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Neudenken:
Bestattungsritual
Mit dem Bestattungsritual begleiten wir die Seele, die ihre Auferstehung sucht.
Die Stimmung bei der Bestattung oder Kremation eines älteren Menschen ist eine völlig andere als bei der eines jungen Menschen - wieviel Trauer und Wehmut über das, was durch den Tod abgebrochen worden ist, ist damit nicht verbunden! Der gesamte Lebenswille dieses Menschen, der nicht älter wurde als ein Kind, als ein Jugendlicher, ist noch auf das Leben und auf die Menschen gerichtet, unter denen er lebte.
Verstorbene Kinder verlieren wir eigentlich nicht, sie bleiben geistig immer bei uns. Bei Menschen, die in höherem Alter sterben, ist das umgekehrt. Sie haben - jeder auf seine Weise - eine persönliche Verbindung mit dem Leben auf der Erde aufgebaut, haben ein persönliches Verhältnis zu Leben und Tod gefunden.[a] Stirbt ein älterer Mensch, so geht er in der Welt des Geistes seine eigenen Wege. Aber er bleibt dennoch mit denjenigen verbunden, denen er auch auf der Erde verbunden war. Wer in höherem Alter stirbt, verliert die auf der Erde Zurückgebliebenen nicht. D. h. wir Lebenden verlieren die Jungverstorbenen nicht - die älter Verstorbenen verlieren uns nicht.
Diese Realitäten [b] schwingen in der Stimmung einer Bestattung oder Kremation mit. Gemeinsam empfundene Trauer verbindet in einem solchen Moment das Kind und die Erwachsenen. Die einer Kinderbestattung gemäße Form ist darum die des kultischen Rituals. Dieses Bestattungsritual greift den Schmerz des Jungverstorbenen auf, und er kann fühlend, ja mitfühlend in uns sein; im von uns miterlebten Schmerz wird sein Schmerz gelindert. Verstorbene Kinder bleiben bei uns, sogar ganz nah, weil wir mit ihnen verbunden waren. Sie können ihren Schmerz auf unsere Seelen übergehen lassen. Wir spüren ihren Schmerz, spüren, daß sie so gerne noch bei uns auf Erden wären.[c] Wir helfen ihnen, ihren Schmerz zu tragen, erleichtern es ihnen. Der völlig objektive Ton der liturgischen Bestattungshandlung gibt dem Raum.
Der Schmerz beim Tod eines Menschen, der in höherem Alter stirbt, ist dagegen ganz und gar unser eigener Schmerz.[d] Denn dieser Mensch wird uns innerlich nie verlieren. Wir empfinden Gefühle des Verlustes, und diese Empfindungen tun weh. Das Bestattungsritual für Erwachsene kann diesen aufflammenden egoistischen Schmerz lindern, indem es den Toten und seine Schicksale noch einmal in den Mittelpunkt rückt. Hier darf das persönliche Wort, die Lebens-Skizze nicht fehlen, jetzt, da dieser Mensch anfängt, seinen eigenen Weg in den Geisteswelten zu suchen.
Arie Boogert
aus «Wir und unsere Toten»; S.82
24.8.1961
Ist dies Neuland
in anderer Wirklichkeit
als der des Tages?
Oder lebte ich da
vor diesem Tag?
Dag Hammarskjöld
aus «Zeichen am Weg»; S.115
Unsere Anmerkungen
a] Den eigenen Mittelweg zwischen Verdrängen und Verherrlichen des Todes zu finden, fällt heutzutage schwer, wenn er denn überhaupt gesucht wird.
b] Eigentlich handelt es sich hier um Wirklichkeiten, nicht um Tatsachen, wie das Wort "Realitäten" zu übersetzen wäre (vgl. »TzN Jän.2004«: Anm.b).
c] Allerdings kann nicht in jedem Todesfall eines Kindes oder Jugendlichen von solchem Schmerz gesprochen werden.
d] Das wiederum gilt oft genug auch im Todesfall eines Kindes oder Jugendlichen.