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Die Beginen
Die Beginenbewegung, die, am Ende des 12.Jahrhunderts entstanden, fast zweihundert Jahre lang blühte, ist eines der seltenen Beispiele für eine mystisch inspirierte neue Lebensform, die von Frauen für Frauen geschaffen worden ist. Mit den Bettelorden der Franziskaner und Dominikaner gehört sie in den religiösen Aufbruch der Armutsbewegungen und zur Suche nach einem anderen Lebensstil aus einer Frömmigkeit heraus, die sich als Begeisterung, als »Glut« und charismatisches Erleben zeigt, aber auch im selbstbewußten Abstand von der kirchlichen Hierarchie lebt, die Marguerite Porète [a] so treffend »Saint Eglise la Petite« nannte. Die Beginen haben neue Formen des Zusammenlebens, der selbstverwalteten Gemeinschaftlichkeit realisiert, die in der Verpflichtung zu Keuschheit und Armut an die Tradition des Klosterlebens anknüpfen, in ihrem Lebensstil als weibliche Laien sich aber einen anderen Weltbezug und eine andere Unabhängigkeit bewahren. Fast könnte man diese Unabhängigkeit mit dem Wort »Autonomie« benennen, wenn nicht die ungebrochen tiefe Frömmigkeit dieser Frauenbewegung eher das Wort »Theonomie« nahelegte. Daß eine mystische Unmittelbarkeit zu Gott [b] allerdings ein größeres Bedürfnis nach Autonomie fördert, für Einzelne wie für Gruppen, ist an dieser mittelalterlichen Frauenbewegung ablesbar: Sie hat im Meer der patriarchal-hierarchisch gelenkten Ungerechtigkeit Inseln der Freiheit für Frauen geschaffen. Es war eine spirituelle Revolution,[c] die da stattfand, eine Verweigerung dem saeculum der Welt gegenüber, die sich auf Sexualität und Besitz bezog, und zugleich das Schaffen einer neuen Lebensform, die auch neue Ausdrucksformen, sprachlich und rituell, für das innere Leben fand.
Man schätzt die Zahl der Beginen auf eine Million Frauen oder drei bis vier Prozent der weiblichen Bevölkerung. In Holland, dem Rheinland, Nordfrankreich und der Schweiz hat sich die Bewegung rasch ausgebreitet, getragen vor allem von Frauen aus dem niederen Adel und dem städtischen Patriziertum. Eine Mitgift war nicht notwendig, um einer Beginengemeinschaft beizutreten, ganz im Gegensatz zu einem Kloster oder gar einer Ehe. [...]
Wieviel glücklicher waren die Frauen, die in kleinen Gruppen von drei bis zwölf Mitschwestern ein frömmeres, kontemplatives und zugleich ein selbstbestimmtes Leben führen konnten! Die Gemeinschaft bot ihnen einen Schutz, den eine alleinlebende ledige Frau sonst nicht zu erwarten hatte, einen anderen Lebensstil, der dem gemeinsamen Gottesdienst und Gebet Raum ließ, und ein Stück Bildung: Beginen, die über eine gewisse - meist das Latein ausschließende - Bildung verfügten, förderten das Lesen der Bibel in den Landessprachen; sie predigten und lehrten, sie waren Beraterinnen und Seelsorgerinnen anderer Frauen (vgl. Lerner, 1993, 101ff.). So war die Schutzgemeinschaft auch immer, übrigens ähnlich wie bei den Chassidim, eine Lerngemeinschaft.
[...]
Beginen lebten in ihren eigenen Häusern oder denen von Freundinnen oder Verwandten; als Kennzeichen prangte auf dem Haustor ein weißes Kreuz. Die Beginen trugen einfache Tracht mit einem ausladenden Hut. Vielerorts verdienten sie ihren Lebensunterhalt durch Handarbeit wie Brotbacken, Bierbrauen, Kerzenmachen oder Spinnen, Weben und Nähen in der entstehenden Bekleidungsindustrie [d]. Auch Krankenpflege, die Betreuung der Sterbenden und die Bestattung der Toten gehörten zu ihren Aufgaben.
Viele von ihnen schlossen sich zusammen unter der nichtoffiziellen Führung von sympathisierenden Mönchen oder Klerikern. Es gab keine Regeln der Gemeinschaft, keine ewigen oder langfristigen Gelübde.[e]
Unverheiratete, Verheiratete und Witwen lebten zusammen, in Keuschheit und freiwilliger Armut. Jeder Haushalt entwickelte seine eigenen Formen spirituellen Lebens, des Gebets, der Exerzitien und des Schweigens. Aber das Fehlen von kirchlicher Aufsicht und offizieller Billigung durch die Hierarchie erwies sich, je größer und bekannter die Bewegung wurde, als bedrohlich. Heilten die Beginen die Kranken, so konnten sie auch Hexen sein! Lasen sie mystische Traktate oder schrieben sie gar ab, so konnte man sie der Häresie [f] verdächtigen! Wenn sie nicht seßhaft waren, sondern bettelnd durchs Land zogen, so bestand die Gefahr, daß sie sich den vielen Strömungen der radikalen Ketzer anschlossen, zumal die Waldenser, Katharer und Bogomilen eine relative Gleichberechtigung der Frauen praktizierten. Oder es wurde vermutet, nicht immer ohne Grund, daß die nicht seßhaften Beginen von der Prostitution lebten.[g]
Dorothee Sölle
aus «Mystik und Widerstand»; S.212ff
Unsere Anmerkungen
a] Die französische Begine Porète lebte die Mystik des "Loinprès" (Fernnahen), verfasste das einst weit verbreitete Werk «Le miroir des simples âmes anéanties (Spiegel der einfachen Seelen)», in welchem sie die "heilige Kirche, die kleine" erwähnt, und wurde 1310 als "rückfällige Ketzerin" verbrannt.
b] Wie allgemein üblich verwendet die Verfasserin den Begriff "Gott" undifferenziert, obwohl dieser gerade beim Besprechen mystischer Traditionen genau gefasst sein sollte. Bei Untersuchungen des Sufitums zum Beispiel treffen wir oft dieselbe Unschärfe im Begriff "Allah" an.
c] Die politische Französische Revolution 1789 war übrigens zunächst von vielen Frauen getragen worden.
d] welche allerdings erst im XVIII.Jahrhundert aufkam
e] vgl. mit dem Nasiräat der Torah (Num. 6,1-8)
f] vgl. »TzN Sep.2007«
g] Im Gegensatz zu derlei Verdächtigungen lässt sich die Beginenbewegung auch als eine Ausdrucksform der Weisheit betrachten, nämlich als Einwohnung Gottes (Schechinah) in Menschen des Mittelalters.