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Zahlenbildung

 

In der »elementar-menschlichen« Zahlenbildung war also nicht ein additives Verfahren der Ausgangspunkt, sondern ein Teilen, ein Gliedern der Einheit und damit ein divisives Verfahren. Statt des Anhäufens von Einzelheiten handelte es sich um das Gliedern der Einheit.

[...]

Beide Auffassungen der Zahl scheinen zueinander in einem Gegensatz zu stehen, die eine scheint die andere auszuschließen. Wie es sich damit verhält, soll nachher untersucht werden. Zunächst von dieser Frage ganz absehend, kann man sagen, daß es eine Einseitigkeit der letzten Vergangenheit war und auch noch der Gegenwart ist, nur die additive Zahlenbetrachtung gelten zu lassen. Sie erhielt dadurch Vorrang, daß sie sich zum Begreifen und Handhaben allen Mechanischen empfiehlt. Da, wo ein Ganzes durch Zusammensetzen von Teilen entsteht, in der Welt des Maschinellen - wobei dieser Begriff sehr weit gezogen werden muß -, bot sie sich wie von selbst an. Mit dem Aufkommen der mechanischen Betrachtungsweise und besonders des Maschinenwesens schob sich auch die synthetische [a] Behandlung der Zahlen in den Vordergrund. Hingegen genügt sie nicht mehr für das Begreifen der Welt des Lebendigen, der organischen Welt; aus einer Zelle werden ja zwei stets durch Teilung [b] und nicht durch Aneinanderreihung. Auch im Leben draußen ist es so, wenn es in ihm noch lebendig zugeht. Zuerst sieht man die grüne Wiese als Einheit, und dann erst entdeckt man nach und nach die einzelnen Pflanzen. Zuerst sieht man den Wald als Ganzes, und beim Näherkommen gewahrt man nach und nach die einzelnen Bäume. Nur dann, wenn man von den Einzelheiten zum Ganzen kommen möchte, sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Man könnte sagen, daß die gliedernde Betrachtung der Zahl überall da am Platze ist, wo das Ganze mehr bedeutet als die Summe seiner Teile, und wo man also vom Ganzen ausgehen muß, um die Teile zu begreifen.[c]

Die Verschiedenartigkeit der beiden Zahlenauffassungen offenbart sich auch in der Rolle, welche in beiden die Einheit spielt. In der heute herrschenden Auffassung spricht man von mehreren Einheiten, die aneinandergefügt werden. Aber darf man eigentlich überhaupt so sprechen? Darf man von dem Wort Einheit, wenn man es recht bedenkt, überhaupt die Mehrzahl bilden? Sind nicht »mehrere Einheiten« logisch ein Widersinn? Allenfalls darf hier doch nur von mehreren Einzeleinheiten gesprochen werden. Die Einheit kann dabei nur dasjenige sein, was als die Summe der Einzelheiten herauskommt. Aber diese Summe ist nur ein dürftiges Abbild der Einheit, eine zusammengestückte Einheit. Dagegen wird in der anderen Zahlenauffassung die Würde der Einheit mehr gewahrt. Da gibt es immer nur die eine Einheit, die selbe Einheit, aber in mannigfacher Gliederung. Diese Gliederung der einen Einheit sind die Zahlen 2, 3, 4, 5 usw. Je höher hinauf es in der Zahlenreihe geht, desto reicher, desto reichhaltiger wird die Einheit. Aber alle sind und bleiben sie die Einheit: »Hen kai pan!« (Eines ist alles!)

Ernst Bindel
aus «Die geistigen Grundlagen der Zahlen»; S.24f

 

Das Eine ruht schweigend [d] im Leeren und Losen
ohne Regung und Ausdruck und Kreisen;
Ihm selbst wird Bewegung erst, Wort [e] und Erfassen
durch die Schöpfung des Zweiten, Genüber,
dazwischen das Dritte.

Johannes Maria Klein
aus dem 1.Garn von «Das Wegkind»

Unsere Anmerkungen

a] zusammenstellende (vgl. WfGW-Mbl.3: Anm.3)
b] Mitose (Zellkernteilung bei Längsspaltung der Chromosomen)
c] zB. beim Brotbrechen (vgl. Lk. 22,19 u. 24,30 und »TzN Mai 2003«)
d] vgl. WfGW-MblB.E: Anm.36
e] Logos

red.20.VI.2006
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