zum IMPRESSUM
Text
zum
Nachdenken:
Vom Sozialen im Pfingstereignis
Was ist es nun, was den Menschen bewahrt vor dem Abschnüren, vor dem Herumirren ohne Richtung und Ziel, während ihm früher die geistige Gruppenseele eine Richtung gegeben hat? Wir müssen uns klar darüber sein, daß der Mensch sich immer mehr individualisiert und daß er immer mehr und mehr in der Zukunft den Zusammenschluß mit anderen Menschen freiwillig finden muß. Früher bestand der Zusammenhang durch Blutsverwandtschaft, durch Stämme und Rassen. Aber dieser Zusammenschluß geht mehr und mehr zu Ende. Alles im Menschen geht immer darauf hinaus, ein individueller Mensch zu werden. Nun ist nur ein umgekehrter Weg möglich. Denken Sie sich eine Anzahl von Menschen auf der Erde, die sich sagen: Wir gehen unsere eigenen Wege, wir wollen in unserem Innern selbst Richtung und Ziel des Weges finden, wir sind alle auf dem Wege, immer mehr individuelle Menschen zu werden. - Da liegt die Gefahr der Zersplitterung vor. Jetzt halten die Menschen auch schon geistige Zusammenschlüsse nicht mehr aus. Heute gehen wir so weit, daß jeder seine eigene Religion hat und seine eigene Meinung als höchstes Ideal hinstellt. Aber wenn die Menschen die Ideale verinnerlichen, so führt das zur Einigung, zu gemeinsamer Meinung. Wir erkennen innerlich zum Beispiel, daß 3 mal 3 = 9 ist, oder daß drei Winkel in einem Dreieck 180 Grad sind. Das ist eine innerliche Erkenntnis. Über innerliche Erkenntnisse braucht man nicht abzustimmen, über innerliche Erkenntnisse entstehen keine Meinungsunterschiede, sie führen zur Einigung. Solcher Art sind alle geistigen Wahrheiten. Was die Geisteswissenschaft lehrt, das findet der Mensch durch seine innerlichen Kräfte. Diese führen ihn zu einer absoluten Einigkeit, zu Friede und Harmonie. Es gibt nicht zwei Meinungen über eine Wahrheit, ohne daß eine davon falsch ist. Das Ideal ist größtmögliche Verinnerlichung; sie führt zur Einigung, zum Frieden.[a]
Erst war eine Menschengruppenseele da.[b] Dann wurde die Menschheit in der Vergangenheit entlassen aus der Gruppenseele. Aber in der Zukunft der Entwickelung müssen sich die Menschen ein sicheres Ziel setzen, dem sie zustreben. Wenn sich Menschen vereinigen in einer höheren Weisheit [c], dann steigt aus höheren Welten wieder eine Gruppenseele herab - wenn aus den gebundenen natürlichen Gemeinschaften freie Gemeinschaften entstehen. [...] Wo die gemeinschaftliche Wahrheit [d] die verschiedenen Iche verbindet, da geben wir der höheren Gruppenseele [e] Gelegenheit zum Herabstieg. Indem wir unsere Herzen gemeinsam einer höheren Weisheit zuwenden, betten wir die Gruppenseele ein. Wir bilden gewissermaßen das Bett, die Umgebung,[f] in der sich die Gruppenseele verkörpern kann. Die Menschen werden das Erdenleben bereichern, indem sie etwas entwickeln, was aus höheren Welten geistige Wesenheiten herniedersteigen läßt. Das ist das Ziel der geisteswissenschaftlichen Bewegung.
