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Vernunft ist Gift für Biozid

 

Dem Wasser an der Fassade mit andern Mitteln zu begegnen als mit der verbreiteten "Wasserangst" (Hydrophobie [a]) und dem scheinbar notwendigen Einsatz von "Lebensgiften" (Bioziden)[b]: Diese Idee ist nicht neu, denn die Antwort auf die Wasser- und Algen-/Pilzproblematik lautet: traditionelle mineralische Dickschichtputze mit mineralischem Anstrich und hydrophilem [a], nicht biozidem Aufbau.

[...] "Wir stellen die bisherige Praxis mit biozid ausgerüsteten Fassadenprodukten sehr stark in Frage." Mit diesem mutigen und auch selbstkritischen Credo wird ein Prozess gestartet, der in der Schweiz neu ist. Mit der Initiative AQUA PURAVision®[c] will man nicht nur über Ökologie [d] und Nachhaltigkeit reden, sondern auch etwas dafür tun - zum Beispiel beweisen, dass jährlich Tausende von Tonnen wasserlöslicher Biozide in Fassadenbeschichtungen unnötig sind oder dass es möglich ist, der Natur entsprechend mit dem Wasser (hydrophil) zu arbeiten statt gegen das Wasser (hydrophob), denn mit einer Hydrophobierung lässt sich der Bewuchs mit Algen und Pilzen [e] nachweislich nicht verhindern. [...]

Die Initiative Aqua PuraVision basiert auf der Erfahrung, dass Biozide in Fassadensystemen zwar über einen kurzen Zeitraum Algen- und Pilzfreiheit garantieren, dann aber zusehends aus der Fassade herausgewaschen werden und schliesslich in den Boden und die Gewässer gelangen. Umweltbelastung und ein möglicher, später auftretender Algen- oder Pilzbewuchs an der Fassade sind die unerfreulichen Folgen. Letzteres wird vermieden, indem die Fassade wiederholt biozid nachgerüstet wird. Dieser Kreislauf belastet aber das sensible ökologische Gleichgewicht und ist schon deshalb höchst problematisch. Gänzlich sinnlos wird er dann, wenn Fassaden auch dort standardmässig mit algiziden und fungiziden Anstrichmitteln ausgerüstet werden, wo gar keine Gefahr eines Bewuchses besteht, z.B. an historischen Gebäuden, die seit ihrem Bestehen noch nie mit Algen oder Pilzen befallen waren. Sinnlos ist dies auch, weil innovative Wege und Lösungen mit Produkten ohne Algizide und Fungizide tatsächlich beschritten werden können.

[...]

[Die Initiative beruht] auf der wissenschaftlich begründeten Feststellung, dass Algen- und Pilzbewuchs auf exponierten Flächen nur durch die Reduzierung der Einwirkdauer von Feuchtigkeit auf Fassadenoberflächen verhindert bzw. verzögert werden kann und dass die Feuchtigkeit durch Oberflächenkondensation länger einwirkt als diejenige durch Niederschläge. Die Kondensfeuchte auf der Deckputz- oder Anstrichoberfläche soll keinen Wasserfilm bilden, sondern von den Oberflächen aufgenommen werden. Fassaden mit hydrophilen Oberflächen verhindern die Bildung eines Wasserfilms und begünstigen die schnelle Rücktrocknung.

Der PuraVision-Systemaufbau ist auf Polystyrolschaum- und Steinwolledämmungen einsetzbar. Dickschichtige Aussenwärmedämmungen haben im Vergleich zu Dünnschichtsystemen eine erhöhte Feuchtigkeits- und Wärmespeicherkapazität. Durch den zweischichtigen Grundputzaufbau wird eine ebenere Oberfläche erzielt, und Plattenabzeichnungen werden vermieden. Die mechanische Widerstandsfähigkeit wird verbessert, der Trommeleffekt durch Regentropfen wird reduziert. Die Mehrkosten gegenüber Dünnschichtsystemen sind gering, sie belaufen sich nur gerade auf 3 %o der Bausumme.

Mit der Lancierung der Initiative Aqua PuraVision ist es bereits jetzt gelungen, den scheinbar notwendigen, aber sinnlosen Biozidkreislauf [f] zu durchbrechen - auf der Ebene des Gesprächs und auf der Ebene der Umsetzung. [...]

Georg Eggenschwiler
aus »applica« 21-22/2005

Unsere Anmerkungen

a] Hydrophob - von <tó hýdor> (~ Wasser) und <phobéo> (~ ich fürchte) -: das Wasser scheuend, abweisend, im Gegensatz zu -phil - von <philéo> (~ ich liebe) -: das Wasser aufnehmend
b] Unerwünschte Äusserungen des Lebens - <bíos> - hinzumorden (-zid von cædo ~ ich morde, schlachte ab) und das Leben zu versklaven, das ist der Leitansatz in Landwirtschaft und Humanmedizin unserer materiegläubigen Zivilisation.
c] Die einen bewussten Umgang mit der Feuchtigkeit anregende Initiative wurde im September 2005 dem interessierten Fachpublikum in der Deutschschweiz vorgestellt. Übrigens übersetzt Thomas Klug von der daran beteiligten Keimfarben AG Homo (von humor ~ Feuchte) sapiens mit "verständiger Feuchtling". - Im selben Monat entstanden übrigens auch die ruchlosen Muhammad-Karikaturen, welche »Jyllands-Posten« dänisch feinfühlig veröffentlichte.
d] Ökologie - von <oíkos> (~ Wohnhaus; Haushalt) - beschäftigt sich mit Auswirkung und Zusammenwirken von Ökosystemen, das sind ganzheitliche Wirkungsgefüge von Lebewesen und deren anorganischer Umwelt, die zwar offen, aber bis zu einem gewissen Grad zur Selbstregulation befähigt sind.
e] Algen und Pilze gedeihen im Mischbereich zwischen Tier- und Pflanzenreich.
f] Wenn wir vernehmen, dass noch heute im Sozialen von "Ungeziefer" gesprochen wird, welches auszurotten wäre, oder zB. den sogenannten "Kampf gegen den Terror" beobachten, drängt sich eine weitere, keineswegs metaphorische Lesart des Begriffs "Biozidkreislauf" auf.

red.21.II.2006
WfGW, 1030 Wien / AT