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Wie kann man Potenzieren begreifen?

 

Andreas Rähmi [a], Leiter des Potenzierlabors bei Weleda Arlesheim [b], sagt, dass man sich einer Lösung annähern kann, indem man zwei Fragen nachgeht: "Wie ist die Materie eigentlich beschaffen, dass sie durch einen Prozess wie das Potenzieren in ihrer Wirksamkeit verändert und erhöht werden kann?" Dies ist die physikalische Frage.[c]

Die menschenkundliche Frage lautet: "Wie muss ein Organismus beschaffen sein, damit er auf solche Stoffveränderungen sensibel reagiert?"

Werfen wir einen Blick darauf, was eigentlich geschieht, wenn potenziert wird. So wird beispielweise eine Kamillen-Urtinktur [d] im Verhältnis 1:9 mit einem Medium (Wasser-Alkohol-Gemisch) [e] vermischt. Anschliessend wird die Mischung während zweieinhalb Minuten von Hand horizontal verschüttelt. Es ist ein eindrückliches Erlebnis, bei dieser konzentrierten Arbeit dabei zu sein und die Verwirbelungen in den Glasgefässen zu beobachten. Es ist eine sogenannte Potenz entstanden. Von dieser wird ein Teil wieder mit neun Teilen Medium gemischt und verschüttelt.

Andreas Rähmi bemerkt: "Wichtig ist, dass ich bei dieser Arbeit selber einen Rhythmus erringe. So komme ich gegen die Routine an und kann versuchen, die rhythmischen Prozesse der Natur weiterzuführen". Nach dem Potenziervorgang muss gewartet werden, bis die Flüssigkeit völlig zur Ruhe gekommen ist. Erst dann kann sie zur nächst höheren Potenzstufe weiter verarbeitet oder als Fertigpräparat abgegeben werden. Mit dem Buchstaben D für "Dezimal" wird das Mischverhältnis von Ausgangssubstanz und Medium beschrieben, mit der auf D folgenden Zahl die durchgeführten Potenzierschritte angegeben, also D1, D2, D3 usw. Von Stufe zu Stufe verliert sich ein Teil der ursprünglichen Stofflichkeit der Kamille. Durch das Potenzieren wird der Zusammenhalt (die Kohärenz) der Ausgangsstoffe aufgelöst. Das Schütteln versetzt die Substanzen für einen kurzen Moment in die Schwerelosigkeit, unterstützt durch die Auftriebskräfte des Wassers.

Substanz, Prozess und Heilwirkung

Wir wissen: Das Hauptcharakteristikum der Materie ist die Masse, die als Gewicht, auch in allerkleinsten Mengen fassbar ist. Die Grenze der rechnerischen Nachweisbarkeit von Stofflichkeit liegt bei einer Potenz von D23, der sogenannten "Avogadro-Zahl"[f]. Wurde also 23 mal in einem Verhältnis von 1:9 verdünnt, sind weniger als zehn Moleküle der Ausgangssubstanz Kamillen-Urtinktur in der Zubereitung vorhanden. Potenzieren bedeutet also, eine Substanz von einem wägbaren in einen unwägbaren Zustand überzuführen. Andreas Rähmi sagt dazu: "Beim Potenzieren kommen wir letztlich zur Frage nach dem Wesen der Materie. Albert Einstein definierte Materie als Energiezustand.[g] Rudolf Steiner beschreibt Stoff als verdichtetes Licht, als Finsternis. Wenn man den Stoff durch Potenzieren auflöst, wird er wieder Licht." Den Begriff "Energie" verwendet Rähmi nicht gerne, er ist ihm zu allgemein. Was aber bedeutet das Überführen von einem Zustand, in dem die Materie noch wägbar ist, in einen Zustand, in dem sie nicht mehr wägbar ist, im Hinblick auf die Herstellung von Arzneimitteln? Messung und Erfahrung zeigen: Das Stoffliche ist nicht mehr vorhanden und dennoch ist etwas Wesentliches der Ausgangssubstanz in der Potenz anwesend. Die Bedeutung des Worts Substanz liefert einen Hinweis: Das Lateinische "substare" bedeutet soviel wie "darunterstehen". Betrachtet man ein Mineral oder eine Pflanze, so sind sie der physisch sichtbare Teil von etwas, das "darübersteht". Das Verdichtete enthält noch Spuren der Kräfte, die bei seiner Entstehung gewirkt haben.

Das Wort Prozess (von lat. "procedere" = voranschreiten, veredeln, läutern) weist darauf hin, dass dasjenige, was Gestalt oder Substanz geworden ist, durch einen entsprechenden pharmazeutischen Prozess zu einer höheren Stufe, dem Heilmittel, geführt werden kann. Was als eigentlich geistiges Prinzip in der Substanz schlummert, wird mit Hilfe eines Verarbeitungsprozesses wie das Potenzieren "erweckt" und dem Menschen zugänglich gemacht.

Womit auch die zwei Fragen, die Andreas Rähmi am Anfang unseres Gesprächs stellte, beantwortet sind: Das verbindende Glied zwischen Physik und Menschenkunde sind die geistigen Qualitäten, die sowohl der Materie wie auch dem Menschen zu Grunde liegen.

Michael Leuenberger
aus «Weleda Nachrichten» Heft 236 CH/Weihnachten 2005

Unsere Anmerkungen

a] Als langjähriger Mitarbeiter ist Andreas Rähmi ausgewiesener Fachmann für und Nachdenker über Potenzierfragen.
b] Arlesheim, die nördliche Nachbargemeinde von Dornach, ist neben der Weleda auch Sitz der Ita Wegman-Klinik und der Lukas-Klinik.
c] vgl. »TzN Jän.2005«
d] Solvat (gelöster Stoff)
e] Solvens (Lösungsmittel)
f] nach dem Turiner Physiker Graf Avogadro benannter Kennwert, der die Anzahl von Molekülen (bzw. Atomen) je 1 mol eines Stoffes angibt: NA = 6,022 mal 10 hoch 23
g] vgl. R.STEINER in «Die Rätsel der Philosophie»; S.592f

red.13.XII.2005
WfGW, 1030 Wien / AT