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Nachdenken:
Die Naturwissenschaft
und das Leben »unbelebter Dinge«
Es mag eine schockierende Erkenntnis sein, dass nach dem Newton'schen Weltbild die eigene Lebendigkeit nichts mit den eigenen Handlungen zu tun hat: Das Universum funktioniert wie ein Uhrwerk und die Gegenwart und die Zukunft sind durch die Vergangenheit vollständig vorherbestimmt. Daraus folgt, dass unsere Entscheidungen und Absichten keinerlei Auswirkung auf unsere Handlungen haben.[a] Schließlich ist der Körper nichts anderes als eine Ansammlung von Atomen, deren Bewegungen [b] vollständig vorherbestimmt sind. Daraus folgt weiter, dass ich über die Bewegungen meiner Hände ebenso viel Gewalt habe wie über die Bewegungen des Mondes. Beide Bewegungen sind das unausweichliche Ergebnis der Anordnung der Materie im frühen Universum.
Die Vorstellung von einem Uhrwerk-Universum führte zu einer Art Schizophrenie in unserer Kultur. Während die Naturwissenschaft fest im Newton'schen Paradigma verwurzelt war, wurden freie [a] Entscheidungen und eigene Absichten weder in der Privatsphäre noch im Gesellschaftsleben als Illusion betrachtet. Vielmehr machte man die Menschen für ihre Handlungen verantwortlich.
[...]
[...] Die Wissenschaft kann die Behauptung, das Universum sei lebendig, nicht bestätigen, da die unkritische Ablehnung dieser Behauptung gerade das Kernstück jener Abstraktion ist, auf der die Wissenschaft beruht; gemeint ist das Prinzip der Objektivierung.[c] Die Ablehnung ist unkritisch, weil dieses Prinzip, ohne es zu hinterfragen, angenommen wird. Schrödinger [d] drückt es so aus: "[wir sind uns nicht bewusst], dass ein einigermaßen zufrieden stellendes Weltbild bloß erreicht worden ist um einen hohen Preis, nämlich so, dass jeder sich selbst aus dem Bild ausgeschlossen hat, indem er in die Rolle eines unbeteiligten Beobachters zurückgetreten ist." Daraus ergibt sich "unser Erstaunen, unser Weltbild farblos, kalt, stumm zu finden. Farbe und Ton, heiß und kalt sind unsere unmittelbaren Sinneseindrücke.[e] Was Wunder, dass sie fehlen in einem Weltmodell, aus dem wir unsere geistige Persönlichkeit ausschließen mussten?!"(7)
Der reduktionistische Ansatz der Naturwissenschaft, das heißt, die Überzeugung, es sei möglich, zu einem Verständnis des Ganzen aus der Analyse [f] seiner Teile zu gelangen, ist ein weiterer Faktor, der der Anerkennung der Lebendigkeit von Dingen im Wege steht. Gewiss, der reduktionistische Ansatz ist nützlich und leistungsfähig. Ohne eingehende Erforschung der Teile lebender Organismen hätten wir zum Beispiel niemals den genetischen Code und all die unglaublichen Möglichkeiten entdeckt, die uns dadurch eröffnet wurden. Der reduktionistische Ansatz stößt jedoch an Grenzen. Es gibt wesentliche Aspekte des Ganzen, gegenüber denen er blind ist.
Bohrs [g] Begriffssystem der Komplementarität [h] kann zu einer Klärung dieser Frage beitragen. Es gibt wesentliche Aspekte des Ganzen, die sich nur durch die Erfahrung des Ganzen begreifen lassen. Die Analyse der Teile und die Erfahrung des Ganzen sind komplementär; sie können zwar nicht gleichzeitig stattfinden, aber beide sind notwendig, um ein wirklich tief greifendes Verständnis zu erreichen. [...]
[...]
Unsere Erörterung führt zu folgender Schlussfolgerung: Die Behauptung der Wissenschaft, so genannte unbelebte Wesen der Natur seien wirklich [i] leblos, ist eine Aussage über die wissenschaftliche Methode und nicht über die Wesen selbst. In Wirklichkeit wird die These, dass vermeintlich unbelebte Wesen lebendig sind, durch keine wissenschaftliche Erkenntnis widerlegt. [...]
[...] Wenn Wissenschaftler die Vorstellung eines lebendigen Universums spöttisch abtun, bringen sie damit ihre Auffassung als Privatperson, nicht als Wissenschaftler zum Ausdruck. [...] Derartige Behauptungen sind lediglich ein Zeichen für ihre Unwissenheit hinsichtlich der notwendigen Unterscheidung zwischen Abstraktion und konkreter Tatsache [i].
Shimon Malin [k]
7) E.Schrödinger, Geist und Materie, S.59-60
aus «Im Spannungsfeld des Bösen»; S.19ff
Unsere Anmerkungen
a] vgl. im Gegensatz dazu WfGW-Mbl.9
b] vgl. WfGW-Mbl.14
c] vgl. WfGW-MblB.E: Anm.54 und »TzN Nov.2007«
d] Erwin Schrödinger unterrichtete theoretische Physik in Zürich.
e] vgl. WfGW-Mbl.17a
f] abtötende "Zerlegung" im Unterschied zur betrachtenden (lebenlassenden) "Zusammenstel-lung" (Synthese) - vgl. »TzN Apr.2008«
g] Niels Bohr entdeckte 1926 die Welle-Teilchen-Komplementarität.
h] das Denken in Begriffen, die einander ergänzen und damit gleichgewichten (ausbalancieren)
i] vgl. »TzN Jän.2004«: Anm. b und c
k] Der israelische Quantenphysiker Malin lehrt seit 1968 an der Colgate University, Hamilton, NY.