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Nachdenken:
Im Spannungsfeld -
Zwischen Angst und Faszination:
der Bau der Bombe
Ein Forscher mitteleuropäischer Abstammung, der unbekannt bleiben wollte, sagte 1949 zu Robert Jungk in Los Alamos: «Es ist doch seltsam, und ich kann es nicht begreifen, ... meine Jugend stand ganz unter dem Zeichen der Sehnsucht nach Wahrheit, Freiheit und Frieden. Und nun hat mich das Schicksal gerade hierher verschlagen, wo meine Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist, die Wahrheit, die ich zu entdecken versuche, hinter Safetüren versperrt bleibt und meine Arbeit letzten Endes dem Bau der furchtbarsten Kriegswaffen gewidmet sein muss. Welch widerspruchvolles Schicksal!»(3)
Man kann voraussetzen, dass hier ein hoch intelligenter Mensch spricht. [...] Aber diese Intelligenz, die in der physikalischen Forschung und Technologie sicher Hervorragendes leistet, begreift nach eigener Aussage des Forschers nicht das ihm widerfahrene Schicksal. Für die Veränderung seiner ehemaligen Lebensziele fehlt ihm - obwohl er doch jeden Lebensschritt selbst vollzogen hat - die Begründung. Er rätselt an seinem Verlust der Ideale, ohne zu erkennen, was ihn herbeigeführt hat. Eine Bewusstseinslücke wird formuliert, die sonst im wissenschaftlichen Streben auf das schärfste verpönt ist. Hätte der Wissenschaftler mit der gleichen Schärfe des Bewusstseins, mit der er seinen Blick auf die Welt der Phänomene der Naturwissenschaft zu richten gewohnt war, sein Seelenleben beobachtet, müsste er doch eine Antwort auf seine Frage gefunden haben. Warum beteiligt er sich überhaupt an dem Bau der schrecklichsten Kriegswaffen? Warum erträgt er die Geheimhaltung seiner eigenen geistigen Produkte, und warum nimmt er die verordnete Bewegungsbeschränkung hin? Er hat schon früh durchschaut, welch fürchterlichem Ziele seine Arbeit dient. Wären diese nahe liegenden Fragen mit jener Energie bearbeitet worden, mit der der Forscher seine wissenschaftliche Arbeit vorantrieb, hätte er doch fündig werden müssen. Oder hat er sich von der überaus interessanten Arbeit so faszinieren und absorbieren lassen, dass er an nichts anderes mehr denken konnte?
Für manchen der am Atomprojekt beteiligten Forscher gilt, was über Robert Oppenheimer [a] ausgesagt wird: «Bis dahin [dem Eintritt in das Atomprojekt 1942] hatte er sich, wie die meisten seiner Berufskollegen, so wenig um das Leben außerhalb seines eigenen wissenschaftlichen, literarischen und philosophischen Interessenskreises gekümmert, dass er gewöhnlich nicht einmal Zeitung las oder Radio hörte.»(4) Die gewissermaßen selbstgeschaffene Beschränkung des eigenen Horizontes wird gesteigert durch die «Gesetze des Lagers». Das Lager ist von der Außenwelt abgeschnitten. Jeglicher Kontakt mit dem Lebensumkreis, den jeder Mitarbeiter früher hatte, ist verboten. Die Forscher werden völlig isoliert. Das ist wahrlich nicht die Freiheit, von der der zitierte Wissenschaftler in seiner Jugend träumte. Aber der Zustand wird erduldet.
