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Zum
Nachdenken:
Sicht eines alten Kaisers
Ein gewesener österreichisch-ungarischer Diplomat erzählte mir einmal, er habe in der Audienz beim alten Kaiser Franz Joseph in dessen letztem Lebensjahr die Tirpitzkrisis erwähnt und er habe hinzugesetzt: «So etwas könnte bei uns nicht vorkommen.» Franz Joseph habe hierauf den Kopf geschüttelt und erwidert: «Alles könnte vorkommen bei uns; ich bin mir seit Jahrzehnten bewußt, wie sehr wir in der heutigen Welt eine Anomalie sind.» Franz Joseph, dem sich das Unheil lebenslang in furchtbaren Zeichen genaht hatte, setzte mit einem klugen, kalten Vorauswissen allem immer nur, immer stärker die stille, bürokratisch-trockene und unablässige Beschäftigung, die Pflichterfüllung entgegen.[a] Er wußte sich als letzten Monarchen der alten Schule, er stand bewußt auf verlorenem Posten, er glaubte weder an die Beschwörung des Kommenden noch an die Wiederbelebung des Vergehenden; ja, er mißtraute den schöpferischen Kräften,[b] wenn sie sich in seinen Dienst stellen wollten. Phantasie hatte er keine; was sollte sie ihm, wie hätte er mit Phantasie sein hartes Schicksal ertragen können, ein Schicksal, das viel zu grauenvoll war für das Vorstellungsvermögen eines einzelnen, der hier in diesem ausgenommenen Falle weit über die Pflichten des Individuums hinaus als Monarch die Pflicht hatte, es zu bestehen?[c] Franz Joseph ist als uralter Mann am Schreibtisch bei der täglichen Arbeit gestorben, ohne das leiseste bewußte Pathos, in Haltung ganz einfach, so wie es sich für diesen hohen Herrn und Träger eines ehrwürdigen Weltsymbols geziemte.
[...]
Noch bei Franz Josephs Begräbnis war es so: Nach der Einsegnung begleiteten nur der Kaiser,[d] die Kaiserin und der Obersthofmarschall den verstorbenen Herrscher zur Gruft. Das Tor des Gewölbes war verschlossen. Der Obersthofmarschall klopfte an und begehrte Einlaß für «Seine apostolische Majestät, den Kaiser und König». Die Stimme des Kapuziners aus dem Inneren antwortete: «Wir kennen ihn nicht», und das Tor blieb geschlossen. Zum zweitenmal begehrte der Hofmarschall Einlaß, diesmal «für unsern allerdurchlauchtigsten Herrn Franz Joseph von Habsburg-Lothringen», und wieder öffnete sich die Pforte nicht. Erst beim drittenmal, als der Marschall Einlaß heischte «für einen armen Sünder» - da sprangen die Türflügel auf, und der Sarg wurde hineingetragen zu den vorangegangenen Herrschern, die längst ihre Rolle auf Erden ausgespielt hatten und auf Geheiß der Römischen Kirche zurückgetreten waren in den Rang des erbsündigen Menschen.[e]
Carl J. Burckhardt
aus «Begegnungen»; S.57f u. 84
Unsere Anmerkungen
a] Diese in dämmrige Grauzonen führende Verfälschung des Pflichtbegriffs hatte seine Entsprechung im Wilhelminischen Berlin erfahren; zusammenspielend haben sie dem Nationalsozialismus den Weg mitbereitet.
b] das charakteristische Verhalten eines tiefverstörten Menschen, welches schliesslich zum Zusammenbruch der Donaumonarchie geführt hat
c] Typischerweise wird hier ein passiver Schicksalsbegriff angesprochen im Sinne von <he anángke> oder fatum, welcher im arabischen kismet weitergesponnen worden ist, dem jeder Freiheitsaspekt fehlt - vgl. Mbl.9
d] Karl I. von Habsburg-Lothringen
e] Anmassung, die sie freilich nicht aus ihrer besonderen Verantwortung (Schicksalsverflechtung) entlassen konnte