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Nachdenken:
Und sie hatte doch Recht
Wenn jemand in der Wissenschaft mit einer neuen Idee aufwartet, dann braust nicht immer gleich Beifall auf. Das betrifft auch Entdeckungen oder Funde, die zwar als solche nicht bestreitbar sind, über deren Interpretation aber gezankt werden kann. In der Regel geht eine solche Debatte zu Lasten der „Entdecker”, zumal wenn sie noch jung sind und somit ohne akademische Lehrstuhl-Würden.
Wovon ich rede? Im Sommer 1999 stieß ein Team georgischer, deutscher und amerikanischer Archäologen und Paläanthropologen [a] im südlichen Kaukasus (in dem Ort Dmanisi) auf mehrere Schädel einer Hominidenart, die sie als etwa 1,7 Millionen Jahre alte Exemplare der Spezies Homo erectus einstuften, einem Vorläufer des Homo sapiens.
Eine Publikation im Fachblatt »Science« im Jahre 2000 machte Schlagzeilen in internationalen Medien: „Fossilien erster menschlicher Migrationen gefunden”, titelte etwa die »New York Times«. Die bis dahin akzeptierte Vorstellung, dass diese Hominidenart erst eine Million Jahre später Afrika verlassen hatte, war vom Tisch gefegt - so weit, so gut.[b]
Dabei hatte schon etliche Jahre zuvor, 1991, eine deutsche Doktorandin an dieser Fundstelle als Erste einen menschlichen Unterkieferknochen ausgegraben; sie konnte das Alter sogleich auf mindestens 1,5 Millionen Jahre taxieren. Als sie und zwei georgische Kollegen aber im Herbst des gleichen Jahres ihren Sensationsfund auf einem Workshop im Frankfurter Senckenberg-Museum präsentierten, waren sich die internationalen Experten rasch einig: Es konnte kein Homo erectus sein, eher eine spätere Menschenart, also musste das Alter falsch geschätzt sein. Antje Justus, so hieß die junge Forscherin, war demoralisiert. „Ich war schon etwas enttäuscht”, erinnert sie sich heute. Dennoch forschte sie mit einem erweiterten Team in Dmanisi weiter, bis die Gruppe 1999 die erwähnten Hominidenschädel ausgrub. Erst dann, nach acht Jahren, wurde Antje Justus' ursprünglicher Kieferfund international von der Fachwelt anerkannt.
Die Episode zeigt (diesmal mit Happy End), dass der „menschliche Faktor” eben auch in der Forschung eine große Rolle spielt.[c] Die damalige Doktorandin Justus [d] und ihre seriösen, aber unbekannten Kollegen aus Georgien brachten einfach nicht genügend „Autorität” aufs Podium, um eine solche, für die Fachwelt [e] seinerzeit umwälzende These widerspruchslos durchsetzen zu können. Auch wenn Wissenschaftler neue Thesen und Entdeckungen von Kollegen ständig selbst bewerten,[f] sind sie zugleich kaum frei von der Autorität, mit der Neues präsentiert wird.[g] Das gilt vor allem dann, wenn gar eine kühne These aufgestellt wird, die lieb gewordene Theorien über den Haufen wirft und Unruhe ins eigene Fachgebiet bringt. Dabei sind es genau diese Momente, auf die die Wissenschaft ständig hinarbeitet: die Entdeckung des Neuen.[h]
Reinhard Breuer [i]
aus »Spektrum der Wissenschaft«, 4/2004; S.3
NVLLA SAPIENTIA SINE SCIENTIA
SCIENTIA AVTEM SINE SAPIENTIAM
NVLLVM
Keine Weisheit ohne Wissen,
Wissen jedoch ohne Weisheit
(ist) nichts.
DISCERE FACIT DOCTVM
VIVERE AVTEM SAPIENTEM
Lernen macht gelehrt,
Leben jedoch weise.
 
Unsere Anmerkungen
a] Im Unterschied zur Anthroposophie beschäftigt sich die Anthropologie lediglich mit einer Art physisch-kultureller Menschenkunde, die nur zu oft auf den gerade aktuellen Dogmen aufgebaut ist.
b] In der Frage nach Entstehung und Herkunft des Menschen begegnen sich Natur- und Geisteswissenschaft aufs heftigste, weil am intimsten. Die verschiedenen Hypothesen (Unterstellungen) und Theorien (zusammenführende Gedankengebäude) werden selten in ihrem Kontext (Zusammenhang) geprüft und gewichtet.
c] Eine vom Menschen (Subjekt) unabhängige, also objektive Wissenschaft kann es trotz angestrengter gegenteiliger Behauptungen nicht geben, solange es eben der Mensch oder von ihm ersonnene Maschinen sind, die forschen.
d] noch dazu als Frau
e] Diese wird zudem vorzugsweise englisch anzusprechen sein, wenn ein forschender Mensch von ihr überhaupt wahrgenommen werden will. ZB. publizieren weltweit gelesene und so die Fachmeinung stark beeinflussende Medien wie »Nature« oder »Science« keine Beiträge in einer anderen Sprache, womit eine unermessliche Vielfalt wertvoller Forschungsergebnisse erst gar nicht bekannt, geschweige denn aufgenommen werden. - Welches Forschungsinstitut etwa in Afrika, Indien oder auch Osteuropa kann sich wohl teure Übersetzungen leisten?
f] im seltenen Idealfall, denn im meist industrie- oder politikabhängigen Wissenschaftsbetrieb gilt verständlicherweise die Losung „Wes Brot ich ess', des Lied ich sing'.”
g] Daher sind Schlagsätze wie „Es ist wissenschaftlich erwiesen, ...” als Argumente unbrauchbar.
h] Haupthindernisse auf dem Weg zur Entdeckung des Neuen sind unerkannte oder gar akzeptierte Vorurteile (vgl.c u. f).
i] Chefredakteur