus dem Tempelbezirk heraus ins profane Leben: Der Preis wird Angelegenheit derer, die miteinander kaufen und verkaufen.[b] [...]
In der Neuzeit mit ihrer stürmischen kolonialen und später technischen Welteroberung erreicht auch das Geld eine neue Stufe. Nicht mehr das Tauschmittel Geld, das Kaufgeld, steht im Mittelpunkt des Interesses, sondern das Kreditmittel Geld. [...] Der Kredit schlägt eine Brücke da, wo Fähigkeits- und Kapitalbesitz personell auseinanderfallen. Indem tragfähige Formen des Leihens entwickelt werden, wird das Fähigkeitspotential der Menschheit erschlossen. Während es beim Kaufgeld darauf ankommt, was man dafür erhält, kommt es jetzt beim Leihgeld darauf an, was man daraus macht. Der Warenwert des Geldes tritt in den Hintergrund.[b]
Indem der menschliche Tatendrang die Naturgegebenheiten überwindet, ist auch die Geldmenge nicht länger durch die Natur zu begrenzen. [...] Papiergeld ist materiell wertlos, besitzt keinen direkten Warenwert mehr, sondern dokumentiert nur noch ein Recht.[c] [...]
Inzwischen hat sich auch die Erkenntnis durchgesetzt, daß neues Geld nur auf dem Kreditwege, also auf der Leihgeldebene, in das Wirtschaftsleben eintreten darf. Denn dadurch wird nicht nur Kaufgeld in Umlauf gesetzt, sondern gleichzeitig auch der Prozeß zu einer äquivalenten Produkterzeugung angefacht, so daß nicht wie früher die Einseitigkeit der Inflation entsteht, sondern ein neues Gleichgewicht auf höherer Versorgungsebene. [...]
In dieser Zeit der Entwicklung der Kreditseite des Geldes, des Leihgeldes, wurde mit Euphorie die Produktivität der Unternehmer zur Wirksamkeit gebracht. Der dadurch ausgelöste Wachstumsrausch der Wirtschaft ließ die Frage nach allgemeiner sozialer Gerechtigkeit ganz außer acht. Löhne als «Preis für Arbeit» waren Kosten, die es so niedrig wie möglich zu halten galt. Der Produktivitätsgipfel der ersten Industrialisierungszeit markiert zugleich einen Tiefpunkt in den sozialen Beziehungen. Das «eherne Lohngesetz» beschreibt diesen untersten Punkt als das Existenzminimum, bei dem sich das Leben auf das Überleben reduziert und damit das Menschsein auf die Stufe des Tierseins zurückdrängt.
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Im produkterzeugenden Wirtschaftsleben sind es, neben den Naturkräften, die menschlichen Fähigkeiten, die konkret auf einen festgelegten Zweck angewandt werden. Im allgemeinen Geistesleben dagegen geht es um diesen Geist selbst, seine Pflege und Bildung. Dieses Kulturleben existiert nur in dem Maße, als wir das Bedürfnis danach empfinden und es auch wirtschaftlich ermöglichen. Einen unmittelbaren wirtschaftlich-zurechenbaren Nutzen erwarten wir nicht, ja dürfen wir in der Regel nicht erwarten, da wir unsere Individualität, die ja nur im Geistigen zu finden ist, sonst wirtschaftlichen Interessen unterordnen würden.
Dieses Geld, das wir ausgeben, indem wir also einen handfesten wirtschaftlichen Wert gegen einen luftigen seelisch-geistigen eintauschen, das also ohne wirtschaftlichen Gegenwert bleibt, nennen wir richtigerweise Schenkungsgeld. Denn bei einer Schenkung erwarten wir keine direkte Gegenleistung. [...] Allerdings bilden sich im Kulturleben gerade die geistigen Fähigkeiten und Bedürfnisse, aus denen auch die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung gespeist wird. Was jetzt nur verbrauchend auftritt, verwandelt sich in der Zukunft in Produktivität. Was im Leihgeldbereich als schaffend fruchtbar auftritt, ist als Keim in einem davorliegenden Geistesleben - dessen innerster Kern ja Erziehung ist [d]- gebildet worden.[b]
Udo Herrmannstorfer
aus «Scheinmarktwirtschaft»; S.131ff//138f
Unsere Anmerkungen
a] vgl. MblB.8
b] vgl. MblB.9
c] das Recht auf eine äquivalente Dienstleistung oder Ware
d] insbesondere Selbsterziehung und -schulung