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Nachdenken:
De musica triplici Über die dreifache Musik
Tres sunt musicæ: mundana, humana, instrumentalis. Drei Arten gibt es an Musik: die Weltmusik, die menschliche und die instrumentale.
Mundana: alia in elementis, alia in planetis, alia in temporibus. Die Weltenmusik, eine andere in den Elementen, andere in den Planeten, andere im Zeitlichen;
Quæ in elementis: alia in numero, alia in pondere, alia in mensura. die in den Elementen, eine andere in Zahl, andere in Gewicht, andere in Mass;
Quæ in planetis: alia in situ, alia in motu, alia in natura. die in den Planeten, eine andere in Stellung, andere in Bewegung, andere in Wesensnatur;
Quæ in temporibus: alia in diebus, vicissitudine lucis et noctis, alia in mensibus, crementis decrementisque lunaribus, alia in annis, mutatione veris, æstatis, autumni, hiemis. die im Zeitlichen: eine andere im Tageslauf, Wechsel von Licht und Nacht, andere im Monatslauf, Zu- und Abnehmen des Mondes, eine andere im Jahreslauf, Wandel von Frühling, Sommer, Herbst und Winter.
Humana musica: alia in corpore, alia in anima, alia in connexu utriusque. Die menschliche Musik, eine andere im Körper, andere in der Seele, andere in der Verbindung beider;[a]
Quæ in corpore: alia est in vegetatione, secundum quam crescit, quae omnibus nascentibus convenit, alia est in humoribus ex quorum complexione humanum corpus subsistit. die im Körper ist eine andere in der Belebung, kraft derer er wächst, wie's allen Geborenen zukommt, ist eine andere in den Säften [b], durch deren Zusammenwirken sich der menschliche Körper erhält;
Quæ sensilibus communis est, alia in operationibus: quae specialiter rationalibus congruit, quibus mechanica præest; quæ, si modum non excesserint bonæ sunt, ut inde non nutriatur cupiditas: unde infirmitas foveri debet, sicut Lucanus in laude Catonis refert. (lib.II, v.383 et sqq.) die, so sie den Sinnen zugänglich ist, eine andere in Verrichtungen, und die besonders als Verstehbare dem entspricht, was der Mechanik untersteht. Diese sind gut, wenn sie das Mass nicht überspannen, sodass nicht damit, wodurch der Krankheit abgeholfen werden soll, die Begierde genährt werde, wie Lukan im Lob Catos ausführt (II.Buch, v.383ff).
Musica in anima, alia est in virtutibus, ut est iustitia, pietas et temperantia; alia in potentiis, ut est ratio, ira et concupiscentia. Musik in der Seele ist eine andere in den Tugenden wie Gerechtigkeit, Frömmigkeit und Ausgewogenheit, eine andere in den Fähigkeiten wie Verstand, Stärke und Wunsch.[c]
Musica inter corpus et animam: est illa naturalis amicitia qua anima corpori non corporeis vinculis, sed affectibus quibusdam colligatur ad movendum et sensificandum ipsum corpus secundum quam amicitiam nemo carnem suam odio habuit.(Ephes.7,29) Musica hæc est, ut ametur carno: sed plus spiritus, ut foveatur corpus, non perimatur virtus. Musik zwischen Körper und Seele ist in jener natürlichen Freundschaft, durch welche die Seele dem Körper nicht mit Leibesketten, sondern durch gewisse Gefühle verbunden ist, um selbigen Körper zu bewegen und empfindsam zu machen,[d] welcher Freundschaft wegen niemand sein Fleisch gehasst hat (Eph.7,29). Musik ist derart, dass das Fleisch geliebt werde, mehr noch der Geist, damit durch das Hegen des Körpers nicht die Tugend vereitelt werde.
Musica instrumentalis: alia in pulsu, ut fit in Tympanis et chordis; alia in flatu, ut in tibiis et organis; alia in voce, ut in carminibus et cantilenis. Tria quoque sunt genera musicorum; unum quod carmen fingit, aliud quod instrumentis agit, tertium quod instrumentorum opus carmenque disjudicat. Instrumentalmusik, eine andere durch Schlag wie bei Tympanum und Saite, eine andere durch Gebläse wie bei Flöte und Pfeife, eine andere durch die Stimme wie bei Lied und Gesang. Drei auch sind die Erzeugnisse der Musizierenden, das eine, welches ein Lied ersinnt, das andere, welches die Instrumente handhabt, das dritte, welches Instrumentalwerk und Lied beurteilt.
Hugues de SAINT-VICTOR [e]
in «Eruditionis didascalicæ libri septem /
Liber II: De origine artium et animæ perfectione. Caput XIII»
aus PFROGNER, H.: «Lebendige Tonwelt»; S.508ff
Unsere Anmerkungen
a] Der Geist, dem ja alles Musizieren entweht,(vgl. MblB.7a) bleibt hier im Sinne des Konzils von Konstantinopel 869 (vgl. MblB.19: Anm.c) unerwähnt, um dann im vorletzten Absatz vage aufzutauchen.
b] nach Hippokrates' Humoralpathologie, der Lehre von den vier Säften (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle), die den belebten Körper bestimmen
c] vgl. PLATO: «Politeia»
d] vgl. PLATO: «Phaidon»
e] Der Vorscholastiker Hugues (Hugo) war Lehrer an der École de Saint-Victor (vgl. MblB.5), welche versuchte, eine Brücke zwischen Mystik und Dialektik zu errichten.