[... Erwähnung der staatlichen Sicherheitsüberprüfung Oppenheimers mit Auszug aus dem Protokoll ...] [b]
1945 war er an der Kommission beteiligt, welche nach rationalen Kriterien die japanischen Städte aussuchte, die Ziel der Bombe sein sollten. Um ein genaues Bild von der Zerstörungskraft der Bombe zu ermitteln, wurden beispielsweise diese ausgesuchten Städte [c] von den übrigen Bombardements der amerikanischen Luftwaffe verschont. Die zynische Begründung war: um «reine» Testergebnisse für die Wissenschaft zu erzielen. Was ging in Oppenheimer vor, wenn diese Frage diskutiert wurde? Robert Jungk charakterisiert Oppenheimer als Hamlet-Figur. In dem erwähnten Protokollausschnitt erzählt er, dass er Gründe für und gegen den Einsatz der Atombombe vorgebracht habe. Er versichert aber auch, nicht gegen deren Einsatz gewesen zu sein. Zu sagen, dass er dafür war, hätte in seinen Augen nicht der Wahrheit entsprochen. Dazu wusste er zuviel über die vorauszusehenden Wirkungen der Bombe. Das Inferno, das sie auslösen würde. musste bei einem so feinsinnigen Mann Skrupel auslösen. Die aber hatte er ja in den Gegenargumenten formuliert, freilich ganz losgelöst von seiner persönlichen Überzeugung, ganz objektiviert im Sinne wissenschaftlicher Vorgehensweise. Damit hatte er geleistet, was er zu leisten in der Lage war. Sich zu entscheiden war nicht seine Sache.
Strebt doch die wissenschaftliche Methode, der er sich verpflichtet fühlte, danach, die Subjektivität des Forschenden auszuschalten.[d] Oppenheimer wollte sich voraussetzungslos den Phänomenen gegenüberstellen. Nicht der Forscher, sondern die Sache sollte sich aussprechen. Seine Urteile hatte er präzise formuliert. Bei der Entscheidung über den Abwurf ging es aber nicht um Forschung, sondern um deren Anwendung im Leben. Die Aufzählung unterschiedlicher Argumente allein führte nicht zum Entschluss. Für General Groves [e] war klar: Man setzt nicht zwei Milliarden Dollar ein, um nachher das Ergebnis nicht zu nutzen. Nach der Kapitulation Deutschlands drängte er also mit allen Mitteln, die Bombe gegenüber Japan, mit dem man noch im Kriegszustand war, einzusetzen. Sind Erfindungen einmal in der Welt, entwickeln sie offenbar eine Eigengesetzlichkeit, die auf Anwendung drängt. Wären nicht die zwei Milliarden ohne Einsatz der Bombe verschwendet? Bei Groves sind die Emotionen, die zu den ihm passenden Argumenten führen, leicht auszumachen. Er fühlt sich durchaus als «praktischer» Atomforscher. Ohne ihn hätte die Organisation des Unternehmens nicht geklappt. So sieht er die Bombe auch als seine Schöpfung an und möchte den Triumph seines Erfolges genießen. Über diesem Drang nach Anerkennung verdrängt er, ohne mit der Wimper zu zucken, den Gedanken, welches unermessliche Leid er über unschuldige Menschen bringt. Der Tod von zigtausenden Menschen irritiert ihn nicht. Er verkörpert die Brutalität der Mächtigen, die gewillt sind, über Leichen zu gehen. Der darin sich ausdrückende Egoismus ist das Einfallstor für menschenzerstörende Mächte.
Im Frühsommer 1956 wird Oppenheimer gegenüber einem seiner Besucher das Resultat seiner Arbeit resümieren: «Wir haben die Arbeit des Teufels getan.» Das ist ein schwer wiegendes Urteil, aber es kann leicht zur Redensart verkommen, wenn nicht gleichzeitig aufgezeigt wird, wie und wo der Teufel [f] (um Oppenheimers Wortwahl aufzugreifen) wirkte. Die Antwort auf nachvollziehbare Einzelheiten bleibt Oppenheimer schuldig.
Noch im Jahr 1956 sieht er den Frieden, den er als Schuldiger und Geschundener finden könnte, in dem Vorhaben: «aber nun kehren wir zu unseren wirklichen Aufgaben zurück.», das heißt in der reinen Forschung. Kann ein so intelligenter Mensch wie er derart naiv sein zu glauben, dass die dabei gefundenen Forschungsergebnisse, auch wenn sie von anderen missbraucht wurden, den Forscher von der Mitverantwortung entbinden?[g] Oder hat nicht auch der Forscher dafür zu sorgen, dass solcher Missbrauch unterbleibt? Die Diskrepanz, die sich zwischen der Erkenntnis und der Moral auftut, war nie größer. Fest steht, dass der Egoismus, wird er von Einzelmenschen oder von Nationen dargelebt, das Zusammenleben der Menschen zerstört: Das Leid, das dem anderen durch solchen Egoismus zugefügt wird, ist unübersehbar. Es wiederholen sich die schrecklichen Phänomene immer wieder. Das erweckt den Anschein, dass Menschen und Völker in diesem Punkt nicht lernfähig sind. Die Macht des Egoismus und des Nationalismus verdunkelt offensichtlich jegliche Vernunft.[h] Wie der Egoismus, so beherrscht heute die Angst [i] immer häufiger das Seelenleben der Menschen. Auch die Entwicklung der Atombombe in Amerika urständet in dem Phänomen der Angst vor der möglichen Entwicklung einer deutschen Atombombe.
