Die
zum IMPRESSUM
bietet hier eine poetische Studienhilfe an:
Eamsyne und Earasyn
XV
ZWEITER AUFTRITT
Szene: Bank an einem Bach in offener Landschaft bei steigender Sonne
Von Altvorderen
_ in Wanderkleidung, sitzend
981} Warum sollte nicht an Noach an ich knüpfen,
den Manu, der uns durch die Flut geführt,
anstatt an Moscheh,
jenen weisen, Gesetzesbürde schleppenden Geweihten,
an Rabbi Jeschu,
der trug, nachdem er uns zu tragen auftrug,
gar an Mohámmed, aller Alten Jüngster,
der als Letzter wollte gelten unbedingt,
da doch der Letzte Erster würde sein?
¯ locker, doch elegant gewandet, mit verschränkten Armen neben ihm sitzend
982} Weshalb nicht gleich an Adam,
den Ersten aller,
der als Letzter dieses Tal verlassen wird?
983} _ Weshalb?
Weil er in neun Jahrhunderten nur Nachwuchs zeugte,
Volk, das sich schlug, sich dann vertrug,
nachdem der erste Schäfer ward erschlagen.
Zwar wuchs aus seinem Mund ein Baumselbdritt,(377)
doch dessen Holz, als Marterpfahl genutzt,
blieb Stachel (69) in des Menschen Fleisch bis heute.
Wer wollte derlei weiterspinnen?
984} ¯ Einer etwa,
dem sich ein Quell erschloss,
nachdem ein Sturm ihn und die Seinen
inmitten gelber Dünen nieder hat gehalten.
985} _ Ein Wassermann?(103)
986} ¯ Ein kluger Leiter seiner Leute,
ein Weiser später, Hüter seiner Zitadelle.
987} _ Ein weitrer Weiser?
Kennst du so viele?
Erzähle, bitte, willst du?
 
© 2014 by S.Beatrice
Vom Hochquellen
¯ die Beine überschlagend und sich auf die Bank stützend
988} Stell' dir die Wüste vor, magst sie finden, wo's dir gefällt! Mittagsglut flirrt über den Sand, gleissend spannt sich Blau über welliges Gelb. Vor der Hitze unter ihre weissen Tücher geduckt, rasten ein gutes dutzend Männer inmitten ihrer Kamele. Sie haben den Tieren einen Sack Trockengras zum Kauen vorgeworfen. Kein Wort fällt, stumm trinken sie würzigen Tee aus getriebenen Schalen.
989} _ Ich seh' den Lagerplatz vor mir.
990a} ¯ Einer hält mit schmalen Augen Ausschau nach Westen zu. Am Horizont flimmert's grau, und das Grau scheint heranzuwachsen. Noch rührt sich nichts, noch sagt er nichts, noch nippt er nur von Zeit zu Zeit vom Rande seiner Schale.
990b} Die Männer rings um ihn bemerken's nicht. Ihr Vertrauen in den Karawanenführer lässt sie dösen. Ein jeder träumt mit halbgeschlossnen Lidern vor sich hin. Auch wär's verwegen, ihn zu stören bei der Rast. Vielmehr geniessen sie die Ruhe nach dem langen Ritt auf wiegenden Kamelen. Der wievielte seit ihrem Aufbruch von der Stadt im Osten? Dem Sonnenauge war'n sie nachgezogen, beladen mit all dem, worauf die Schiffe warten im fernen Hafen am grossen Meer. Dort würden sie die Ballen von den Sätteln heben und in die Speicherhalle tragen, wo Hafenknechte das Ladegut zu stapeln haben. Dann würd' die Zeit zum Feiern kommen mit Umtrunk und Musik und Tanz ...
991} _ Ich hör' das Zimbelklirren und das Rebabwimmern,(378) das Stampfen nackter Füsse auf dem Lehm.
992a} ¯ Doch naht das Grauen. Plötzlich streicht ein heisser Windstoss über alles hin. Die Männer fahren hoch. Ihr Leiter steht und gibt Befehle. Sie treiben die verstreuten Tiere eng in einen Kreis zusammen, entladen sie und binden eins es an das andre. In deren Mitte stapeln sie die Güter, richten die Zelte auf und flüchten sich hinein. Denn nun hebt er an, der Sandsturm, hüllt sie in fahle Wolken feinster Körner, dringt durchs Zelt und ins Gewand, wie vermummt der Mensch auch sei. Drei Tage heult und tobt das trockne Element, zerrt an Seilen und Seelen, rüttelt an Planen und Gliedern, lässt Wachen mühsam werden, Schlafen schwer und alle Sinne wanken; drei Tage dunkel wie das Ende.
992b} Indes, das Ende kommt, und es ist zart. Ein paar Atemzüge nach dem letzten Flattern die Zeltwand entlang tritt man allerseits hervor und schüttelt seinen Kaftan aus. Die graue Wand entschwindet gegen Osten. Aus kleinen Hügeln blicken sandwimprig die Kamele, gewohnt, dem Stürmen gelassen zu begegnen. Die Waren liegen unter dicken Decken. Der Morgenhimmel leuchtet, als ob's nicht anders sein könnte. Ringsum liegt Stille (36) ausgebreitet.
