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Nachdenken:
Tote Lebenskriterien
(...) Wer sich um die Fragen der Interpretation lebendiger Gestalten bemüht, muß sich Rechenschaft geben, wie diese Situation entstanden ist - denn nur die Überwindung einer Grundauffassung, in der Erhaltung das oberste Kennzeichen des Lebendigen ist, kann uns die größere Wirklichkeit der Organismen wieder zu klarem Bewußtsein bringen.
Es wäre zu einfach, das Werden der vorhin skizzierten Auffassung mit dem Denken Descartes'[a] anzusetzen. Wohl hat das Cartesianische System die heute dominierende Forschungsrichtung besonders kräftig gefördert. Doch die Wendung in der Biologie hat eine viel längere Geschichte, die schließlich im abendländischen Bewußtsein einer sehr eingeengten Deutungsweise des Lebendigen zum Sieg verholfen hat.(3) In dieser Denkart ist das Natürliche zunächst das Leblose, das Tote.[b] Dieses ist kraft der neuen Methoden von Physik und Chemie denn auch das Wißbare par exellence geworden und gibt die begrifflichen Grundlagen zum Verstehen und damit zur gültigen Sinndeutung des Lebendigen. Soweit Leben im Sinn physikalischer und chemischer Arbeitsweisen erfaßt ist, spricht diese Denkart von einem echten Wissen um das Lebendige, von «Biologie»! Das Leben ist eine Variante des Leblosen, die von einem bestimmten Grad der Komplexität des Stofflichen an möglich ist. Die Auffassung des Organismus als Mechanismus ist die Konsequenz dieses Denkens. Sie war vor Zeiten aber stets überwölbt von der Idee der Schöpfung; der große Maschinenbauer,[c] der Entwerfer, war durchaus noch im Bewußtsein derer, die vom Lebendigen in der Sprache der Techniker redeten, mochten sie diesen Schöpfer als stetsfort am Werk denken oder als den fernen Betrachter seiner Geschöpfe.
Die abendländische Entwicklung hat aber zu der seltsamen Situation geführt, daß einerseits die Methodik der auf das Leblose gerichteten Naturwissenschaften einen immer umfassenderen Ausbau, eine immer größere Geltung erlangt hat, während die umfassendere Denkweise, in der sie sich einst in ihrer Sonderung entfaltet hatte, in ihrer Wirkkraft für weite Kreise des Okzidents geschwächt und schließlich gar negiert wurde.[d] Was noch im Denken Descartes' seinen Sinn hatte, das blieb nun, von seiner sinngebenden Quelle abgeschnitten, zurück. Ist eine neue Sinngebung möglich,[e] oder ist das Ende die Feststellung des Absurden der Natur und letztlich auch unserer eigenen Daseinsform? [...]
Adolf Portmann
3) Siehe dazu auch: H.JONAS, Is God a Mathematician?, «Measure», vol.II, 1951; H.JONAS, Materialism an the Theory of Organism, «Toronto Quarterly», vol.XXI/1, 1951.
aus «Eranos-Jahrbuch 1957»; S.481
Unsere Anmerkungen
a] René Descartes
b] vgl. »TzN Jän.2005«
c] vgl. MblB.E: Anm.65
d] Die Geisteswissenschaft hat diese verheerende Devolution nicht mitgemacht.
e] vgl. R.STEINER in «GA 136»; S.44ff