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Neudenken:
Wege zu Gott
In allen Religionen haben die Mystiker die verschiedenen Stufen und Schritte, die zu Gott führen, gern mit dem Bilde des Weges beschrieben. Die christliche Einteilung in via purgativa, via contemplativa und via illuminativa entspricht in gewisser Weise der islamischen [a] Einteilung in shari'a, tariqa und haqiqa. Die tariqa, der Weg, auf dem der Mystiker wandert, wird beschrieben als »der Pfad, der aus der schari'a kommt; denn die breite Straße wird shar' genannt und der Pfad tariq [b]«. Diese Ableitung zeigt, daß die Sufis den Pfad der mystischen Erziehung für eine Abzweigung von jener Hauptstraße hielten, die aus dem gottgegebenen Gesetz besteht - einer Straße, auf der jeder Muslim wandern muß. Und wie kein Pfad ohne Hauptstraße existieren kann,[c] aus der er abzweigt, so kann auch keine mystische Erfahrung echt sein, wenn die Gebote der shari'a nicht getreu befolgt werden (1). Der Pfad, tariqa, ist jedoch eng und schwierig zu begehen; er wird dem Adepten, salik oder ›Wanderer‹, in seinem suluk, seiner ›Wanderung‹, durch verschiedene Stationen (maqam) führen, bis er am Ende vielleicht nach mehr oder minder langer Zeit sein letztes Ziel, vollkommenes tauhid, erreicht, d.h. das wesenhafte Bekenntnis, daß Gott Einer ist.[d]
Der dreigeteilte Weg zu Gott wird durch eine dem Propheten zugeschriebene Bemerkung erläutert: ›Die shari'a ist meine Worte (aqwali), die tariqa ist meine Handlungen (a'mali) und die haqiqa meine inneren Zustände (ahwali)‹. Shari'a, tariqa und haqiqa sind voneinander abhängig:
Gesetz ohne Wahrheit ist äußere Schaustellung, und Wahrheit ohne Gesetz ist Heuchelei.[e] Ihre Beziehung kann mit der zwischen Leib und Seele verglichen werden: wenn die Seele den Körper verläßt, wird der lebendige Körper zu einem Leichnam, und der Geist verschwindet wie Wind. Das Glaubensbekenntnis des Muslims enthält beides: die Worte ›Es gibt keinen Gott als Gott‹ sind die Wahrheit, und die Worte ›Muhammad ist der Gesandte Gottes‹ sind das Gesetz. Wer die Wahrheit leugnet, ist ein Ungläubiger, und wer das Gesetz verwirft, ist ein Ketzer (H 383).
»Die Schwelle der shari'a zu küssen«(2) war die erste Pflicht eines jeden, der den mystischen Pfad betreten wollte. Die Dichter haben oft in Versen, die Mystiker in geistreichen Sentenzen von den verschiedenen Aspekten dieser drei Ebenen gesprochen, wobei manchmal ma'rifa, Erkenntnis, Gnosis, statt haqiqa eingesetzt wird. In der Türkei heißt es:
Shari'a: dein ist dein und mein ist mein,
tariqa: dein ist dein, mein ist auch dein,
ma'rifa: es gibt weder mein noch dein.
Das bedeutet, in der tariqa soll der Mystiker ithar praktizieren, d.h. andere sich selbst vorziehen; im Zustand der ma'rifa aber sind die Unterschiede zwischen Mein und Dein [f] in der göttlichen Einheit untergegangen.
Nachdem die Mystiker diese drei Hauptteile des religiösen Lebens identifiziert hatten, begannen sie, die verschiedenen Zustände und Stationen zu analysieren, die der Wanderer zu durchschreiten hat. Sie unterschieden zwischen maqam ›Station‹ und hal, ›Zustand‹: »Zustand ist etwas, das von Gott in das Menschenherz herabgesandt wird, ohne daß er imstande ist, es durch seine eigenen Bemühungen zurückzuweisen, wenn es kommt, oder es anzuziehen, wenn es geht« (H 181).
Annemarie Schimmel
1) AL-'IBADI, Sufinama, S.15.
H ... 'Ali ibn 'UTHMAN al-Hujwiri, The 'kashf al-Mahjub', transl. R.A.NICHOLSON, London 1911, repr. 1959.
2) SANA'I, Sana'i'abad, Zeile 39.
aus «Mystische Dimensionen des Islam»; S.148f
Unsere Anmerkungen
a] zum Islam vgl. MblB.15
b] vgl. dschebel el-tariq (Tariq-Berg), heute Gibraltar
c] Dies gilt nur innerhalb einer Konfession; ansonsten gibt es, auch im allgemein Religiösen, Pfade abseits irgendeiner Strasse, allerdings mit der Gefahr, den Weg der Menschheitsentwicklung zu verlassen. Denn das "gottgegebene Gesetz" wird heute individuell empfangen, sehr zum Ärgernis diverser Fundamentalisten.
d] also die Erfahrung der unio mystica (mystischen Vereinigung)
e] vgl. Paulus zB. in Röm.3,19-22 oder Gal.2,19
f] weniger im Sinn von "Eigentum", vielmehr im Sinn von "Bereich"