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Tiere

 

Tiergruppen sind geschlossene Individualgestalten. Sie entstehen, gedeihen und verbreiten sich, um zuletzt aus der irdischen Formenwelt wieder zu verschwinden. Sie haben dadurch ihr eigenes, besonderes und ganz persönliches Schick-sal. Niemals aber sollten wir uns von Gedanken verführen lassen, die noch in den Büchern Brehms und seiner damaligen und heutigen Zeitgenossen immer wieder erscheinen: ob ein Tier nützlich oder schädlich sei. Damit wird nur einer sehr fadenscheinigen Teleologie [a], die ganz auf die Vorherrschaft des Menschen hingestellt ist, das Wort geredet. Nützlich kann ein Gegenstand sein; das Tier aber ist ein Wesen. Auch ein Mensch kann nicht danach beurteilt werden, ob er nützlich oder schädlich sei. Jeder Mensch ist würdig, auf der Erde zu leben; sonst wäre er nicht geboren.[b]

So ist auch jede Tiergruppe im Rahmen ihrer eigenen Würde anzuschauen. Sie, die Tiere, sind zwar Glieder ihrer Art, Familie, Gruppe und ihres Stammes. Sie haben als solche aber eine nur ihnen zukommende und von ihnen allein durchführbare Aufgabe im Gesamtplan der Erdenschöpfung. Diese Aufgabe zu erkennen und zu beschreiben und damit das Schicksal einer ganzen Gruppe zu erraten, ist Teilaufgabe einer künftigen Zoologie. Die heutige Verhaltensforschung ist eine erste Türe, die zu diesem Neuland führen wird. Eine mehr spirituelle Interpretation ethnologischer Phänomene wird eine weitere Tür sein, die sich diesem Reich neuer Einsichten auftun wird. Dazu aber wird es notwendig sein, dass wir das Verhältnis zwischen Mensch und Tier, wie es sich heute [c] in den zivilisierten Ländern der Erde herausgebildet hat, nicht als Massstab gelten lassen.

In den grossen und kleinen Städten, in den Kulturdörfern und Vororten lebt der Mensch fast völlig abgesondert von der Welt der Tiere. Er hat sich seine eigenen Reservate geschaffen und ihnen die restlichen Stücke von Wald und Wiese überlassen. Eine strenge Trennung zwischen Tier und Mensch ist durchgeführt. Wo es noch "Wilde" gibt, in den Wäldern und Sümpfen des Amazonas und an manchen Stellen Mittel- und Südafrikas, in Borneo und Celebes [d] und Neu-Guinea, da leben Menschen und Tiere in einer viel engeren Gemeinschaft; sie wissen voneinander, verhalten sich mit-, gegen- und füreinander und bilden eine Lebenseinheit, eine Symbiose. Das Tier greift tief in das Leben der Menschen, der Mensch entscheidend in das Dasein der Tiere ein. Sie durchdringen einander, und es ist nicht nur Furcht und Aberglaube, welche die Tabus, die Feste, die Zauberhandlungen bedingen. Die Seelenwelt der Tiere selbst, ihre Handlungen, ihr Verhalten, ihre Phantasien und übersinnlichen Erfahrungen durchwirken das Vorstellen, Fühlen und Handeln der mit ihnen lebenden Wilden.

Ähnlich war auch eine frühere Menschheit dem Tier noch enger verschwistert. Einstmals, zB. während der Zeit der Atlantis,[e] deren letzten Reste noch Plato beschrieb, schritten nicht nur Götter und Heroen in Menschengestalt unter den erwachenden Erdensöhnen einher; auch die Gruppenseelen der Tiere waren dem Menschen nah. Sie wirkten im Feld der Sinneswelt und bewirkten ihre eigenen Taten und Leistungen.

Götter, Heroen, Tierseelen, Menschen und Tiere gingen miteinander um. Sie kommunizierten in Handlungen und Kulten, in Ritualen und Zeremonien; sie hatten Einfluss aufeinander und bestimmten ihr gegenseitiges Geschick.

Die Asche dieser Ereignisse finden wir in den Knochen und Gesteinsabdrücken, die als Reste vergangener Kulturen zutage treten. Wir sollten aber nicht meinen, dass es damals nur jene Aschenbestandteile gegeben hat. Vieles von dem, was damals lebte, war deshalb gar nicht veraschbar, weil es materiell viel zu locker und fein gewoben war.[f]

Die Körper und Gestalten waren viel plastischer, leichter veränderlich und in ihren Formen viel wandelbarer als sie heute geworden sind. Auch die Kluft zwischen Tier und Mensch hatte noch viele Brücken. Und nicht nur zu den Affen gab es morphologische Übergänge; auch zu den Raubtieren, den Wiederkäuern, den Elefanten und Walrossen, den Robben und Pferden. Denn Pane und Kentauren sind nicht phantastische Chimären eines primitiven Volksglaubens, sondern jene Brücken, die einstmals die werdenden Tiergruppen und die entstehenden Menschenrassen miteinander verbanden. Der Archaeopteryx [g] ist eine dem Kentaur durchaus vergleichbare Übergangsform. Jener verbindet Vogel und Reptil; dieser überbrückt die Kluft zwischen Huftier und Mensch.

Die Zaubergewalt, die wir aus Märchen und Mythologien kennen, wo Menschen in Tiere und Tiere noch in Menschen verwandelt werden konnten, ist ein Überrest natürlicher Vollzüge, die einstmals dauernd sich begaben. Verwandlung war ein Urverhalten aller lebendigen Wesen. Was einstmals bis in die Gestalt des Körpers hinein sich vollzog, ist heute nur der Phantasie allein noch möglich. Sie kann noch im Traum und schöpferischen Bilden das erschaffen, was einstmals physisch-physiologische Realität gewesen ist.

Karl König
aus «Bruder Tier»

Unsere Anmerkungen

a] Zielgerichtetheit; vgl. die "Entelechie" (das sein Ziel in sich Bergende)
b] dh. auch, dass kein Mensch ersetzbar ist, wie Henry Ford irreführend behauptet hatte - wir können auf keine Frau, keinen Mann verzichten
c] geschrieben 1955
d] heute grösstenteils Kalimantan und Sulawesi, zwei Inseln der Republik Indonesien
e] vgl. Mbl.7
f] Hier besteht immer noch die Kluft zwischen Anthropologie, Geologie und Paläontologie einerseits und der Geisteswissenschaft andererseits.
g] Urvogel aus dem Erdzeitalter Jura

red.16.IX.2003
WfGW, 1030 Wien / AT