zum IMPRESSUM
Text
zum
Neudenken:
Der Mondknoten im Lebenslauf
Gegenwärtig wird der Lebenslauf immer dringlicher zum Gegenstand der Betrachtung. Man erkennt, dass ein naives Weitermachen nicht mehr möglich ist. Das Bedürfnis entsteht, Sinnschichten in der eigenen Biografie aufzudecken. Ein eigener therapeutischer [a] Zweig, die Biografie-Arbeit, ist als Antwort auf das Bedürfnis in den letzten Jahren entstanden.
Der Grundschritt der Biografie wird durch die Jahrsiebte bestimmt.[b] Diese alte Lehre wurde von Rudolf Steiner aufgegriffen und forschend erweitert. In den Grundschritt fügen sich weitere Rhythmen ein. Einer der am schwersten erfassbaren in diesem rhythmisch-musikalischen Gewebe ist der des Mondknotens. Mit knapp 19 Jahren ist er für das im Alltäglichen verhaftete Bewusstsein kaum überschaubar. Und doch: Richtet sich die Aufmerksamkeit auf ihn, kann man zu bedeutsamen Entdeckungen gelangen.
Der Name bereits weist auf kosmische Bezüge hin. Eigentlich müsste man ihn "Mond-Sonnen-Knoten" nennen. Denn er bezeichnet ein Verhältnis zwischen Sonnen- und Mondbahn. Die Mondbahn liegt nicht genau in der Ekliptik, der vor dem Tierkreis einherwandernden Sonnenbahn. Der Mond, jener große Exzentriker des Weltalls, erlaubt sich eine geringfügige Abweichung von etwa 5 Grad. Dadurch entstehen Schnittpunkte, die der agile Erdtrabant zweimal im Monat durchkreuzt - die Knoten. Einmal ist er "aufsteigend", einmal "absteigend".[c] Doch nicht nur das. Die Schnittpunkte verändern langsam ihren Ort, entgegen dem Umlauf von Sonne und Mond.[d] Nach 18 Jahren, 7 Monaten und 9 Tagen erreichen die beiden Knoten wiederum ihre Ausgangsstellung, jedenfalls nahezu. Eine ähnliche Konstellation der wichtigsten Himmelslichter stellt sich ein wie zur Zeit der Geburt.
Wir haben damit den Übergangspunkt zum qualitativen Erfassen der Erscheinung gefunden. Der wiederkehrende Knoten ist ein Geburtsereignis im Leben. Wie bei der leiblichen Geburt treten Schmerz und Freude, Finsternis und Licht in konzentrierter Weise auf. Das eigene Wesen ist vor eine Prüfung gestellt. Es wird streng auf sein ursprüngliches Ziel befragt. Es kann wachsen und, durch die Krise [e] hindurch, sein seelisches Gesichtsfeld erweitern. Es kann aber auch zurückschrecken vor notwendiger Selbsterkenntnis und sich in alten Gewohnheiten verkriechen.
Schauen wir uns die Knoten und ihr besonderes Charakterbild im Einzelnen an. Der erste Mondknoten um das 19.Jahr steht im Zeichen des Aufbruchs. Das Ich-Erlebnis, um das 21.Jahr voll zur Geltung kommend, leuchtet hier blitzartig auf. Das kann zur ersten Abnabelung vom Elternhaus führen.[f] Oft finden sich in dieser Zeit einschneidende Begegnungen, die dem jungen Menschen eine neue Richtung geben. Möglich auch, dass körperliche Symptome auftreten - ein Knochenbruch etwa oder eine bestimmte Krankheit -, bei denen man den Eindruck hat, der Betreffende werde wie durchgerüttelt, damit sein seelisch-geistiges Wesen das, was durch Vererbung und Erziehung vorgeprägt worden ist, von innen ergreifen könne. Bei Johann Wolfgang Goethe ereignet sich während seines Leipziger Studiums im Sommer 1768 eine lebensgefährliche Krankheitskrise, die ihn an den Rand des Todes führt. Zugleich ermöglicht sie einen radikalen Umbruch in seiner Organisation, eine Art Lockerung, die den jungen Dichter überhaupt erst empfänglich macht für tiefere weltanschauliche Fragen. Wer Goethes Weg zum Geistigen nachvollziehen will, muss an diesen Punkt des krisenhaften Umschwungs zurückgehen.
Was bei Goethe im großen Maßstab sich vollzieht, lässt sich auch an Biografien von geringerer Strahlkraft beobachten. Es kann z.B. sein, dass die prägende, künftige Tätigkeit vorzeichnende Lebensidee in dieser Zeit erfasst wird. Der Amerikaner Patch Adams gerät mit 19 Jahren in eine schwere seelische Krise. Weil er Angst hat, sich selber umzubringen, lässt er sich in eine psychiatrische Klinik einweisen. Dort ergreift ihn eines Tages die Intuition seines Lebens: Er will als Arzt eine neue Art von Krankenumgang aufbauen, die sich nicht hinter technischem Gerät verschanzt, sondern auf eine gesunde Atmosphäre mit menschlicher Zuwendung und Humor baut: "Ich besiegte alle meine Dämonen und wurde der Mensch, der ich heute bin. Mein Selbstvertrauen, meine Liebe zur Weisheit und mein Wunsch, die Welt zu verändern, wurzelten in diesem kurzen Lebensabschnitt, als ich die Verzweiflung überwand und eine Wiedergeburt erlebte."