Das ist in großartiger, gewaltiger Form einmal vor die Menschheit hingestellt worden, um zu zeigen, daß der Mensch ohne dieses geistlebendige Ideal in ein anderes Verhältnis übergehen würde: es ist ein Wahrzeichen, das den Menschen mit überwältigender Kraft zeigen kann, wie die Menschheit den Weg finden kann, um im seelischen Zusammenschluß dem gemeinsamen Geist eine Verkörperungsstätte zu bieten. Dieses Wahrzeichen ist uns hingestellt in der Pfingstgemeinde,[g] als gemeinsame Empfindung inbrünstiger Liebe und Hingabe eine Anzahl Menschen durchglühten, die sich zu gemeinsamer Tat versammelt hatten. Da ist eine Anzahl von Menschen, deren Seelen noch nachbeben von dem erschütternden Ereignis, sodaß in allen das Gleiche lebte. In dem Zusammenströmen dieses einen, gleichen Gefühles lieferten sie das, worin sich ein Höheres, eine gemeinsame Seele verkörpern konnte. Das wird ausgedrückt mit jenen Worten, die besagen, daß der Heilige Geist, die Gruppenseele, sich herniederließ und sich zerteilte wie feurige Zungen. Das ist das große Symbolum für die Menschheit der Zukunft.
Hätte der Mensch diesen Anschluß nicht gefunden, so würde der Mensch in ein Elementarwesen übergehen.[h] Nun soll die Menschheit suchen eine Stätte für die sich herabneigenden Wesen aus höheren Welten. In dem Osterereignisse wurde dem Menschen die Kraft gegeben, solch mächtige Vorstellungen in sich aufzunehmen und einem Geiste zuzustreben. Das Pfingstfest ist die Frucht der Entfaltung dieser Kraft.
Immerdar soll durch das Zusammenströmen der Seelen zu der gemeinsamen Weisheit sich das vollziehen, was eine lebendige Beziehung herstellt zu den Kräften und Wesenheiten höherer Welten und zu etwas, was jetzt noch so wenig Bedeutung für die Menschheit hat wie das Pfingstfest. Durch die Geisteswissenschaft wird es dem Menschen wieder etwas werden. Wenn die Menschen wissen werden, was die Herabkunft des Heiligen Geistes in der Zukunft für die Menschen bedeuten wird, dann wird das Pfingstfest wieder lebendig werden. Es wird dann nicht nur eine Erinnerung sein an jenes Ereignis in Jerusalem [i], sondern es wird eintreten für die Menschen jenes immer dauernde Pfingstfest des seelischen Zusammenstrebens. Es wird ein Symbolum werden für die dereinstige große Pfingstgemeinde, wenn die Menschheit sich in einer gemeinsamen Wahrheit zusammenfinden wird, um höheren Wesenheiten die Möglichkeit zur Verkörperung zu geben. Von den Menschen selbst wird es abhängen, wie wertvoll dadurch die Erde für die Zukunft werden wird und wie wirkungsvoll solche Ideale für die Menschheit sein können. Wenn die Menschheit in dieser rechten Weise zu der Weisheit hinstrebt,[k] dann werden höhere Geister sich mit den Menschen verbinden.[l]
Rudolf Steiner
in Köln, am 7.VI.1908/SO (aus «GA 98»; S.98ff)
Anhang
Aber ihr sollt die Kraft [m] empfangen, die sich auf euch herniedersenkt: die Kraft des heiligen Geistes [n]; und dann sollt ihr meine Zeugen sein in Jerusalem [i] und in ganz Judäa und Samarien bis an die letzten Grenzen der Erde. Und als er das sagte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben, eine Wolke [o] nahm ihn auf, und sie sahen ihn nicht mehr.
Apg.1,8-9
Und als sich die Zeit der fünfzig Tage erfüllte, erwarteten sie [p] in gemeinsamer Andacht [q] den Anbruch des Pfingstfestes. Da ertönte plötzlich aus den geistigen Höhen ein Laut wie das Brausen eines mächtigen Windes [n] und erfüllte das ganze Haus, darin sie versammelt waren. Und es erschienen ihrem Schauen Feuerzungen wie Flammen, die sich zerteilten, bis sie auf einem jeden einzelnen von ihnen zur Ruhe kamen. Und sie wurden alle vom heiligen Geiste erfüllt und begannen, in fremden Zungen zu sprechen; jeder sprach das aus, was der Geist ihm eingab.
