zum IMPRESSUM
Text
zum
Nachdenken:
A n h a n g
Der kurze Aufstand gegen die Vorherrschaft des Binärsystems
Der russische Computerwissenschafter Nikolai Brusenzow [a]
und der ternäre Computer Setun
In der sowjetischen Computergeschichte gibt es das Unikum eines ternären Rechners, einer auf dem Dreiersystem beruhenden Maschine, die anstatt mit Bits und Bytes mit Trits und Trytes rechnet.
Die Computerwelt ist eine binäre Welt. Doch das war nicht immer so: Im Moskau der fünfziger Jahre gab es den Versuch, einen Computer zu bauen, der mit 0 und 1 und 2 rechnete. Die sich langsam vom Zweiten Weltkrieg erholende Wirtschaft und Wissenschaft der Sowjetunion sollte mit weiteren, neuen Computern ausgerüstet werden. Zwar gab es bereits an verschiedenen Laboratorien in der Sowjetunion Prototypen von teilweise sehr leistungsfähigen Computern, was jedoch fehlte, war ein vergleichsweise einfaches, billiges und vor allem robustes Gerät, das sich für die Serienherstellung eignete.
Daher wurde an der Moskauer Lomonossow-Universität eine Neuentwicklung ins Auge gefasst: Ingenieure und Studenten des Computerforschungszentrums trafen sich in einem Seminar, an dem neben Michael Shura-Bura, Konstantin Semendjaew und Evgenii Zhogolew auch der junge Nikolai Petrowitsch Brusenzow teilnahm. Nach mehrmonatiger Diskussion wurde der 32-jährige Ingenieur für Funktechnik mit der Konstruktion eines mittelgrossen Computers für wissenschaftliche Anwendungen beauftragt.
Vorwegnahme der RISC-Architektur
Brusenzow entschied sich, statt wie alle anderen die fehleranfälligen Vakuumröhren und das Binärsystem als Basis zu wählen, den neu zu bauenden Computer mit ternärer Logik sowie Dioden und Ferrit-Spulen auszustatten. Heute gibt Brusenzow für seine damalige Entscheidung folgende Gründe an: die höhere Eleganz des ternären Zahlensystems, dessen vergleichbar geringere Wahrscheinlichkeit von logischen Fehlern - und die Einsparung von Bauelementen. Deshalb sollte die Maschine nicht nur schneller, sondern einfacher herzustellen und zu handhaben sein. Brusenzow sagte dazu in einem Interview 2004 in Moskau: «Letzten Endes legten wir insgesamt nur 24 Programmierbefehle fest. Viele glauben uns das auch heute noch nicht.» Damit sei vorweggenommen worden, was heute als RISC-Architektur (Reduced Instruction Set Computing) bekannt ist - ein vereinfachter Befehlssatz, der zu einem schnelleren Programmablauf führen soll.
Brusenzows Setun-Computer, benannt nach einem Flüsschen, das in der Nähe der Moskauer Lomonossow-Universität fliesst, war der weltweit einzige funktionierende Computer, der auf dem ternären Zahlensystem basierte. Ebenso, wie sich das binäre Zahlensystem aus 0 und 1 in das uns geläufige Dezimalsystem umrechnen lässt, kann man beide Systeme auch in ein ternäres Zahlensystem übersetzen. So lässt sich 1925, das Geburtsjahr Brusenzows, im Binärsystem durch die Ziffernfolge 11110000101 ausdrücken; im Dreiersystem heisst es 2122022. Der Trinärcode benötigt weniger Speicher und Schaltelemente als der Binärcode - in den Anfangszeiten der Computerentwicklung ein unschlagbares Argument.
Technokraten gegen Computertechnik
Letztlich war Brusenzow und seinem Team in der Weiterverbreitung des Setun wenig Glück beschieden. Ende der fünfziger Jahre begann in der Fabrik für mathematische Maschinen in Kasan die Massenproduktion der Maschine. Allerdings schienen die Verantwortlichen dieser Fabrik über diesen Regierungsauftrag nicht sehr glücklich zu sein, mehrmals wurde die Produktion abgebrochen, mehrmals mussten Regierungsbeamte intervenieren. Ein paar Dutzend Maschinen wurden hergestellt zum bescheidenen Stückpreis von rund 27 000 Rubel. Sie erwiesen sich als sehr robust und bewährten sich auch unter extremen klimatischen Bedingungen. Auch andere Ostblockländern bekundeten Interesse. Allerdings gab es für die über die Sowjetunion an Universitäten und in der industriellen Produktion verstreuten Computer keinen offiziellen technischen User-Support, auch das Software-Angebot blieb spärlich.
Nikolai Brusenzow kommentiert den Verlauf der Geschichte heute so: «Für mich war es natürlich bitter, dass sie uns nicht verstanden hatten, doch dann erkannte ich, dass dies ein normaler Vorgang in der menschlichen Gesellschaft ist und dass ich noch recht gut davongekommen bin.»
Francis Hunger
in »Neue Zürcher Zeitung« 33/2007; S.71
Unsere Anmerkungen
a] N.P.Brussenzow entwickelte mit seinem Arbeitskollegium 1970 das Nachfolgemodell Setun 70.
siehe auch: WikipediA und Computer-Museum
zur Vorseite