992c} Bevor noch wer ein Wort hervorzubringen sucht, hebt der Karwanenführer die Hand und weist auf eine Stelle neben dem Leitkamel. Einige sehen es, alle hören es: dort kullert eine Quelle. Sie eilen hin, umringen und bestaunen das Sprudeln mit seinem farbenfrohen Blinken, bevor's im Sand verfliesst. Nie war da Wasser gewesen, seit der Mensch diese öden Gebiete in scheuer Eile durchzog, nie war da Wasser. Endlich bückt sich einer und schöpft mit seiner Schale. Er führt sie zu den Lippen, zuckt zurück, denn eiskalt ist dieser Trank.
993} _ Eiskalt?
994a} ¯ Ja, denn dieses Wasser quillt aus tiefen, weitverzweigten Spalten und Kavernen einer seltenen Kaltzone hoch, weit unterm Sand, der's bedeckte, eh' jener Sturm es freigeblasen hat. - So stehen sie herum, ein jeder hält sein Trinkgefäss gefüllt und lässt die Sonnenstrahlen ihren Segen drüber spenden. Und als sie das Wasser versuchen, schmeckt es köstlich und belebt.
994b} Zügig geht ihnen danach das Aufrichten der Kamele und Freilegen der Ladung von der Hand. Bald steht ein jedes Tier gesattelt bereit, seine Last aufzunehmen. Die Männer erwarten nur noch den Zuruf ihres Leiters. Der aber lässt sie alle nochmals zur Beratung lagern.
994c} „Seht”, sagt er „uns ist eine wunderbare Quelle geschenkt worden. Ja, und kein Mensch kennt sie ausser uns. Sie ist unser Geheimnis, und das soll sie bleiben. Was gründen wir nicht eine Stadt um sie herum? Lassen wir drei Wächter hier und bringen eilig unsre Ladung an die Küste und kehren mit allem Nötigen für einen ersten Bauabschnitt zurück! Steht erst die Ringmauer, so holen wir unsre Frauen und die Kinder, Kleintier und Pflanzen her. Und mit den Jahren mag es ein hochbegehrter Ort zu rasten werden. Nicht eine Karawane wird, nein viele werden dann in unserm Namen durch die Wüste ziehn.”
994d} Die Männer besprechen seine Rede hinundher, erwägen Arbeit, Nutzen und Gewinn und was es heissen möge, innerhalb von Mauern zu wohnen, nicht im Zelt, dennoch inmitten der Dünen. Einer nach dem andren stimmt dem Vorschlag zu, dieser begeistert, jener verhalten, ein dritter, weil die andren zugestimmt.
_ kopfnickend
995} So wird sie denn gegründet, diese Stadt.
Von aufmerksamen Bären
¯ aufstehend und sich streckend
996a} So wird die Gründung erst einmal beschlossen. Drauf schickt der Karawanenführer seine Leute samt Tier und Last zum Meer. Nur Jussuf und dessen Freund behält er zurück, um das Wunder zu hüten, und drei Kamele samt deren Vorräten. In der Abendkühle bricht die Karawane auf. Bald blinken die ersten Sterne über der Reihe schwankender Gestalten,(379) dank welcher die eingeschlagne Richtung gehalten werden kann, jede ganze kalte Nacht hindurch. Unter solcher Lichterfülle liegen die drei Zurückgebliebenen und schauen den Zenith. Längst ist ihr Tee nicht mehr heiss.
hinundher gehend
996b} Verlassen wir die Wüste dort und begeben wir uns weit in den Norden, wo ausgedehnte Wälder von wilden Flüssen durchspült werden. Nachdem wir im zunehmenden Mondenschein einen reissenden Bach ein Stück aufwärts verfolgt haben, wenden wir uns links durch die Uferbüsche ins Dunkel grosser Stämme. Eine Wanderstunde später erspähen wir eine Helle vor uns. Wir pirschen uns an die Lichtung heran und verharren hinter einem dichtgewachsnen Weissdornstrauch (209). Fast halten wir den Atem an, liegen dort doch drei Bären (48): zwei grosse im zertrampelten Gras, ein kleiner erhöht auf einem abgerundeten Granitfindling.
996c} „He, Grosser Bär”, beginnt der kleine Pelzknäuel soeben vom Stein herunter zu flüstern: „ist das nicht die grosse Mutter genau über uns?”
996d} „Hm?” brummt einer der beiden im Gras und schaut hinauf: „Eins, zwei, drei vier im Rechteck, dann drei, zwei, eins gebogen hintereinander, jaja, dort oben zeigt sie (150) sich, Kleiner Bär. Und passt auf uns auf.”
996e} „Passt sie auf uns auf, Thomasbär?” fragt der Kleine den andern. Der kaut gerade gemächlich an einem Stück Lachs.
_ auflachend
997} Thomasbär heisst der?
¯ innehaltend
998} Ja, so wird der andre genannt, weil er öfters Zweifel äussert.
999} _ Einen Bären, der zweifelt, das gibt es?
