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Nachdenken:
Vom Ende des Tempels
5. Titus [a] zog sich hierauf in die Antonia zurück, entschlossen, am folgenden Tage in aller Frühe mit seiner ganzen Heeresmacht anzugreifen und den Tempel zu umzingeln. Über diesen jedoch hatte Gott schon längst das Feuer verhängt, und es war endlich im Laufe der Zeiten der Unglückstag - der zehnte des Monats Loos - gekommen, an dem auch der frühere Tempel vom Babylonierkönig eingeäschert worden war;[b] nur waren es diesmal die Einheimischen selbst, durch deren Veranlassung und Schuld er den Flammen zum Opfer fiel. Kaum nämlich hatte Titus sich entfernt, als die Empörer nach kurzer Rast abermals gegen die Römer ausrückten. Hierbei kam es zum Handgemenge zwischen der Besatzung des Tempels und denjenigen Mannschaften, die das Feuer in den Gebäuden des inneren Vorhofes löschen sollten. Als nun die letzteren den zurückweichenden Juden nachsetzten und bis zum Tempelgebäude vorgedrungen waren, ergriff einer der Soldaten, ohne einen Befehl dazu abzuwarten oder die schweren Folgen seiner Tat zu bedenken, wie auf höheren Antrieb einen Feuerbrand und schleuderte ihn, von einem Kameraden emporgehoben, durch das goldene Fenster, wo man von Norden her [c] in die den Tempel umgebenden Gemächer eintrat, ins Innere. Sowie die Flammen aufloderten,[d] erhoben die Juden, entsprechend der Größe des Unglücks, ein gewaltiges Geschrei und rannten, ohne der Gefahr zu achten oder ihre Kräfte zu schonen, von allen Seiten herbei, um dem Feuer zu wehren: denn es drohte unterzugehen, was sie bisher vor dem äußersten zu bewahren gesucht hatten.
6. Ein Eilbote meldete es dem Titus. Schnell sprang dieser von seinem Lager im Zelt, wo er eben vom Kampfe ausruhte, auf und lief, wie er war, zum Tempel hin, um dem Brande Einhalt zu tun [e] - ihm nach sämtliche Offiziere und die durch den Wirrwarr erschreckten Legionen. Wie bei der ungeordneten Bewegung einer solchen Menschenmenge leicht erklärlich, entstand nun ein fürchterliches, mit betäubendem Lärm untermischtes Getümmel. Der Caesar wollte durch Schreien und Handbewegungen den Kämpfenden zu verstehen geben, man solle löschen; sie aber hörten sein Rufen nicht, da es von dem noch lauteren Geschrei der anderen übertönt wurde, und die Zeichen, die er mit der Hand gab, beachteten sie nicht, weil sie teils von der Aufregung des Kampfes,[f] teils von ihrer Erbitterung völlig eingenommen waren. Keine gütlichen Vorstellungen, keine Drohungen vermochten den stürmischen Andrang der Legionen aufzuhalten: die Wut allein führte das Kommando.[g]
Flavius Josephus
aus «Geschichte des jüdischen Krieges»
Unsere Anmerkungen
a] Titus war der Sohn des Kaisers Vespasian. Das Ereignis spielt im Jahre 70.
b] Der Tempel des Volkes Jisrael war 587v durch Nebukadnezar zerstört worden; um 516v wurde er dank der Förderung durch Persien (Kyros-Erlass von 538v) vom Stamm Juda wiedererrichtet (vgl. 2Reg.25 u. 2Chr.36,17-23).
c] „... verstehe, dass den Feinden das Tor von Norden her offensteht, weswegen der im Norden hausende Feind von jener Seite wacht, wie geschrieben steht: ,Vom Norden her entzünden sich die Übel über die ganze Erde.'[Jr.1,14]” Columban an die Brüder in Luxovium um 609 - vgl. «Das Buch Bahir»; §109
d] Wie 356v das Artemision zu Ephesos ging auch der JHWH-Tempel zu Jerusalem im Feuer zugrunde.
e] Ob der römische Heerführer die Vernichtung des religiösen Zentrums der Juden wollte oder nicht, ist umstritten (vgl. TACITUS, P.C.: «Historien»; Fragm.2).
f] Die „Aufregung des Kampfes” wird heute selbstverständlich verkaufsfördernd umgemünzt. So heisst es in der Games-Convention: „Krieg in Spiel umzuwandeln, ist eine der grossen kulturellen Leistungen der Menschheit. Spiele sind Tausende von Jahren alt und ewig jung: jugendliche Computerspieler sind spielend Lernende und Wettkämpfer.”, wobei glatt verschwiegen wird, dass bei (Wett-)Kampfspielen Fairness gelten soll. Das aber erfordert genau jene Empathie, die durch die modernen Konsolen-Spielereien verkümmert. Die so entstandene Leere wirkt wiederum auf die Kriegsführung zurück.
g] Die Zerstörung des berühmten Mondheiligtums führte dazu, dass die Synagoge (Lehrhaus) zum Zentrum Geisteslebens der Juden wurde, vor allem nach dem letzten jüdischen Aufstand, der 135 von Hadrian niedergeschlagen worden war, wonach kein Jude mehr Jerusalem betreten durfte (neues Zentrum wurde Jamnia) und Judäa in Palästina umbenannt wurde. Von da an begann die eigentliche Diaspora, die Zerstreuung des Volkes Juda in alle Welt, Geschehen, dass trotz der Gründung des Staates Israel 1948 immer noch andauert. Jene machte den Weg frei für die zweite grosse Mondenreligion, die 622 mit der Hedschra einsetzte.