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ZUM
NACHDENKEN:

Computer [a]

 

Ein Programm besteht im einfachsten Sinne aus einer Reihe von Befehlen, die der Computer aufnehmen und ausführen kann, [...] man könnte sagen: Mikrobefehle.
Bedeutend schwieriger wird die Sache, wenn wir an die sogenannten Computersprachen denken, die zu dem Zwecke entwickelt wurden, dem Computer viel kompliziertere Befehle zu erteilen: Makrobefehle sozusagen, die selbst eine Reihe von Mikrobefehlen auslösen.[b]

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[...] dass dem Computer hier Grenzen gesetzt sind: die natürliche Sprache wird er nie verstehen, und zwar weil es ein unbedingtes Verstehen nicht gibt. Verstehen setzt immer ein Wesen voraus, das etwas in seinem Zusammenhang erkennen kann, und wieweit es das kann, hängt von seiner eigenen Geschichte ab: jeder Mensch wird deshalb das gleiche immer ein wenig anders verstehen, und so ist es unmöglich, den absoluten Sinngehalt überhaupt zu erfassen.
Vielleicht bewundern wir an einem Dichter, dass er die Grenzen seiner eigenen Geschichte überschreitet und uns etwas von diesem absoluten Sinn ahnen lässt.
Eine Geschichte aber, wie jeder einzelne Mensch sie hat, kann der Computer nicht haben und deshalb auch kein Verständnis im eigentlichen Sinne des Wortes.
"Was macht es schon aus", sagen meine Gegner, "ob der Computer eigene Erlebnisse hat oder ob ihm diese Erlebnisse mittels eines Magnetbandes ‚einverleibt' werden!"
Aber das würde nun bedeuten, dass alle menschlichen Erfahrungen in Sprache umgesetzt werden können. Dem ist nicht so. Ich glaube sogar, dass wir das wenigste von dem, was wir als Menschen wissen und erfahren, auch aussprechen können.

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[Dem Computer werden] nicht eigentlich [Probleme zugeschoben], sondern die wirklichen Fragen werden nicht mehr gestellt. Zum Beispiel sagen wir in Amerika: Johnny can't read, Hänschen kann nicht lesen, und nun kommt eine Firma, die hat so ein Bildschirmgerät entwickelt mit einer Tastatur usw., und Hänschen wird davor gesetzt, und nach einer Weile sieht man, dass er ein bisschen besser lesen kann als früher, vielleicht sogar einen kleinen Satz, dann sagt man: "Seht her, wie gut wir das gemacht haben!" Aber die Frage, warum Hänschen nicht lesen lernte, ist damit nicht beantwortet: sie wurde verhüllt. Vielleicht hat er bisher nichts gelernt - ich spreche jetzt von amerikanischen Verhältnissen -, weil er, wenn er morgens zur Schule kam, immer Hunger hatte. Und warum er Hunger hatte, wird nun auch nicht mehr gefragt: der Computer hat ja alles erledigt.

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Selbstverständlich verwendet auch der Heimcomputer Software, die fast weltweit zu haben und überall dieselbe ist.[c] Nur ein sehr kleiner Bruchteil der Heimcomputer-Besitzer werden ihre Maschinen selber programmieren.[d]
Ich fürchte, die Verheissung grosser Vielfalt dank Computern wird bereits in ihr Gegenteil verkehrt: in Einförmigkeit und Vereinheitlichung.

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Wir müssen vor allem zwischen kleinen und grossen Systemen unterscheiden. Was die grossen Systeme anbelangt, etwa das amerikanische Luftverteidigungssystem oder das International Communication System [e], da muß ich sagen, dass niemand mehr diese Systeme versteht - sie sind undurchschaubar. Als Beispiel möchte ich hier nur das milliardenschwere Kommunikationssystem des Pentagons erwähnen, das vor ein paar Jahren [a] auf seine Tauglichkeit hin untersucht wurde. Dabei stellte sich heraus, es funktioniert kaum, und was viel schlimmer ist, niemand versteht es. Es kann nicht korrigiert, sondern nur geflickt werden, und dieses Flickwerk vertieft natürlich noch seine Undurchschaubarkeit.

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Einerseits macht es der Computer grundsätzlich einem jeden möglich, in einer Welt der Fülle zu leben; anderseits sind wir schon tüchtig daran ihn zu verwenden, um eine Welt des Leidens und des Chaos zu schaffen ...[f]

Joseph Weizenbaum
aus «Kurs auf den Eisberg»

Unsere Anmerkungen

a] verschiedene Interview-Aussagen von 1983 und 1984
b] Programmierte Software (ungreifbar) wird konstruierter Hardware (greifbar) in verschiedenen hierarchisch gegliederten Layern (Schichten) eingeprägt, sodass mit simpler Zweifalt (binäre Codes aus 0 und 1) etappenweise unübersehbare Vielfalt vorgespielt werden kann.
c] Je standardisierter Software ist, desto besser lassen sich damit erfasste Daten austauschen.
d] Schon mit Datenpflege und -sicherung beschäftigt man sich ungern, viele sind damit sogar überfordert.
e] heute das aus dem Arpanet entwickelte Internet - vgl. WfGW-MblB.20
f] Und wieder erhebt sich die Frage nach der Verantwortung des Menschen, ohne die er eben nicht frei handeln kann.

Anhang: Der kurze Aufstand gegen die Vorherrschaft des Binärsystems

red.14.IX.2004
WfGW, 1030 Wien / AT