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Neudenken:
Entwicklungsbewegungen
Um in der Unmenge der heute bekannten Daten der Humanembryologie Gesetzmäßigkeiten zu finden, ist es notwendig, die Entstehung und Entwicklung, die Ontogenese, des menschlichen Körpers kennen zu lernen, d.h. von der seit Vesal [a] üblichen Zustandsanatomie zu einer Gestaltungsanatomie zu kommen, die, mit dem einzelligen Keim beginnend, eine enge Folge von Stadien besonders der Frühentwicklung beschreibt. Um morphologisch ein klares und genau prüfbares Bild von der Ontogenese zu bekommen, muss man - was Lebenduntersuchungen zunächst nicht erlauben - genaue Kenntnis von den Lage-, Form- und Strukturänderungen der winzigen Körperteile in den entstehenden und sich entwickelnden Embryonen gewinnen und dazu ihren körperlichen Zusammenhang ermitteln, bevor Spezialuntersuchungen angestellt werden. Kennen wir die räumlichen Zusammenhänge der jungen embryonalen Anlagen in den aufeinander folgenden Entwicklungsstadien nicht, dann kommen wir, wie in der klassischen Anatomie, in die Versuchung, die Organe isoliert zu betrachten, ohne von der Entwicklung eines menschlichen Embryo selbst auch nur die geringste Ahnung zu bekommen.
Ein menschliches Ei wiegt etwa 0,0004 mg. Nach ungefähr zweiwöchigem Wachstum ist die allmählich in ihm sichtbare Anlage des Embryo erst ungefähr 0,2 mm gross. Doch ist in diesen kleinen Dimensionen bereits charakteristisch Menschliches sichtbar.[b] Mit der Kenntnis der körperlichen Änderungen der winzigen Frühorgane erhalten wir einen Einblick in die Anfänge der individuellen menschlichen Leistungen und finden Grundfunktionen der Organe. Wir erkennen entscheidende Voraussetzungen ihrer späteren Leistungsfähigkeit. Die frühesten der morphologischen Untersuchung zugänglichen Leistungen (Funktionen) des jungen menschlichen Embryo sind seine Entwicklungsbewegungen. Alle organischen Gestaltungen sind Bewegungsvorgänge. Es sind jedoch nicht einfach Materialbewegungen, sondern organische Gestaltungen, die mit Bewegungsvorgängen im üblichen Sinn vergleichbar, aber nicht etwa identisch sind.
Die nur räumlich beschreibende Zustandsanatomie ist heute zu einer raum-zeitlich beschreibenden Gestaltungsanatomie (Kinetischen Morphologie) [c] erweitert worden. Nach ihr ist der Gestaltungsprozess des Organismus ein Resultat der Entwicklungsbewegungen der Organe und damit der Zellverbände und ihrer Zellen. Die Materialbewegungen der Moleküle und Submoleküle der einzelnen Zellen sind Komponenten der Entwicklungsbewegungen. Da Entwicklungs-Bewegungen Material-Bewegungen sind,[d] so stellen sie, physikalisch gesehen, ein Zeichen von Arbeit dar. Wenn wir die dabei wirksamen Kräfte mitberücksichtigen, die wir wenigstens qualitativ heute schon vielfach kennen, führt die Kinetische Morphologie zu einer Biodynamischen Morphologie. Damit wird die Anatomie unerwartet zu einer neuen Grundlage der Physiologie.
[...]
Lebendige Gestaltungen, die im Verlauf der Ontogenese entstehen, sind mehr als nur messbare Gestaltänderungen. Sie sind immer auch Ausdruck von lebendigen Gestaltungen. Sie lassen sich nicht mit den in der Physik gewonnenen Kenntnissen von Bewegungen gleichsetzen. Ein Gleichsetzen wäre eine mechanistische und daher unerlaubte Schematisierung. In der Humanembryologie interessiert Rechnen und physikalisches Messen nur als Beitrag zum Erkennen, aber nicht etwa als ein Beweis des Lebendigen. Das kann nicht genug beachtet werden.
