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Nachdenken:
Vom Musikerleben
[...] das qualitative Hören. Es steht dies im Gegensatz zu einem rein quantitativen Aufnehmen der Tonhöhenunterschiede, Lautstärken, Tempiwechsel und dergl. Jedoch - in all diesen Bereichen bewegt man sich sozusagen noch mehr oder weniger im Vorhof der Musik. Was das qualitative Hören hiervon unterscheidet, ist die Bemühung, durch dieses äußerliche Tönen hindurchzuhören auf die im Erklingenden wirkende Kraft. Diese Wirkung des Musikalischen auf den Hörer läßt ihn das qualitative Wesen des jeweiligen musikalischen Elementes an sich selbst erfahren. Er wird davon ergriffen und kommt innerlich in ganz bestimmte Bewegungen, Lösungen, Licht- und Schweregefühle, in Festigkeiten oder in freie innere Schwungkraft. Und es ist demnach selbstverständlich, daß sich hieran auch weiterhin Gefühle entzünden können, die als Lust oder Unlust, als leidvolle, ernste oder freudvolle Kraft die Seele nicht nur bewegen, sondern auch tief empfindungsgemäß ergreifen. Hier jedoch entspringen solche Erlebnisse keiner momentanen subjektiven [a] Stimmung, sondern sind sozusagen eine unmittelbare Übertragung der formenden Kräfte des Tonphänomenes. Als solche haben sie universellen objektiven [a] Charakter. An ihnen erst lassen sich die geistigen Gesetze und wahren Wesenshintergründe jeder einzelnen dieser musikalischen Klangerscheinungen ablesen. Hier erst beginnt die eigentliche künstlerische Erfahrung, beginnt das Wissen um die Dinge. Und um dieses Wissen geht es dem Gegenwartsmenschen. Um dieser Suche willen nach dem Objektiven herrscht die Ablehnung alles Romantischen, alles zu Subjektiv-Seelischen.[b] Daher auch die Tendenz und die Gefahr der Zeit, im Intellektuellen, im Konstruktiven auf Grund eines quantitativen Erlebens hängen zu bleiben, weil man glaubt, hierin eine objektive Basis gefunden zu haben.[c] Doch erst der Schritt ins Qualitative eröffnet die Wege zu einer untrüglichen, wirklich objektiven Hör-Erfahrung.
Man könnte meinen, daß auch dieses noch „subjektiv” wäre. Man macht aber immer und immer wieder die Erfahrung, daß die verschiedensten Menschen jeden Alters, jeder Bildungsstufe oder Nationalität letztlich zu den gleichen Charakterisierungen der einzelnen Elemente kommen. Keiner wird zu einem Dur-Dreiklang eine Mollbeschreibung geben; keiner wird an einer Prime das schwingende durchlichtete Wesen einer Sexte heraushören, wenngleich gewiß die Art des Prime-Erlebnisses bei jedem verschieden sein kann. Es handelt sich also hier darum, von einem nur quantitativen Hören, das man mit Goethe als den „äußeren Tonsinn”[d] bezeichnen kann, den Übergang zu finden zu einem qualitativen Hören, der ersten Stufe eines sich betätigenden „inneren Tonsinnes”[d]. Diese große allgemeine umfassende Art, besser noch gesagt typen-bildende lebendige Kraft beginnt, sich als innere Erfahrung wie eine ganz neue geistige Welt am Musikalischen zu eröffnen. [...] Und mit leisem Staunen [e] und vorsichtigem Tasten macht man auf diese Weise die ersten Schritte vom Vorhof in das Innere des Heiligtums „Musik”.
Anny v.Lange
aus «Mensch, Musik und Kosmos»
Alle diese Befunde weisen auf eine biologische Grundlage für Musik hin. Das Gehirn scheint darauf angelegt zu sein, sich mit Melodien, Rhythmen und Klängen zu befassen. Eine Reihe von Hirnregionen beteiligt sich an der Verarbeitung, wobei jede spezielle Aufgaben übernimmt - so viel kristallisiert sich bereits jetzt heraus. Dass Musikergehirne anscheinend zusätzliche Spezialisierungen aufweisen, insbesondere dass sich einige Strukturen größer als normal ausprägen. ist nicht zuletzt für die Lernforschung aufschlussreich. Beim Erlernen von Tönen und Klängen wird das Gehirn neu gestimmt. Dann verschieben einzelne Neuronen ihren Antwortbereich, und insgesamt reagieren bei wichtigen Klangereignissen mehr Zellen der Hirnrinde. [... f]
Norman M. Weinberger [g]
aus »Spektrum der Wissenschaft« 6/2005; S.37
Unsere Anmerkungen
a] Subjektiv (wörtl. unterworfen) bezeichnet hier (wie heute noch üblich) die Perspektive des niederen ich, objektiv (wörtl. herausgeworfen) die des höheren ICh.
b] Andererseits wird gerade dieses Subjektiv-Seelische zur Erholung benutzt oder gar missbraucht, um das Bewusstsein herabzudämmern.
c] vgl. »TzN Jän.2005«
d] vgl. Mbl.17a
e] Das ϑαυμάζειν (thaumázein ~ vorbehaltloses Staunen) galt den Griechen als Eingangsgeste jeden Fragens und Forschens.
f] Dies steht nicht im Widerspruch zum geistig-astralen Einfluss der Sphären. - Siehe auch MblB.7
g] Weinberger lehrt Neurobiologie und Verhalten an der University of California in Irvine.