Apg.2,1-4
Dienstag, 13. Mai 2008
F.P.: Das Pfingstfest beginnt mit dem Pfingstsonntag [r]. Nach meiner Meinung dauert es eine Woche und einen Tag, d.h. bis einschließlich Trinitatis.
Der Große: Das ist eine gute Antwort. In Trinitatis steckt die Trinität [s]. Diese enthält den Heilenden Geist. Durch die Erfassung dieses Sonntags durch Pfingsten bekommt die Trinität erst ihre eigentliche Bedeutung. Werden der Pfingstgedanke und die Pfingsttatsache bei der Darstellung der Trinität beiseitegelassen, dann verschiebt sich diese zu einer eher dualen Auffassung. Erst durch das Pfingstereignis ist der Heilende Geist für die Menschen erfaß- und erfahrbar geworden. Damit wurde das grundlegende Dualistische aufgebrochen. Das ist grundlegend neu.
Wenn jetzt das Pfingstereignis nur über drei Tage gefeiert wird, dann werden vier Planetenstufen nicht mit erfaßt.Es werden nur die Sonne, der Mond und der Mars mit dem heilenden Prinzip des Geistes gesegnet. Erst dann, wenn der gesamte Reigen der zutage getretenen Planeten und Planetenstufen mit dem Segen des Heilenden Geistes durchdrungen werden, kann sich der Pfingstgedanke und [können sich] damit die Pfingstkräfte in die weitere Erdenentwicklung in richtiger Weise integrieren.
aus «Mühlengespräche II»; S.204ff
Unsere Anmerkungen
a] Hingegen kann der Friede (<he eiréne>) niemandem aufgezwungen werden, etwa als "pax americana" (Nachfolgerin der "pax romana"), wohl aber sein Schatten, die Ruhe aus Furcht.
b] das durch Einwirken der CHERUBIM (vgl. Mbl.14) aus dem kosmischen Urmenschen, dem ADAM QADMON, erwachte Viergetier: Stier - Löwe - Adler (später Skorpion) - Engelmensch (Wassermann)
c] vgl. Mbl.5: Anm.2
d] Wahrheit (<he alétheia>) kann als Gegenwart der Weisheit (<he sophía>) begriffen werden.
e] Ein höheres Wesen wird zur Gruppenseele, indem es ein Gefäss annimmt, das ihm von bestimmten Pflanzen- oder Tier-Exemplaren geboten wird oder eben von (mindestens drei, eigentlich sieben, ideal zwölf) Individuen zubereitet.
f] die Schale (vgl. Mbl.26-28)
g] die nicht konfessionell missverstanden werden sollte und keinerlei exklusiven Charakter zeigt
h] dh. aus der physischen Entwicklung in die elementare zurückfallen und damit die Fähigkeit zum Menschwerden verlieren
i] Jerusalem gilt als der alte Sonnenmysterienort JEBUS oder SCHALEM, an dem der "Priester des höchsten Gottes (KOHEN LOEL ELJON)" MALKIZEDEQ gewirkt hatte (vgl. Gen.14,18).
k] im Bild der Tafelrunde
l] vgl. R.STEINER im Vortrag vom 4.VI.1924 (in «GA 236»; S.251f)
m] als bewegende Kraft (<ho dýnamis>) ein Impuls im Sinne der Dynámeis (vgl. Mbl.14)
n] Der Spiritus sanctus ist im Griechischen (<tò pneúma hágion>) sächlich.
o] Witterungsphänomene wie Wolke (<he nephéle>) und Wind (<he pnoé>), aber auch Regen, Blitz, Donner und insbesondere der Regenbogen galten einst als Manifestationen höherer Wesen, während sie heute eher metaphorisch betrachtet werden.
p] einschliesslich der <méter tû theû> (~ Mutter des Herrn)
q] der Tradition nach im coenaculum, dem Abendmahlsraum
r] vgl. A.v.DROSTE-HÜLSHOFF: "Pfingstsonntag"
s] vgl. Mbl.15