¯ sich wieder setzend
1000a} Gibt es wohl, obschon man nie wissen kann, wie ernst er's damit meint. Des grossen Bären schöne Schwester mit den Hindenaugen könnt' dir darüber allerhand berichten - 's ist allerdings schwierig geworden, sie zu finden. Doch höre weiter:
1000b} Der Thomasbär schluckt mit hörbarem Genuss seinen Bissen und antwortet dem Kleinen freundlich: „Klar doch, sie und ihre Tochter passen auf uns auf, immerzu, ob wir sie sehen oder nicht.” Dann holt er aus: „Es ist nämlich mit dem Aufpassen vom Himmel auf die Erde so wie mit dem Schauen von einem hohen Turm, von wo du über Land und Wasser blickst ...”
1000c} „Spürt ihr das auch?” unterbricht der grosse Bär die wohleröffneten Ausführungen: „Ruft da nicht einer, den wir kennen?”
1000d} „Ja”, quietscht der kleine Bär fröhlich: „und es kommt aus Mittag! Gehen wir gleich los?” Der kleine Bär reist furchtbar gern mit seinen zwei Freunden. Dafür geht er ausdauernd, schwimmt sogar und lässt sich lange Strecken klaglos tragen. Geduld hingegen ist seine Sache nicht. „Mir ist langweilig.” stöhnt er oft wirkungsvoll, wenn er ein wenig warten muss, obwohl ihm eigentlich immer etwas zum Spielen einfällt.
1000e} „Da liegt noch köstlicher Fisch.” gibt der Thomasbär zu bedenken: „Wir sollten nichts überstürzen.” Ihm eilt es nicht so sehr mit Reisen. Wo gäb's denn sonst in solcher Fülle Fisch und Honig! Bricht er freilich erst einmal auf, hält ihn sobald kein Leckerbissen oder Schlaflager zurück.
1000f} Der grosse Bär steht auf und schnuppert ins bleiche Licht. „Merkwürdig”, murmelt er: „merkwürdig, ich rieche Sand, viel Sand, aber kein Meer.” Der Kleine springt von seinem Stein vergnügt auf den mächtigen Rücken vor ihm und krallt sich am Fetthöcker fest, während sich der Thomasbär noch eine Portion Lachs schnappt und sich ebenfalls erhebt. Dann trotten sie südwärts in den Wald. Und bald kann kein Waldtier mehr die breiten Gestalten zwischen den hohen, dunklen Stämmen ausmachen.
1001} _ Du führst mich mit deiner Erzählung kreuz und quer.
Von einer Beratung
1002a} ¯ Waage- und senkrecht, genau. Jetzt wenden wir uns wieder dem Quellort in der Wüste zu. Jussuf und sein Freund sind eingeschlafen. Ihr vernehmliches Schnarchen kräuselt ein Lächeln auf die Lippen des Karawanenführers, ohne dass er den Blick vom Nachthimmel wendet. Das Verlangen, sich mit drei nur ihm vertrauten Wesen auszutauschen, hat ihn ganz erfüllt. Ob jene seinen Ruf vernommen haben?
1002b} Auf einmal zieht es seinen Blick nordwärts. Über eine Düne sieht er drei gedrungene Schatten herantappen, unhörbar des Sandes wegen.(380) Jeder Wüstenfahrer würd's mit würgender Angst zu tun bekommen. Er aber weiss, wer da naht, steht auf und breitet die Arme aus. „Schalam”, spricht er leise: „so seid ihr also erschienen!”
1002c} „Wir erscheinen stets, wenn du uns rufst.” entgegnet der grosse Bär. „Wir kommen genau aus unsrem Wald!” trompetet der kleine stolz. Und der Thomasbär brummt nur: „Da wären wir”.
1002d} „Seid ihr gut gereist?” fragt der Leiter höflich: „Plagt euch etwa Durst?” Schmunzelnd weist er aufs silbrige (18) Schillern und Gluckern: „Wir haben nämlich frisches Wasser.” Sodann berichtet er den Dreien, was sich zugetragen hat, und von seinem bedeutenden Vorhaben.
1002e} Der kleine Bär springt vom Rücken seines Trägers und trabt zur Quelle. Ohne erst vorsichtig zu schnuppern, steckt er seine Schnauze hinein. „Uji, ist das kalt!” Er schüttelt sich und schaut ernüchtert auf. „Wer lässt so kaltes Wasser fliessen?”
1002f} „Das lässt Ibn Habasch fliessen”, antwortet ihm der grosse Bär ruhig. „Auch so ein Ibn Abihi (381)”, merkt der Thomasbär leichthin an: „Keiner kennt diesen Eisriesen so recht, Ratpert der Vielwisser nicht, auch nicht Roberta die Flossengurke. Nichteinmal Arduin auf seiner weissen Platte konnte dem grauen Riesen Otto Genaueres sagen, als der seinen Nasenstrahl in die Kälte schoss, dort wo die Salzwasser ans Schelfeis klatschen, obschon Otto Arduin einen Fettfisch aus dem südlichen Meer mitgebracht hatte, was diesen ausserordentlich gesprächig machte, was hinwiederum jeder verstehen kann. - Aber wollen wir nicht lieber schauen, was nun zu tun ist?” „Wollen wir”, grummelt der andre ungeduldig.
