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Nachdenken:
Karmische Erinnerungen veröffentlichen?
Ein Anstoß zum Fragen
Wenn jemand schauende Erinnerungen an frühere Erdenleben veröffentlicht,[a] so stellt sich für den Leser in aller Regel die Wahrheitsfrage: Stimmt das? Ist das wahr? Diese Frage zielt gewöhnlich in zwei Richtungen. Erstens: Hat der Veröffentlichende wirklich [b] das erlebt, was er schildert? Das heißt: Ist er in seinen Äußerungen wahrhaftig? Zweitens: Ist die Deutung, die er den von ihm erlebten Bildern gibt, richtig? Handelt es sich dabei tatsächlich um Erinnerungen an eigene frühere Erdenleben, oder handelt es sich um andere Bilder, die durchaus nicht Bilder eigener früherer Verkörperungen sind? Mit anderen Worten: Liegt in der scheinbar selbstverständlichen Deutung ein Irrtum?
Die zweite Frage läßt sich sachgemäß nur aus gründlicher übersinnlicher Forschung heraus beantworten. Ohne reale übersinnliche Forschung kann es hier keine sichere Erkenntnis geben. Wohl aber kann man aus bestimmten Indizien eine scheinbar evidente Deutung im besten Sinne des Wortes frag-würdig finden. Dann entsteht ein Frage-Prozeß, der sowohl für denjenigen, der die Bilderlebnisse gehabt hat, als auch für den Leser oder Zuhörer fruchtbar werden kann.
Das Fragen steht in einer Mitte zwischen dem kritiklosen Glauben oder der Gefühlssicherheit auf der einen Seite und der dogmatischen, prüfungslosen, schon im vorhinein feststehenden Ablehnung auf der anderen Seite eines Spektrums, das zwischen den genannten Polaritäten viele Zwischenformen aufweist. In dieser Frage-Tätigkeit kann der Mensch eine wichtige Voraussetzung für ein autonomes, bewußtes und umsichtiges Verhältnis zu übersinnlichen Schauungen herstellen. Das Fragen ist zutiefst seine Tätigkeit.
Lessing [c] hat den Wert des suchenden Fragens sehr eindringlich betont, und seine Worte verdienen es, ein Leitstern jeder geistigen Bemühung zu sein: „Nicht die Wahrheit [d], in deren Besitz er ist oder zu sein vermeint, sondern die aufrichtige Mühe, die er aufgewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert eines Menschen aus. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin all seine immer wachsende Vollkommenheit bestehe. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz.”
Wenn Lessing in der aktiven Wahrheitssuche das Wesentliche sieht, so gilt diese Betonung der Aktivität noch viel mehr, wenn es um den Zukunftsaspekt der Wahrheit geht, denn neben der Frage nach der Wahrhaftigkeit und der klassischen Frage Wahrheit oder Irrtum? gibt es noch einen dritten Aspekt, nämlich den des Wahrheitsgehaltes. Der Wahrheitsgehalt ist zu unterscheiden von der sachlichen Richtigkeit.
Vom Werden des Wahrheitsgehaltes
Der Wahrheitsgehalt von spirituellen Schauungen liegt nicht in ihnen selbst, sondern in dem, was man aus ihnen macht. Goethes Ausspruch über die Wahrheit: "Was fruchtbar ist, allein ist wahr." gilt ganz besonders für den Umgang mit imaginativen Bildern und auch für den Umgang mit Erinnerungsbildern aus früheren Erdenleben. Der Wahrheitsgehalt einer solchen Erinnerung liegt nicht in ihr selbst, sondern er liegt in einer schöpferischen Zukunft, die aus Willensentschlüssen und Taten besteht. Die schauende Erinnerung ist vergleichbar einer Erkenntnis-Intuition, die unvollständig bleibt, solange nicht die zu ihr gehörende, ganz individuelle, moralische Intuition gefunden und verwirklicht worden ist. Auch wenn es für den Logiker und Erkenntnistheoretiker ganz absurd klingen muß, so ist es doch so, daß der Wahrheitsgehalt einer schauenden Rückerinnerung nicht schon fertig vorliegt, sondern erst wird, und zwar dadurch, daß der Schauende ihn als Handelnder verwirklicht.[e]
In den Mysteriendramen [f] Rudolf Steiners findet sich dafür ein Beispiel. Im siebten Bild des ersten Dramas «Die Pforte der Einweihung» haben Johannes und Maria eine Rückschau in ein früheres Erdenleben. Johannes zieht aus dem Geschauten die Schlußfolgerung, daß er und Maria tief verbunden waren. Eine Schlußfolgerung, die so nicht richtig ist: denn in Wahrheit liegt ihre tiefe Verbindung erst in der Zukunft. Sie ist erst durch Entschlüsse, Taten und Prüfungen zu begründen. Die schauende Rückerinnerung bietet nur einen Wahrheitskeim, eine Wahrheitsmöglichkeit, nicht einen schon bestehenden Tatbestand. Verwechselt man als Schauender den Wahrheitskeim, der in der schauenden Erinnerung liegt, mit einer schon feststehenden Wahrheit, so entstehen in aller Regel verhängnisvolle Irrtümer.
