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Neudenken:
Christus-Schau vor Damaskus
Die Fahrt nach Damaskus [a] war, wenn wir von vielfältigen Aufenthalten absehen, sehr eindrucksvoll, obwohl plötzlich ein grauer Tag auf die vielen schönen Sonnentage folgte. Zuerst ging es in großartigen Bögen in die Berge empor. Immer neue Blicke eröffneten sich rückwärts auf den See [b] in seiner ganzen Ausdehnung. Dann kamen wir nördlich vom See über den jungen Jordan und fuhren ziemlich lange an dem kleinen Hule-See vorüber, den der Jordan durchfließt, ehe er sich südwärts dem See Genezareth zuwendet. Immer näher rückten wir an den Hermon heran, an dessen Fuß bei der Jordanquelle Cäsarea Philippi [c] lag. Aber zugleich ging unsere Straße, die uralte Wanderstraße, auf der nicht nur Paulus, sondern bereits Abraham und Jakob und die ins Exil ziehenden Juden gewandert sind, nach Nordosten in die syrische Hochwüste hinein. In anderen Jahren muß sich dort der Wüstencharakter noch viel stärker aufdrängen. Dieses Jahr ist allüberall durch den ausnahmsweise lang anhaltenden Winter einige Vegetation zu beobachten. Schließlich, wo man in der Ferne schon die schneebedeckten Libanongipfel sieht, tritt man in den Bannkreis von Damaskus ein. Man erreicht die Gartenzone einer großen Oase, die einst den Ruf eines Paradieses genoß. Hier, in der Glut der Mittagsstunde, hat Paulus den ätherischen Christus geschaut. Der Übergang aus dem Brand der Wüste in den Schatten des Gartenkranzes gehört wesentlich zu dem Erlebnis des Paulus, das kosmischer Natur war, hinzu.
Emil Bock
aus «Reisetagebücher»; S.420
Der Schritt, den Paulus vor Damaskus [d] über die Schwelle zwischen dieser und jener Welt tun durfte, war zugleich der entscheidende Schritt nach innen; von der Peripherie weg wurde er in das Zentrum seines Wesens und Schicksals gerückt. Das geschah dadurch, daß er demjenigen Wesen begegnete, das selber der Mittelpunkt von allem ist, nicht nur des Raumes und der Zeit, sondern auch jedes einzelnen Menschenwesens. Nicht ein Wesen außerhalb seiner selbst wurde Paulus offenbar: zu seinem tiefsten Erstaunen mußte er in ihm das eigene höhere Selbst, aber eben zugleich das höhere Selbst aller Menschen erkennen. Nicht ein Mensch, sondern der Mensch, nicht ein Ich, sondern das Ich offenbarte sich ihm. Ein Organ hatte sich in ihm aufgetan, das die Geistessonne des Christus-Wesens wahrnehmen kann, weil es selber wesenhaft-verwandt damit ist. Wie nach Goetheschen Worten das leibliche Auge »sich am Licht für das Licht gebildet hat«, wie es das Licht nur wahrnehmen kann, weil es selber sonnenhaft ist, so besteht ein geheimer Zusammenhang zwischen dem Schauen des Christus und seiner Einwohnung. Der »Christus in ihm« öffnet ihm das Auge zum Schauen des Christus. So kommt es, daß Paulus das Damaskus-Ereignis als einen innerseelischen Vorgang charakterisiert: »Als es Gott gefiel, seinen Sohn in mir zu offenbaren« (Galater 1,15). Es ist nicht zufällig, daß er diese Worte für den gleichen Brief prägt, in welchem auch das klassische Wort enthalten ist »Nicht ich, sondern der Christus in mir« (Galater 2,20). Früher hatte er gesagt: Nicht ich, sondern der Christus (der Messias); der Mensch ist nichts, Gott ist alles. Jetzt fügt er die beiden entscheidenden Worte »in mir« hinzu: »Nicht ich, sondern der Christus in mir«. Die Verneinung des niederen, nur-irdischen Menschenwesens wird zwar nicht aufgehoben, aber der Weg wird frei für die Bejahung und das Wachstum des höheren wahren Selbstes im Menschen. Früher maß Paulus den Menschen an dem ihm von außen gegebenen Gesetz;[e] er stellte sich den Messias vor als den von außen herantretenden Richter, der nach dem äußeren Gesetz richtet. Jetzt hat er angefangen, die innere Instanz zu erahnen. Christus richtet nicht nach den Gesetzestafeln des Moses.[f] Er ist selbst die innere Instanz, die im Wesensmittelpunkt eines jeden Menschen vernommen werden kann. Die Menschwerdung Christi legt den Grund und Keim zur Freiheit und Souveränität des Menschen und damit zur vollen Menschwerdung des Menschen überhaupt. Durch das Damaskus-Licht wird Paulus nicht eines besseren belehrt in dem Sinne, daß er nun andere, zutreffendere Inhalte für sein Vorstellungsleben gewinnt. Ein neues Wie des Vorstellens und Denkens wird in ihm lebendig. Nicht ein neues Lehrsystem, sondern ein neues Prinzip des geistigen Lebens ist der Paulinismus.
Emil Bock
aus «Paulus»; S.86f
Unsere Anmerkungen
a] Das an der vom Barada bewässerten Oase Ghuta gelegene Dimaschq wird schon in Gen.14,15 als Referenzort erwähnt.
b] Genezareth oder Galiläisches Meer (Jam Kinneret)
c] heute die Ruinen von Bàniyàs im Golan-Gebiet
d] siehe Mbl.27
e] der klassische Ansatz eines jeden sektiererischen Fundamentalismus' (vgl. Mbl.3)
f] vgl. zB. Jh.8,1-11