1002g} „Darum habe ich euch herbeigesehnt.” Der Karawanenführer bittet die Pelzträger, sich zu lagern, dann nimmt er auf seinem bestickten Kissen Platz. Und bis zum Morgengrauen wägen sie miteinander das Fürundwieder einer Stadtgründung, wem sie dienen solle, gegen wen sie verteidigt werden müsse und was bei alledem zu beachten sei. Steine, Lehm und Holz würd's brauchen, und es galt, das Material spätabends oder mitternachts oder zum Hahnenschrei (289) herbeizuschaffen. Konnte der Leiter auf seine Leute bauen? Würden sie mit ihm an einem Strang ziehen? Und die Frauen mit den Kindern? Über solchen Fragen wandert der Löwenstern (281) bis zum Untergang. Bevor Jussuf und sein Freund jedoch erwachen, verschwinden die drei Bären so lautlos, wie sie gekommen sind, denn Laute wären Spuren.
_ sich streckend
1003} Wo willst du hin mit deiner Geschichte? Noch erkenn' ich kaum deren Linie!
¯ in die Ferne schauend
1004} Wo will ich hin mit meiner Geschichte? Wohl eher: wo will die Geschichte hin? So auf die Schnelle wird keine Burg zur Zitadelle.
_ auffahrend
1005} Zur Zitadelle?
¯ ihn anblickend
1006} Zur Zitadelle, ja! Das ist ein Weg, der Weg, den die Geschichte geht. Doch höre nur!
_ ihren Blick erwidernd
1007} Ich will auf deine Stimme hören und deiner Wegleitung vertrauen.
 
© 2014 by S.Beatrice
Vom Bau
¯ sich das Haar aus dem Gesicht streichend
1008a} Viel Dinge sind geschehen und getan, wenn die Sonne wiedereinmal durch den Tierkreis gezogen ist. So finden wir eine zinnengekrönte Rundmauer um das quellende Geheimnis errichtet, höher als ein auf seinem Kamel stehender Kämpfer. Innerhalb des Festungswerks, das aus mit Lehm verbundenen Steinen gefertigt ist, gibt es Platz genug für eine kleine Stadt. Die ersten einstöckigen Häuser sind an die Innenseite der Mauer gelehnt, um sie zu festigen. Gegen Sonnenauf- und -untergang sowie gegen Mittag öffnet sich je ein Torbogen, der abends mit zwei eisenbewehrten Holzflügeln verschlossen wird.
1008b} Noch sind die Stallungen fürs Kleinvieh nicht gebaut, noch nicht die Unterstände für die Lasttiere. Noch steht kein schlanker, spitzer Turm nach jenem ersten Jahr, auch kein Lagerhaus für Waren aller Art; die liegen unter freiem Himmel gestapelt. Und noch fehlen Gärten zu Genuss und Schmuck.
1008c} Wohl aber birgt bereits ein Haus das Wunder des ganzen Ortes. Der Stadtbegründer hat es selbst als ersten Bau entworfen,(382) einen strahlend weissen Würfel mit aufgesetzter Kuppel in meerblau welliger Bemalung. Von Mitternacht her führt ein schmaler tunnelartiger Eingang zum in Porphyr gefassten Becken. Nichts plätschert darin, denn das Wasser dringt hier aus seinen kalten Kavernen still herauf ins Oval der Bodenschale. Daraus fliesst es in je einem tongebrannten Rohr zu den Stadttoren, wo die grossen Krüge stehen, um gefüllt zu werden. Was dort überläuft nimmt der Sand auf, lässt es zu den Spalten versickern, wo's wieder hinabsinkt zu Ibn Habasch.
1008d} Die Stadtbewohner nennen dieses Bauwerk Bejtjam oder einfach Eam. Drei Menschen können es zugleich betreten, einer, um mit dem Silbereimer zu schöpfen, die beiden andren, um Zuber oder Schlauch zu tragen. Nicht jeder darf dies, schon gar nicht zu jeder Zeit. In ausgewählter Folge treten je eine Frau - nur einer solchen kommt es zu, Silber zu berühren - und zwei Männer ins Halbdunkel, um das frische Nass zu holen. Und streng verboten ist es, Eam nachts zu betreten, geschweige denn darin schöpfen.
1008e} Strahlend weiss ragt auch die gekalkte Mauer aus dem gelben Sand in den allermeist tiefblauen Himmel. Hinter ihren brusthohen Zinnen verläuft ein Wehrgang ringsherum. Von dort spähen vier Wächter in die Wüstenweiten, in jede Windrichtung einer. Angewiesen sind sie, in vier verschieden grosse Hörner zu blasen, wenn sich etwas regt. Denn jeder der vier Winde bedarf seines Tons.(257) Bei Sonnenauf- und untergang jedoch erschallen die Vier gemeinsam in wohlgestimmtem Gleichklang.
1008f} Gelb-weiss-blau weht sodann die Fahne überm Mittagstor. Jeden Morgen wird sie von zwei Männern aufgezogen und jeden Abend von zwei Frauen eingeholt. Zu grossen Festen kleidet sich je ein Drittel der Bewohner in eine der Stadtfarben. Und deren Kamele tragen die drei Farben als geflochtene Bänder stolz um den Hals.
