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Neudenken:
Das neunte Lebensjahr
Eine große und diesmal radikale Veränderung der Beziehung des Kindes zur Welt vollzieht sich im vierten Schuljahr oder im Übergang dazu. Jeder erfahrene Erzieher weiß, daß das vierte Schuljahr viel schwieriger ist als die drei vorangehenden. Meist ist in diesen ersten drei Jahren die Klasse zu einer kleinen Gemeinschaft geworden, in der es angenehm zu unterrichten ist. [...] Oft verwandelt sich eine so vorzüglich lenkbare Klasse mit dem Beginn des vierten Schuljahres in einen ungeordneten, ungehorsamen Haufen. Der intime Zusammenhalt ist verloren gegangen. [...] Das Kind ist neun Jahre alt geworden. Was ist in dieser Zeit geschehen? Wie kommt es, daß sich das Kind so verändert? Plötzlich findet man Märchen kindisch, wird launisch, widersetzlich, bringt allem Kritik entgegen.
Es ist deutlich eine große Veränderung in der gesamten kindlichen Gefühlshaltung eingetreten. Es scheint, als ob das Kind den Schutz der eigenen, auf die Außenwelt projizierten Phantasiewelt verloren habe. Feindselig scheint ihm die Welt entgegen zu stehen und ihre dunkle, schlechte Seite wird vorzüglich erlebt.[a]
In der Tat ist die Phase der kindlich freien Phantasie, die das Kind so warm umhüllte, abgelaufen. Das Gefühlsleben macht eine große Metamorphose durch. Was sich in Bezug auf das Denken bereits im siebenten Jahr vollzogen hat, geschieht nun im zehnten Jahr für das Fühlen. Das Fühlen wird objektiviert. Zunächst vorübergehend, in den folgenden Jahren aber immer häufiger, erlebt das Kind seine Einsamkeit. Es fühlt halbbewußt das Abgeschnittensein vom Kosmos und ein Gefangensein in einer durch die Körperlichkeit begrenzten, düsteren Welt.
[...]
Das Kind ist kritisch geworden. Menschen, die es am meisten verehrte und die auf dem höchsten „Sockel” standen, stürzen am tiefsten. Das Kind selbst ist darüber am unglücklichsten. Aus diesem Unglücklichsein heraus verwendet es immer krassere Bezeichnungen.
[...]
Das Verhältnis zum Tode wird ein anderes. Man kann oft erstaunt sein, wie nüchtern kleinere Kinder den Tod hinnehmen. Tot ist tot und das bedeutet einfach, daß man die Menschen hier nicht mehr erleben kann und daß sie „bei den Engelchen sind” [...] In diesem Alter aber wird der Tod erstmalig als Problem erlebt und gibt Anlaß zu tiefsinnigen Betrachtungen.
Das Kind erlebt sich selbst als der Außenwelt gegenüberstehend. Sie ist nicht so schön, fügsam und weise, wie die Phantasie sie erschuf. Mit einem gewissen Schrecken steht das nun einsam werdende Kind vor der Polarität: Ich - Welt. Die vorangegangene Metamorphose des Denkens hatte diese Kluft noch nicht zum Erlebnis gebracht, da das Gefühlsleben noch in der schützenden Umhüllung der kindlichen Phantasie geborgen lag. Jetzt aber ist der Mantel zerrissen und die Gegensätzlichkeit Ich-Welt, Innen-Außen wird Lebenswirklichkeit. Der Gegensatz wird Lebensrealität im Gefühl. Nicht jedoch im Willen. Das Kind zieht noch keine Folgerungen aus seiner dualistischen Lebenshaltung; sie lebt sich mehr in einer Unbeständigkeit, Wetterwendigkeit, einem plötzlichen Widerspruchsgeist aus, in starken Schwankungen zwischen Lust und Unlustreaktionen. Vor allem in einer oppositionellen Haltung gegenüber der Außenwelt. Alles das aber noch mehr mit dem Mund und dem Gefühl als durch die Tat. Einerseits ist für das Kind alles „langweilig” und „öd” - andererseits sehnt es sich nach neuen Erlebnissen, nach Wanderfahrten dahin, „wo man noch nie vorher gewesen ist”.[b] Die Lebenshaltung ist deutlich doppelwertig (ambivalent) geworden. Der Dualismus wird zum „Leitmotiv”.[c]
Bernard Lievegoed
aus «Entwicklungsphasen des Kindes»; S.62ff
Unsere Anmerkungen
a] Rudolf Steiner nennt es das „Stehen vor dem Rubikon”. Im Lebenslauf entspricht diese Erfahrung der Zeit des halben Mondknotens (vgl. »TzN Mai 2004«).
b] Hier taucht erstmals die Versuchung zur Flucht (zB. in Computerspiele) auf, die zu selbstverursachtem Suchtverhalten führen kann.
c] Den Dualismus zu überwinden wird zur Lebensaufgabe des Menschen, an welcher er freilich auf vielfältige Weise scheitern kann. Gelingt es ihm jedoch, sich wiederum (individuell) mit der Welt zu verbinden, dann wird er zum Schöpfer, der die Entwicklung vorantreibt.