[...]
Die Angst ist ein Dauerphänomen geworden. Wenn heute Indien die Atombombe besitzt, muss sie Pakistan, das in spannungsreichen Beziehungen zu Indien steht, auch haben. Solche Angst bindet zusätzlich ungewöhnlich hohe Summen in eine doch nur scheinbare Friedenssicherheit. Ein einseitiger Missbrauch ist keineswegs ausgeschlossen.[k]
Das Lebensresümee des eingangs erwähnten Forschers lenkt den Blick auf ein Symptom, das weit verbreitet ist. Wir werden ihm noch öfters begegnen. Nüchtern wird ein Bewusstseinsschwund registriert, in dem es möglich wurde, die einstigen Ideale in ihr Gegenteil zu verkehren. Die Frage muss erlaubt sein, wer in solchen Augenblicken das verdunkelte Bewusstsein beherrscht. Sicher ist doch, dass die Verwandlung der Ideale in das Gegenteil nicht willentlich von den Betroffenen selbst vollzogen wurde. Dennoch fand sie statt. Wer aber hat dann diese Umwandlung verursacht? Von wem wurde der Mensch Werkzeug?
Damit solche unfreiwilligen Impulse in das Leben einfliessen können, bedarf es bestimmter emotionaler Befindlichkeiten. Faszination von den gebotenen Möglichkeiten, Aussicht auf persönliches Ansehen, Geltendmachen des nationalen Interesses behindern die klare Sicht für die Konsequenzen der eigenen Tätigkeit im sozialen Umfeld. Indem diese Emotionen begehrend vor das innere Auge treten, fixieren sie das Bewusstsein auf ihre Erfüllung und unterdrücken die abwägende Nüchternheit. Sie liefern den Menschen an Folgen aus, die er nicht mehr beherrscht.
Erhard Fucke
3) Robert Jungk, Heller als tausend Sonnen. Das Schicksal der Atomforscher, Heyne Sachbuch, München 1990, S.18.
4) Ebd., S.160
aus «Im Spannungsfeld des Bösen»; S.19ff
Unsere Anmerkungen
a] Julius Robert Oppenheimer war Jude und begeisteter Physiker.
b] siehe KIPPHARDT, H.: «In der Sache J.Robert Oppenheimer»
c] Hiroshima (6.VIII.1945) und Nagasaki (9. VIII.1945)
d] vgl. MblB.E: Anm.54
e] Leslie Groves war militärischer Leiter des geheimen "Manhattan Project" zum Bau einer Atombombe.
f] engl.: Devil (von latein. diabolus) im Unterschied zu Satan (von latein. satanas; arab. schejtan); vgl. Mbl.16 - Die erste Versuchsbombe nannten die Herren übrigens "Trinity".
g] ähnlich wie beim Physiker Otto Hahn, der noch 1938 in Berlin (!) seine Kernspaltungsversuche veröffentlicht hatte
h] Das führt zB. dazu, dass Staaten, die andere selbstgerecht anklagen, sich ihrerseits aggressiv weigern, als Angeklagte vor internationalen Gerichtshöfen zu erscheinen. - siehe auch GUARDINI, R.: «Damit Europa werde ...»; S.24ff
i] Eine engagierte Dokumentation privater und öffentlicher Paranoia zeigt Michael Moore mit seinem Film «Bowling for Columbine».
k] wie es etwa Nordkorea in den vergangenen Jahren immer wieder androhte