1008g} All dies hat der Leiter in seiner Weise so eingerichtet, wie er es mit seinen Freunden, den Nordwaldbewohnern, besprochen hatte. Heute führt er keine Karawane mehr. Er wohnt im Haus am Abendtor, von dessen flachem Dach man über ein paar Stufen auf den Wehrgang gelangt. Allwöchentlich kommen die Männer im ebenerdigen Saal des Hauses zusammen, sitzen auf weichen, schöngeknüpften Teppichen und beraten sich mit ihrem Meister bei Tee und Süssgebäck. An jedem Neumond aber sind's die Frauen, die sich dort versammeln, und werden vom ihm bedient.
1008h} Von Osten und von Westen ziehen die langen Lastreihen durch die sandigen Dünen. Wenn die Menschen auf ihren Tieren die Zitadelle in der Ferne blenden sehen, wird ihnen leichter ums reisemüde Herz. Sie reiten heran, sitzen ab und lagern im Schatten der Mauer. Deren Bewohner laben sie wie ihre Tiere und hüten aller Schlaf. In unruhigen Tagen schützt sie die Zitadelle selber. Dafür wird gern ein Hundertteil von den mitgeführten Waren entrichtet. Und alle verneigen sich vor dem Gründer dieser Pracht aus Stein, Lehm und Holz. Fortan wird er der Pîr (241) geheissen.
_ aufmerkend
1009} Der Pîr, sagst du, ach ja?
1010} ¯ Der Pîr, weil er sein Wissen und sein Können zu ihrer aller Wohl anzuwenden wusste, ein Weiser, wenn du ihn denn loben willst, oder ein Gerechter. Freilich, damit fängt die Geschichte erst an. Was hat sich nicht alles um die Zitadelle zugetragen, mit und ohne Arktoi! Wovon möchtest du weiterhören?
1011} _ Erzähle von den Gärten!
Von Garten und Heiligtum
¯ seine Hand ergreifend
1012a} Von den Gärten, gern! Im ersten Jahr zeigt sich die Stadt ja pflanzenleer, eine einzige Baustelle eben. Vor den Türen der Häuser sind zwar die dem Grünen vorbestimmten Flächen zu sehen, sandige Böden, die der Pflege harren. Noch lebt man allerdings von den Vorräten, welche die Karawanen Woche um Woche herantragen. Und als die Frauen mit den Kindern ankommen, wird den Männern der Mangel geradezu schmerzlich bewusst.
1012b} Am ersten Tag im zweiten Zitadellenjahr beruft der Pîr eine Versammlung in seinen Saal. Nach eingehender Begrüssung schlägt er vor, sieben erprobte Männer in den Nachmittag zu senden. Allda wisse er eine Pflanzenliebende, die der Stadt Hilfe stellen könne. Er gedenke nämlich, reiches Grün anzulegen, vor Bejtjam zur torlosen Mauer hin, und an dessen Rand ein Heiligtum für jeden zum Gebet. In gleichem Zuge möge es vor jeder Wohnung zu Blüte und Frucht kommen. Was die hier würdig Versammelten dazu sagten, ob sie's guthiessen? Die Männer heben ihre dampfenden Schalen dem Fragenden entgegen und stimmen in freudiger Erwartung zu.
1012c} Bald darauf brechen Jussuf und sechs Gefährten wohlgerüstet auf. Dank der genauen Beschreibung ihres Meisters finden sie den Weg, ohne suchen zu müssen: drei Tage über den Sand, drei weitere übers Gras und einen Tag durch die Felsen zum Tor der Pári Banû. Mitten in einer hochgelegenen, öden Ebene unter verstreuten Steinbrocken liegt die Einfriedung der grossen Fee; darin ein Garten von unbeschreiblicher Schönheit und Vielfalt, unerreichbaren Farben und Formen, unnachahmlichem Geschmack und Reichtum. Allein an jene lebendige Pracht zu denken, lässt schon das Herz wärmer schlagen!
1012d} Vor dem Tor wartet eine graue Magd, die ihren langen schwarzen Zopf über der linken Schulter trägt. Benommen steigen die Männer von ihren Kamelen. Die Frau übernimmt die müden Tiere zur Betreuung und weist deren Reiter wortlos in die Allee, die sich hinter dem aus glatten Blöcken gemauerten Bogen erstreckt. Dort erwartet sie eine weisshaarige, in Gelb gekleidete Dame mit blauem Schleier, um sie ins Innere zu geleiten. Also betreten die sieben das dem Staub entrungene Juwel. Zu beiden Seiten erstrecken sich weite Beete, herrlich mit Blumen und Kräutern bepflanzt, stehen saftige Beerensträucher und niedrige Bäume erlesenen Obstes, ziehen sich Rabatten voll wohlschmeckendem Gemüse. Vom überall duftenden Lufthauch beschwingt erreichen sie nach längerem Schreiten eine Terrasse, hoch wie der Rücken einer Gazelle, sternförmig mit bunten Fliesen ausgelegt und einem hellen Seidendach überspannt. Darunter entspringen vier Bäche, um ringsum den Boden gleichmässig feucht zu halten.
