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NACHDENKEN:

Die Bedingungsmaschine

 

Hier geht es uns zunächst um eine erste Charakteristik des Computers: Er ist eine «Bedingungsmaschine», in welcher Ketten von Merkzeichen (dargestellt durch die belegten oder unbelegten Felder einer Reihe) [a] gesetzmäßig so verknüpft werden, daß neue Zeichenketten entstehen. Ob ein solches Bedingungsgewebe eine Bedeutung besitzt oder nicht, spielt für den Vorgang keine Rolle. Er ist unabhängig von irgendeinem Bezug zu einem Bedeutungsgehalt definiert und steht zu ihm, falls er herstellbar ist, in keinem anderen Verhältnis, als Papier und Druckerschwärze zum Inhalt eines Buches. So ist diese Maschine der vollendete Formalist - jemand, der sich an Regeln und Zeichen, nicht an Sinn und Inhalt hält!

Zu den wichtigsten Merkmalen der meisten datenverarbeitenden Maschinen gehört, daß das Bedingungsgewebe nicht fest vorgegeben ist, sondern in gewissen Grenzen frei gestaltet werden kann. Dieses Herstellen eines Bedingungsgewebes, nach dem Zeichenketten verknüpft werden, bezeichnet man als Programmieren.[b] Das so entstandene Bedingungsgewebe ist die sogenannte «virtuelle Maschine».[c] Sie ist im allgemeinen aus der materiellen Maschine, der Hardware, selber nicht herleitbar und steht in keinem Kausalverhältnis zu ihrer Struktur, wenn diese natürlich auch durch ihre technischen Möglichkeiten Rahmenbedingungen vorgibt. In den «virtuellen Maschinen» haben wir vielfach unerhörte Intelligenzleistungen vor uns. Mit ihnen setzen diejenigen Menschen, die dafür tätig sind, «Kopfgeburten» in die Welt, die sich als die eigentliche Geistigkeit dieser Maschinenwelt als - z.B. soziale - Wirkungsfaktoren geltend machen. Um allerdings gesetzmäßige Denkvorgänge in der geschilderten Weise - die widersprüchliche Ausdrucksweise sei gestattet - geistig materialisieren zu können, muß der betroffene Sachverhalt so formuliert sein, daß seine Gesetzlichkeit ohne Rücksicht auf begriffliche Inhalte beschrieben werden kann. Der Übergang von einem inhaltlichen zu einem inhaltlosen raum-zeitlichen Manipulieren mit Zeichen, das aber doch geistige Gesetzmäßigkeit abbildet, ist die eigentliche Charakteristik der datentechnischen Beherrschbarmachung eines Sachgebietes.[d] [...]

Eine wesentliche Frage ist angesichts dieses Vorganges die folgende: Vergißt der Denker den Ursprung der Beziehungen, die er aus einem sinnhaften begrifflichen Denken gewonnen hat, und nimmt er das formal Manipulierbare für das Denken selbst oder bleibt er sich des Ursprunges der programmierten Bedingungen bewußt? Wie auf dem Bildschirm unserer Fernseher letztlich nur noch eine Qualität zu finden ist - die des durch Elektrizität zur Fluoreszenz angeregten Schirmes - so droht das Denken auf das bedingte Verknüpfen von Daten im Selbstverständnis reduziert und damit verfälscht zu werden.[e]

Ernst Schuberth
aus «Erziehung in einer Computergesellschaft»; S.22f

Unsere Anmerkungen

a] magnetisierte oder demagnetisierte Härchen auf einem Speichermedium (zB. einer Festplatte)
b] vgl. »TzN Sep.2004«
c] welche im Zusammenspiel der verwendeten Softwarekomponenten entsteht und auch nur so lange arbeitet, als diese eben zusammenspielen
d] Und was sich der datentechnischen Beherrschbarmachung entzieht, kommt innerhalb des Informationshorizonts von Datennetzwerken (zB. dem Internet) nicht vor.
e] Auf diese Weise werden immer häufiger Tatsächlichkeiten ("Fakten", Statistiken, Studien usw.) hervorgerufen, welche an irgendeinem Rechnersystem orientiert sind. Dummerweise werden solche meist für "objektiv" (vgl. WfGW-MblB.E: Anm.54) und daher "wissenschaftlich" gehalten, obwohl sie lediglich das auf eine digitale Berechenbarkeit verkürzte Denken ihrer Programmierer und Anwender widerspiegeln.

red.16.X.2007
WfGW, 1220 Wien / AT