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Neudenken:
Information, Wirklichkeit und Gott
Spektrum: Ist das so wie bei Kant,[a] der sagt, unser Erkenntnisapparat präformiert, was wir überhaupt erkennen können? Das heißt, einiges von dem, was wir als »da draußen« identifizieren, ist eigentlich bei uns »da drinnen«. Raum und Zeit sind nach Kant eigentlich Vorformen der Realitätswahrnehmung, die wir nicht da draußen beim Ding an sich suchen sollten, sondern in unserem Verstandesapparat.[b]
Zeilinger:[c] Er präformiert auch, was da draußen sein kann.
Spektrum: Ist dann überhaupt etwas da draußen? Hat es Sinn, nach so etwas zu fragen?
Zeilinger: Natürlich. Wenn ich sage, daß Information und Wirklichkeit [d] zwei Seiten derselben Münze sind, dann bin ich nicht reiner Idealist. Ich darf weder ein idealistischer noch ein materialistischer Reduktionist sein.
Spektrum: Sie setzen Information nicht gleich mit Wirklichkeit? Sie sagen nicht: was wir bisher als Wirklichkeit betrachtet haben, ist eigentlich Information?
Zeilinger: Nein, das wäre mir zu idealistisch.
Spektrum: Hat für Sie die Wirklichkeit im Licht der Quantenmechanik eine gleichsam spirituelle Komponente, wie etwa die Weltreligionen das seit jeher lehren? Darf ich die Gretchenfrage stellen: Wie hältst du's mit der Religion?
Zeilinger: Haben wir dafür ein paar Stunden Zeit? (lacht) Religion und Gott sind natürlich zu unterscheiden. Alle Religionen leiden darunter, dass sie weltliche Organisationen sind,[e] dass sie glauben, Traditionen leben zu müssen. Ich habe viel mit Katholiken diskutiert - mit den Kardinälen König und Schönborn -, mit dem Dalai-Lama, mit Griechisch-Orthodoxen und Protestanten.[f] Da gibt es zwei Klassen von Leuten: die einen, die im persönlichen Gespräch sehr wohl eigene Positionen vertreten, oder andere, die auch dann lieber zur offiziellen Linie halten.
Ich sehe auch in diesen spirituellen Traditionen einen Weg des Wissens, parallel zur Naturwissenschaft, auf dem man etwas lernen kann über die Welt. Jeder Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft ist in meinen Augen ein Missverständnis. Die Diskussion über Evolution versus Kreationismus ist intellektuell erschreckend - sowohl, was von fundamentalistischen Vertretern der Religion gerade in den USA vertreten wird, als auch zum Teil von Seiten der Naturwissenschaft; das Buch von Richard Dawkins, »The God Delusion«,[g] ist so simplifizierend! Weder Religion noch Naturwissenschaften werden je die Existenz Gottes beweisen oder widerlegen können.
Das ist wie in dem berühmten Witz: Unter den Schriftgelehrten bricht Streit aus, welcher Gottesbeweis zulässig ist, und schließlich sagt der älteste, von allen respektierte Rabbi: Ich verstehe euren Streit nicht! Der Herr ist so groß, er hat es nicht nötig zu existieren!
Mir gefällt die Einstein'sche Position, dass Gott dasjenige Prinzip ist, von dem die Naturgesetze kommen - wobei ich mir durchaus einen Gott vorstellen kann, der in die Welt noch heute eingreifen kann ...
Spektrum: ... was Einstein nicht glaubte.
Zeilinger: Ja, soviel ich weiß, hat Einstein Gott nur am Anfang eine Rolle zugeordnet.
Spektrum: Ihm zufolge hat Gott dieses großartige Uhrwerk in Gang gesetzt, greift aber nicht in den Ablauf ein, etwa wegen eines Gebets.
Zeilinger: Ich weiß zumindest, dass die Welt kein Uhrwerk ist. Die Quantenmechanik lehrt uns, dass jedes Uhrwerk-Bild falsch ist.[h] Die Naturwissenschaftler haben uns ja weniger gesagt, wie wir die Welt sehen sollen, sondern, wie wir die Welt nicht sehen können. Kopernikus hat uns gezeigt, dass die Erde nicht im Mittelpunkt des Universums steht. Darwin hat uns gesagt: Der Mensch ist nicht etwas Besonderes.[i]
Spektrum: Die haltbaren Aussagen sind Negativaussagen. Nach Einstein ist es unmöglich, träge und schwere Masse zu unterscheiden.
Zeilinger: Genau. Und genauso gilt: Die Welt ist kein Uhrwerk. Über die theologischen Konsequenzen möge man sich einmal den Kopf zerbrechen. (lacht)
aus «Spektrum der Wissenschaft» Mär.2008; S.42f
Unsere Anmerkungen
a] Immanuel Kant hatte eine Erkenntnis des "Ding an sich" für unmöglich erklärt.
b] eine naive Gleichschaltung von Erkenntnis und Verstand, die noch dazu beide als Apparat verstanden werden
c] der Quantenphysiker Anton Zeilinger
d] vgl. »TzN Jän.2004«: Anm.b+c
e] Hier wird wie üblich Religion mit Konfession bzw. mit Theologie verwechselt.
f] auch mit dem Physiker und Anthroposophen Zajonc
g] Dieses Buch des bekennenden Atheisten Dawkins propagiert einmal mehr eine gottlose Weltsicht.
h] vgl. »TzN Jän.2005« und vor allem R.Steiner in «GA 26»; zB. S.99
i] Kopernikus und Darwin werden in ihrer einseitigen Betrachtungsweise meistens angeführt, wenn es ums naturwissenschaftliche Weltbild geht, Kepler und ähnlich universale Forscher dagegen kaum, von Goethe ganz zu schweigen.