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Nachdenken:
Liebe und Erkenntnis
Die letzten Stationen auf dem mystischen Pfade sind Liebe und Erkenntnis, Gnosis, maḥabba und ma'arifa. Manchmal wurden sie als einander ergänzend angesehen, manchmal galt Liebe als höher, manchmal Erkenntnis. Ghazzali [a] ist der Meinung, daß »Liebe ohne Erkenntnis unmöglich ist [b] - man kann nur lieben, was man kennt« (G IV 254). Die Sufis haben versucht, die verschiedenen Aspekte der ma'rifa zu definieren, eines Wissens, das man nicht mittels des diskursiven Verstandes erreichen kann, sondern ein höheres Verständnis des göttlichen Mysteriums einschließt. In späterer Zeit ist der Terminus 'ārif, 'Gnostiker, Erkennender' oftmals ganz allgemein für den fortgeschrittenen Mystiker verwendet worden, denn »der Gläubige sieht durch Gottes Licht, der Gnostiker sieht durch Gott« (L 41). Die meisten Mystiker würden wohl mit der Interpretation von Sura 27/34 »Könige zerstören eine Stadt, wenn sie in sie einziehen« übereinstimmen, in der das Wort 'König' als ma'rifa ausgelegt wird, denn die göttlich inspirierte Erkenntnis leert das Herz von allem anderen, so daß es nur noch Gott enthält (W 170). Die Gelehrten und die Theoretiker des Sufismus, wie Hujwiri (H 267), haben zahlreiche Definitionen von ma'rifa gegeben; doch die treffendste Formulierung stammt von Junaid [c]: »Erkenntnis ... ist, daß das Herz schwankt, ob es Gott für zu groß erklären soll, um begriffen zu werden, oder ihn zu mächtig erklären soll, um wahrgenommen zu werden. Sie besteht darin, zu wissen, daß Gott das Gegenteil von allem ist,[d] was man sich vorstellen könnte« (K 133).
[...] wir St.Augustins [e] Wort folgen: res tantum cognoscitur quantum diligitur, »man etwas nur soweit erkennen als man es liebt«. Als Ausgangspunkt mag das Gebet des Propheten dienen: »O Gott, gib mir Liebe zu dir und Liebe zu denen, die Dich lieben, und Liebe zu dem, das mich Deiner Liebe näherbringt, und mache mir Liebe zu Dir lieber als kühles Wasser« (G IV 253).[f]
Literaturnachweise
G Abū Hāmid AL-GHAZZĀLĪ, Ihyā' 'ulūm ad-dīn, 4 Bde. (Bulaq 1289 h/1872-3). [S.254]
L Abū Nasr AS-SARRĀJ, Kitāb al-luma' fi't-tasaw-wuf, ed. R.A. NICHOLSON (Leiden-London 1914). [S.41]
W Paul NWYIA, Exégèse coranique et langage mystique (Beirut 1970). [S.170]
H 'Alī ibn 'UTHMĀN al-Hujwīrī, The 'Kashf al-Maḥjūb', transl. R.A. NICHOLSON, London 1911, repr. 1959. [S.267]
K AL-KALĀBĀDHĪ, The Doctrine of the Sufis, transl. A.J. Arberry (Cambridge 1935). [S.133]
G Abū Hāmid AL-GHAZZĀLĪ, Ihyā' 'ulūm ad-dīn, 4 Bde. (Bulaq 1289 h/1872-3). [S.253]
Annemarie Schimmel
aus «Mystische Dimensionen des Islams»; S.191f
Unsere Anmerkungen
a] a] el-Gasali war ein persischer Sufi-Mystiker im XI./XII.Jh.
b] vgl. die Formel „Adam erkannte sein Weib.” u. 1Kor.13 sowie »TzN Okt.2008«
c] el-Dschuneid war ein arabischer Sufi-Mystiker im IX.Jh.
d] vgl. die theologia negativa des Nicolaus Cusanus
e] der Kirchenvater Augustinus
f] vgl. »TzN Mär.2005«