Eine Wiedergeburt! Adams, der keine Ahnung hat von der Gesetzmäßigkeit der Knoten, trifft mit seiner Beobachtung ins Schwarze. Lässt sich Ähnliches sagen in Bezug auf den zweiten Knoten? Er fällt mit etwa 37 Jahren in jene Epoche, die als "midlife crisis" einen Platz im allgemeinen Bewusstsein gefunden hat. Was beim ersten Knoten mit jugendlicher Frische sich vollzog, gewinnt jetzt an Ernst und verpflichtendem Umfang. Wir werden streng befragt, ob wir geleistet haben, was das Zeitalter an inneren Entwicklungsschritten von uns verlangt. Die Jugendkräfte sind erschöpft. Es besteht die Aufgabe, sie aus ursprünglicher Ichbewegung neu hervorzuzaubern. Da dies höchst unbequem ist, setzen sich die meisten Menschen dagegen instinktiv zur Wehr. Die Zeit um das 37. Jahr ist darum von starken Einbrüchen gekennzeichnet. Lebensgebäude fallen in sich zusammen wie Kartenhäuser, Freundschaften und Partnerschaften, auf die Verlass war und auf die man für lange Zeit bauen zu können geglaubt hat, bekommen plötzlich Risse. Krankheiten bis hin zu Todesfällen häufen sich. Bei Künstlerpersönlichkeiten, die eine geniale Frühentwicklung zeigen, wird der Lebensbogen nicht selten ganz abgebrochen.
Raphael, der Maler, stirbt genau mit 37 Jahren; Hölderlin, der Dichter, verfällt in eben dieser Zeit dem Wahnsinn.[g] Bei Goethe, dem Urbildgeber des Biografischen, finden wir wiederum beides: Eine gewaltige Krise, ein Sprengen des zu eng gewordenen Weimarer Lebenskleides durch die Flucht nach Italien; und ein schöpferisches Erwachen und Neugründen der ganzen Persönlichkeit. Und erneut finden wir das Motiv der inneren Geburt: "Wie mir's in der Naturgeschichte erging, geht es auch hier, denn an diesen Ort knüpft sich die ganze Geschichte der Welt an, und ich zähle einen zweiten Geburtstag, eine wahre Wiedergeburt, von dem Tage, da ich Rom betrat."
Vom Knoten der Mittagshöhe kommen wir zu demjenigen, der in die abnehmenden Alterskräfte hineinführt. Der dritte Mondknoten liegt fast genau auf dem 56.Geburtstag, d.h. er fällt mit dem Jahrsiebt-Übergang zusammen. Krise und Bewährung sind hier nochmals gesteigert im Vergleich zum zweiten Knoten. Todesfälle häufen sich um diesen Zeitpunkt. Die Krankheitsstatistik bei Herzinfarkten weist genau auf das 56.Jahr. Wird die Krise nicht im Leiblichen durchgemacht, spielt sie sich in seelischen Verdüsterungen ab. Häufig hat sie einen sozialen Aspekt. Ein Unternehmer, der nun zu einer neuen, freieren Haltung seiner Gründung gegenüber kommen müsste, führt sie durch seinen Starrsinn in den Ruin. Ein Politiker, dessen Aufstieg unaufhaltbar schien, sieht sich mit einem Mal auf dem Abstellgleis. Gefordert ist jetzt offenbar, aus freien Stücken etwas von der gewonnenen Substanz herzugeben. Hat man umgekehrt seinem Lebensmotiv die Treue gehalten, kann auch eine Bekräftigung von außen hinzutreten, wie das bei der iranischen Menschenrechtlerin Shirin Ebadi der Fall ist, die letztes Jahr 56-jährig den Friedensnobelpreis erhielt.
Die Mondknoten können, wie die angerissenen Beispiele zeigen, zu Okularen der Selbsterkenntnis im Lebenslauf werden.[h] In der rückblickenden Verarbeitung, möglichst anschaulich und ohne Beurteilung geübt, wird sich ihre je einmalige Signatur herausschälen. Darüber hinaus kann im inneren Vorblick auf kommende Knotenstellen Zuversicht und Mut in meiner Seele entstehen, weil ich weiß, dass ein Krisenpunkt herannaht, aber auch Erfordernis und Mittel kenne, um ihm produktive Entwicklungsschritte abzugewinnen.
Florian Roder
aus »a tempo« 4/2004; S.16-17
Unsere Anmerkungen
a] Biographiearbeit hat keineswegs nur einen therapeutischen, also fremdbestimmten Ansatz, sondern vor allem auch einen hygienischen, also eigenbestimmten.
b] Diese Masszahl der Entwicklung kann gut aus dem sechsfachen Raumerleben (oben/unten, links/rechts, hinten/vorne) im Zeitstrom (3×2+1) begriffen werden. So erfährt nämlich der Mensch sein Werden in Raum und Zeit, was wiederum der ICh-Entfaltung dient (vgl. Mbl.5).
c] Auf der Antike fussend nannte man die beiden Knoten im Mittelalter bildhaft "Drachenkopf" und "Drachenschwanz". Allgemein stehen (kosmische) Knoten für Verknäuelungsprozesse verschiedener Impulse.
d] rückläufig (retrograd)
e] <krísis> (von <kríno>) ~ 1. Zwiespalt, Streit, Scheidung 2. Auswahl, Sonderung 3. Entscheidung
f] Wenn dies nicht geschieht, treten Seelenstörungen auf, die den Lebenslauf massiv beeinträchtigen können, wie sich ja zumeist nicht rechtzeitig Gelöstes auf das weitere Leben störend auswirkt.
g] Der Berner Liedermacher Manni Matter starb gut 36jährig.
h] Im Jahreslauf kann jeder Geburtstag als solch Einsichtslinse genutzt werden, wenn sich der Mensch zu bewusster Selbstbeobachtung durchringt.