S.10ff
Ein menschliches Ei besitzt als Erbträger menschliche und keine Hühner- oder Fischchromosomen. Schon dieser heute erwiesene Sachverhalt erlaubt es nicht mehr, darüber zu diskutieren, ob und wann, also in welchem Monat im Laufe der Ontogenese ein Mensch entsteht. Ein Erscheinungsbild von einem Menschen zu sein, ist für einen Organismus mit der befruchteten Eizelle festgelegt. Deshalb haben wir die Beschaffenheit der befruchteten Eizelle als eine wesentliche Voraussetzung der ganzen nachfolgenden Ontogenese anzusehen.
Wie wir bereits sagten, sind die menschlichen Eier winzige, kaum sichtbare Gebilde. Dennoch dürfen sie, weil sie bei der Betrachtung mit freiem Auge nichts Auffälliges zeigen, nicht als unspezifisch gedeutet werden. Durch eingehende Untersuchungen weiss man, dass nicht nur das molekulare, sondern auch schon das submolekulare Geschehen im Stoffwechsel verschiedener Eier nicht gleicher Art ist. So wächst ein menschliches Ei unter nachweisbaren Stoffwechselbeziehungen zum mütterlichen Organismus, ein Hühnerei ist jedoch schon beim Bebrüten selbständiger. Es entwickelt sich in einer abgeschlossenen Kalkschale. Und ein Froschei entwickelt sich im Frühjahr völlig ohne Brutpflege im Tümpel. Alle diese Ontogenesen sind spezifisch verschieden.
Artspezifische Eier unterscheiden sich morphologisch nicht nur in ihrer Grösse, sondern auch in ihrer mikroskopischen Struktur beträchtlich. Das menschliche Ei ist ebenso wie seine Chromosomen besonders klein. Es gibt Insekteneier, die mehr als 1/10 der Körpergrösse des ausgewachsenen Tieres haben. Solche Keime sind zu Beginn ihrer Entwicklung viel zu gross, als dass sie stufenweise höhere Differenzierungen erreichen könnten. Aus fast nichts gleichsam eine ganze Welt, wie den hochkomplizierten menschlichen Organismus, hervorzubringen, ist wirklich hervorragendes Können, Zeichen einer mächtigen Gestaltungskraft [e] und einer viel komplizierteren Funktionsentwicklung der Anlagen, als sie Organismen haben, die schon zu Beginn ihrer Entwicklung fast fertig sind.
S.29f
Erich Blechschmidt
aus «Wie beginnt das menschliche Leben»; S.10ff
Unsere Anmerkungen
a] Andreas Vesalius begründete im XVI.Jahrhundert die neuzeitliche Anatomie.
b] „Seit Richard Lewontins Aufsatz »The Apportionment of Human Diversity« von 1972 wissen wir als statistisches Dogma, dass es Rassen nicht gibt: Die größte Variation (80 bis 85 Prozent) innerhalb der Menschheit liegt innerhalb von geschlossenen lokalen geografischen Gruppen, und Unterschiede [Diskriminierungen], die man »Rassen« zuschreiben kann, haben nur eine Variabilität von 1 bis 15 Prozent.
Außerdem vermutete man lange, dass es zwei Arten von Menschen (so genannte Geschlechter) gibt, die sich jedoch nur durch ein so genanntes Y-Chromosom unterscheiden. Dieses Y-Chromosom (mit seinen 58 Millionen Basenpaaren) trägt aber nur zu 0,38 Prozent der gesamten DNA einer menschlichen Zelle bei.
Offensichtlich ist es nicht sinnvoll, von zwei verschiedenen Geschlechtern innerhalb der Menschheit zu reden, wenn es nur um ein drittel Promille und nicht wie bei den (nicht existenten) Rassen um 15 Prozent geht.
Mir ist durchaus klar, dass der kleine Unterschied zwischen den Beinen wesentlich länger zurückliegt als der in der Hautfarbe oder den Augenlidern, aber ich glaube dennoch, die biologischen Dogmatiker müssen nochmals in sich gehen.” Leserbrief in »Spektrum der Wissenschaft« 12/2009; S.8
c] Bewegungsformenlehre (vgl. Mbl.14: Anm.4)
d] beileibe nicht immer
e] im Grunde die Gestaltungskraft des individuellen Geistwesens (Ich)