1012e} In ihrer Mitte thront umflort die ewig junge Herrin mit dem goldnen Haartuch. Ein Gewand wie aus lauter Blüten vom Perserapfel (383) hüllt ihre schöne Gestalt. Von ihrer Stirne leuchtet das Licht wider und taucht die Umgebung in milden Glanz. Die Männer getrauen sich kaum, weiterzugehen, und betrachten angestrengt das Fliesenmuster. Mit einem Lächeln heisst sie die Weitgereisten als Gesandte willkommen und bedeutet ihnen, sich auf die weichen Kissen vor ihr zu setzen. Als alle würdig Platz genommen haben, klatscht sie in die Hände, worauf liebliche Mädchen silberne Schüsseln bringen, damit die Gäste sich Gesicht und Hände waschen können. Danach tragen sie in zinnernem (17) Geschirr köstliche Getränke und Speisen auf und ermuntern fröhlich einen jeden, zuzugreifen. Ohne zu reden oder gar aufzublicken, essen und trinken die Männer unter Pári Banûs tiefblauen Augen.
1012f} Endlich werden Becher und Teller abgeräumt. Nocheinmal werden die Silberschüsseln gereicht, dann ziehen sich die Mägde zurück. Inzwischen hat ein Kranz edler Damen hinter der Fee Aufstellung genommen. Diese beugt sich leicht vor und nickt dem Hauptgesandten fragend zu. „Wir kommen aus der weissen Zitadelle”, beginnt Jussuf nun mit verhaltener Stimme, „der neuen Stadt in der Wüste, geschickt von deren Gründer und Meister. Zum Zeichen dessen überbringen wir dir, hochwerte Königin, diese Fahne.” Damit verneigt er sich und entrollt ein feingesponnenes, dreigefärbtes Tuch vor ihren zierlichen Füssen. „Der Meister lässt dich durch uns Unwürdige bitten, ihm Hilfe beim Anlegen eines Gartens zu senden, eines Gartens an wahrhaft ausgewähltem Platze.” Mehr wagt er nicht auszuführen.
1012g} Pári Banû schaut ihn eine Weile sinnend an. Liebt sie ihre Pflanzen nicht ausschliesslich um ihrer selbst willen? Soll andernorts gedeihen, was hier gekeimt? Will sie ihr Reich jenseits dessen Schwelle offenbaren, sei's auch nur innerhalb stark bewehrter Mauern unter Obhut eines Verehrers ihrer Macht? Mit einem Seufzer schiebt sie den rechten Fuss aufs Tuch vor ihr und verkündet ihren Entschluss: „Gern, gern geb'ich eurem Meister, meinem werten Freund, wonach er wohl verlangen kann. Möge sein Werk in allen Tönen blühen!” Auf ihren Wink tritt eine der edlen Damen aus dem Kranz hervor, ganz in schillerndes Grün gehüllt mit einem rostroten Schleier ums dichte braune Haar. Sie hebt ihre Mandelaugen und blickt die Bittsteller prüfend an. Huscht da nicht ein Schmunzeln über ihr bronzenes Gesicht? „Tári, Schwester der Gewächse”, spricht die Herrin, „du wirst die Boten des Pîr begleiten. Nimm von allen Samen, allen Stecklingen und Reisern, was du brauchst, um den Sand zum Ergrünen zu bringen, dass er vielfältig Frucht trage”. Abermals lächelt die Erhabene und entlässt die sich tief Verbeugenden zu den Tieren vor dem Tor.
1012h} Wehen Herzens brechen die sieben Männer auf, bedeutet es doch, die Wunder der Einfriedung zu verlassen. Wer diese einmal mit allen Sinnen eingeatmet hat, vergisst sie nimmermehr und kann seines Lebens nur mehr in einem Garten froh werden. In verborgener Weise wirkt der alte Feenzauber. Dennoch reiten sie mit ihrer Begleiterin getreu zurück durch die Felsen, übers Gras, dann über den Sand, bis sie wieder die Mauerzinnen im blendenden Weiss erblicken.
1012i} Tári, die Pflanzenkundige, verbringt schliesslich einen vollen Sonnenlauf als Gast unter dem Dach des Pîr. Später wird's das lachende Jahr genannt werden. Tag um Tag rührt Tári umsichtig die Hände und unterweist Frauen wie Männer in ihrer Kunst. Vor dem Wasserhaus zur öffnungslosen Mauer hin entsteht der herrlich bunte Garten der Zitadelle, reichgestaltig Erholung und Nahrung spendend. Erste Vögel lassen sich auf die kräftigsten Zweige nieder, froh, einen Ruheplatz auf ihrem langen Wanderflug gefunden zu haben. Manche bleiben sogar, und bald möchte niemand mehr ihr Zwitschern missen. Um den Garten herum gedeihen Gemüse, Beeren und Kräuter vor den Wohnungen der Menschen.
1013} _ Und das Heiligtum?
1014} ¯ Das Heiligtum ist im dritten Zitadellenjahr dort aufgestellt worden, wo sich kein Tor öffnet, dies, um das Böse abzuwehren.(384)
1015} _ Einfach so? Wie das?