Spricht man nun über eine Rückerinnerung, bevor man durch Entschlüsse und Taten ihren Wahrheitsgehalt verwirklicht hat, so raubt man sich selbst Kräfte auf diesem Weg. Der Kraftquell, der in der schauenden Rückerinnerung liegt, verströmt sich in der Äußerung und geht dadurch dem Tat-Willen verloren, der erst ein echter Bürge ihrer Wahrheit ist. So wie zu früh auftretende Schauungen für den auf dem Schulungsweg Übenden nur ein scheinbarer Fortschritt sind, in Wahrheit aber einen Rückschritt bedeuten, so können auch zu frühe Mitteilungen über geschaute Erinnerungsbilder den Menschen eher zurückwerfen. Rudolf Steiner zumindest sprach erst Jahre später, nachdem er den Wahrheitsgehalt seiner karmischen Forschungen durch freie Taten verwirklicht hatte, zu anderen Menschen über seine karmischen Forschungsergebnisse.
Schon sehr früh erkannte Rudolf Steiner zum Beispiel die ewige Individualität, die in der Persönlichkeit Karl Julius Schröer [g] inkarniert war. Der tiefere Wahrheitsgehalt dieser Erkenntnis lag aber in der freien moralischen Intuition Rudolf Steiners, die Lebensaufgabe Schröers, die dieser selbst nicht erfüllen konnte, zu übernehmen. Erst viele Jahre später, nachdem das getan war, nachdem also Rudolf Steiner seine moralische Intuition durch Jahre hindurch verwirklicht hatte, sprach er über die karmischen Zusammenhänge. Das zurückgehaltene geäusserte Wort wandelte sich in das schöpferische, zeugende Wort der Tat. Dieses zeugende Wort, die geleistete schöpferische Tat, ist zugleich die Grundlage dafür, daß auch das später geäußerte Wort schöpferische und heilsame Kraft in sich birgt.
Karmische Erkenntnis ist ihrem Wesen nach dazu veranlagt, Dienst am anderen Menschen zu sein. In diesem Dienst verwirklicht sich ihr Sinn und ihr Wahrheitsgehalt. Stellt man übersinnlichen Erkenntnissen gegenüber nur die Richtigkeitsfrage,* so verkürzt man das, worum es geht, um einen ganz entscheidenden Aspekt. Übersinnliche Erkenntnisse ohne Wahrheitsgehalt im hier skizzierten Sinn sind Halbwahrheiten und als solche zerstörerisch.
Vor diesem Hintergrund wird jeder selbst prüfen müssen, mit welchen Intentionen er über seine Bild-Erlebnisse sich öffentlich oder privat äußern will. Es gibt hier kein "man darf" oder "man darf nicht". Wohl aber gibt es die Frage, ob ich mich mit den geistigen Gesetzmäßigkeiten, die auf diesem Gebiet gelten, wahrhaft in Einklang befinde.
Valentin Wember
* Der klassische Wahrheitsbegriff, demzufolge eine Aussage dann wahr ist, wenn der von ihr behauptete Sachverhalt tatsächlich besteht, wird der Natur der übersinnlichen Erkenntnis also nicht gerecht.[h]
aus »Was in der Anthroposoph.Ges. vorgeht« Nr.42/1998; S.289f
Unsere Anmerkungen
a] Selbstverständlich gilt das Folgende entsprechend für den Fall mündlicher Weitergabe eigener Forschungsergebnisse. Zum Begriff „Karma” vgl. Mbl.9
b] Im Unterschied zum Schein entsteht Wirklichkeit, wenn eine Wesenheit wirkt - gewesene Wirklichkeit wird zur Tatsache.
c] Gotthold Ephraim Lessing
d] Wahrheit kann als Gegenwart der Weisheit begriffen werden. Gegenwart wiederum kann niemals besessen oder gar dekretiert werden, sondern nur stets neu errungen.
e] Keineswegs sollte dies mit der "self fulfilling prophecy" verwechselt werden, die der Psychologe Paul Watzlawick als eine Art Seelentricks beschrieb.
f] Die vier Mysteriendramen («GA 14») sind durch Rudolf Steiner in den Jahren 1910 bis 1913 für die Sommertagungen der Theosophischen Gesellschaft in München gegeben worden (vgl. Mbl.2).
g] Schröer war Hochschullehrer und auf Goethe spezialisierter Philologe, den der junge Steiner verehrte.
h] Sir Karl Popper meinte, dass dem Menschen Wahrheit unerreichbar wäre und er lediglich versuchen könne, bestehende Urteile zu falsifizieren; gelänge ihm das nicht, wäre er der Wahrheit ein Stück näher gekommen.