1016} ¯ Höre: Nachdem der Garten erste Frucht getragen hat, lässt der Meister vier Steinplatten hauen und herbeibringen, alle eine Spanne dick und fünf Spannen breit; doch drei davon lang wie ein Hirtenstab und eine gut eineinhalbmal so lang. Unter aufmunternden Gesängen wird die Überlange sieben Schritte von der Mitternachtswand auf einem vorbereiteten Stufensockel aufgerichtet, danach je eine stablange morgens und abends von ihr und zwar so, dass sie einander die Breitseiten zuwenden. In gemeinsamer Anstrengung wird die letzte quer über die mittlere gesetzt. Zum drittten Vollmond nach der Vollendung weiht der Pîr die bis dahin unbetretene Stätte dreimal vor dem ganzen Volk, am Morgen dem stillen Gebet, zu Mittag dem lauten, am Abend dem gesungenen. Und so wird es fortan in Brauch genommen. - Diese Art Freilichtheiligtum gemahnt uns heutzutage an ein T mit je einem I unter dem Querbalken. Deswegen nennt die Kennerin solch ein Gefüge Iti.
_ grinsend
1017} Iti? Das erinnert mich an einen alten Pharao, oder an den Gebirgszug, auf dem sich Herakles verbrannt hatte. Oder steht's etwa für Internationale Theologische Identität?
¯ seine Hand loslassend und aufstehend
1018} Lach du nur! Was sind deine hergeholten Bilder andres als Phantasterei?
Vom Wunschwolkenwald
1019} _ Und deine Märchen?
1020} ¯ Entwehn dem Wunschwolkenwald,(385) von wo alles stammt, was deinesgleichen so Märchen zu nennen pflegt. Und dort wollen wir auch fortfahren, wenn's beliebt.
_ die Linke wie zur Abbitte hebend
1021} Fahr nur fort, sei so gut. Dein Wald scheint allemal Interessantes hervorzubringen, oder Erzählenswertes, wenn man so will.
© 2015 by S.Beatrice
¯ sich wieder neben ihn setzend
1022a} Interessant, wenn's dich betrifft, ansonsten bloss erzählenswert. - Jener Wald nun erstreckt sich vom westlichen Ozean, an dessen Ufer seine höchsten, mächtigsten Stämme stehen, weit ins Landesinnere. Nach Norden hin hält er seine Bäume nur einen Taubentagesflug vom Rand des Sommereises fern. Zur Winterszeit indes kommt ihm der weisse Panzer bedrohlich nahe. An den Südrand des Waldes grenzt unüberschaubares Grasland, dahinter Wüste. Im Osten hält das Walden erst am Kies des Seeufers an, allwo sich dem Blick kein Gegenüber zeigt. Diesem See entspringt der Hauptfluss und bahnt sein Bett zwischen weichen Böschungen und festen Felsen zum Meer hin, unterwegs gespeist von mancherlei Quelle und Wasserfall. Als Lebensfluss kennen ihn die Geflügelten, als Trennfluss die Vierbeiner aller Art; die Bären jedoch nennen ihn Lachsfluss und mögen ihn sehr.
1022b} Die höchsten der Waldbäume sind über die westlichen Hügel verteilt. Oft erreichen sie den untern Rand schwerer Wolken, die vom Meer übers Land getrieben werden. Dann melken ihre Wipfel die Tropfenträgerinnen, bis sie einen guten Teil ihrer Last in dichten Schleiern zu Boden lassen. Erleichtert streben sie danach höher und verteilen sich im Azur. Deshalb ist der hügelige Bereich des Waldes besonders feucht, ja nass, und wird von vielen Tieren gemieden.
1022c} Doch nicht nur Wasser schickt der Ozean. Denn in den Dunst seiner wellenden Fläche werden vielbunte Traumbilder gesogen und mit ihm emporgehoben, Traumbilder von Fischen, Krebsen, Muscheln, Polypen, Gräsern, Algen und vom Meeresgrund. Alles, was je in sein Reich geraten ist, vom Licht der Sterne bis zum Geschiebe der Küsten, auch was Boote und Schiffe verloren oder versenkt haben, alles nimmt er auf und räumt und träumt es sich zurecht.
1022d} Und aus der reichen, vom Himmel durchdrungenen Bilderflut, die mit den Wolken landeinwärts zieht, holt sich der Wald, was ihm frommen mag, holt sich's als rauhen Regen, feines Nieseln, als gelegentlichen Schauer oder als Nebel, der durch die Stämme schwadet. Was nicht heruntergeholt wird, steigt höher und strebt in weissen Kissen oder Decken hin zum See.
1022e} Der grosse und der kleine Bär sowie der Thomasbär, sie haben gelernt, aus den Wolken Bilder zu ziehen. Darüberhinaus aber können sie - und der kleine Bär kann das besonders gut - mit den Bildern Wünsche wachsen lassen, wie man Blumen gedeihen lässt oder Kinder. Deutlich gewordene Wünsche können sie dann fassen, können sie wollen, wenn es ihnen wichtig genug ist. Gar manches wird da möglich, was sich kaum eins träumen lässt.
1022f} Auf diese Weise werden sie zum Beispiel von Otto dem Pottwal über die Vorgänge weit weg von Wald und Flur unterrichtet, aus den Tiefen und Untiefen seines Gebiets. Meistens rauscht und blubbert es dabei derart, dass ungeübte Löffel dabei mehr erschrecken, als etwas Vernünftiges herauszuhören. Die Pelzohren freilich lauschen ihrem mächtigen Freund, der ihnen dies und das mit schnarrender Stimme mitteilt, so es ihm grad zwischen zwei Fontänen in den Sinn kommt. Manchmal empfangen sie seine Grüsse auch durch Roberta, die gesellige Robbe.
1022g} Oder sie vernehmen ein Klirren und Knirschen. Das verheisst eine Botschaft ihres gewaltigen Verwandten jenseits der kalten Grenze. Der Eisbär Hannes meldet sich selten, kaum je ohne triftigen Grund. Geschwätzig ist er ja nicht, längst nicht mehr verspielt. Vielleicht hat er sich wiedereinmal mit Arduin dem Pinguin besprochen, was so von Pol zu Pol gelegentlich geschieht, wenn's nottut. Das Leben auf erstarrtem Wasser ergibt wohl eine andre Sicht der Dinge als das Durchpflügen der Weltmeere.
1022h} Allerdings können auch Bilder vom Grasland auftauchen. Das kommt vor, wenn sich die Bären dort über längere Zeit nicht haben blicken lassen. Dann ist es wahrscheinlich Ratpert, der wissende Rabe, der irgendetwas Ungewöhnliches erspäht hat. In Ermangelung andren Gesanges krakelt und krächzt er, was wiederum heisst, dass er sich mit seinen Freunden beraten möchte. Könnte ihm nicht das Tun der Fee Morgaine aufgefallen sein, die wiedereinmal ihre Fäden von der Apfelinsel (386) durch die Nebel spinnt?
1022i} Eine eigne Art körniger Bilder schliesslich lässt sie gelben Sand vorstellen, weissgetünchte Mauern und das reine Blau eines trockenen Himmels, kalt des Nachts und heiss des Tags. Geht ihnen derlei Panorama auf, so ahnen sie: einmal mehr bedarf der Pîr ihrer Anwesenheit.
1022k} Auf irgendeine dieser Weisen beginnt fast jedes Abenteuer der drei unverwüstlichen Honigtatzen, beginnt im Wunschwolkenwald, den sie der Einfachheit halber meistens Wewewe nennen - darauf war der kleine Fratz gekommen. Ist es wiedereinmal soweit, dann verlassen sie den Platz auf Flusskieseln, Waldlaub oder Höhlenboden, den sie gerade belegt haben, und nach kurzer Absprache begeben sie sich dorthin, wo sie gebraucht werden, in der Erscheinung, die sie jeweils am besten dünkt. Davon haben wir ja bereits gehört, nichtwahr?
_ nach einer Pause zum Himmel aufschauend
1023} Wie können aufgesogene, fortgeblasene, losgelassen fallende Wassertröpfchen das alles bewirken?
1024} ¯ Die bewirken gar nichts. Die stellen sich zur Verfügung, lassen geschehen. Keinerlei Selbst hindert sie dran.
1025} _ Aber die vielen Bilder, die vermittelten Botschaften?
1026} ¯ Die Boten sind's, Gesandte, die Seelen verbinden, so wie sie Wolken ballen und türmen. Ihre Gebilde lösen sie gleichwohl immer wieder auf, so wie sie Seelen voneinander scheiden. Sie pressen und entpressen verschieden warme Luft, trocknen und befeuchten sie, beruhigen und verwirbeln deren Schichten im Grossen wie im Kleinen, das Untere hinan, das Obere herab. So helfen sie dem Seelischen der Erde, sich auszudrücken. Was uns zerfahren, ja zerfetzt erscheint, auf weissgott welche Orte hin verteilt, ist ihnen eins. Nur wenn der Blitz den Raum zerreisst, erschauern sie; dann donnert ihr Gewand.
1027} _ Die Boten, sagst du, bewirken Wind und Wetter? Du erklärst die Physik der Lufthülle recht unmeteorologisch, um es vorsichtig zu sagen. Wer sind die Boten? Oder sollt' ich fragen, was?
1028} ¯ Uns Menschen sind sie Begleiter und Vermittler, Unterstützer unsres freien Eigenseins. Die Tiere werden von ihnen geleitet und beschützt. Den Pflanzen weisen sie die Richtung zu den Sternen. Und sobald Gestein aus dem Erdinnern aufsteigt, erhalten sie es, indem sie's je nach Bedingung umformen. Sich selber aber sind sie Diener der Notwendigkeit ganz wie der Mond und sein Gebiet.
1029} _ Diener der Notwendigkeit, sagst du, und somit notwendige Diener ...
Von Kleid und Schleier
1030a} ¯ Höre nun weiter, denn ich will dir von Otto erzählen. Weshalb der altgediente Wal so heisst, mögen die Götter wissen. Rastloser Wanderer, der er ist, sind ihm die streunenden Bären entfernt verwandt. Auf seinen Weltreisen kommt ihm allerhand zu Ohren, und auf seinen Rat ist zuallermeist Verlass. Deswegen treffen sich die Bären immer wieder einmal mit ihm am rötlichen Felsenvorsprung, der an der Küste den Wellen trotzt. Fahnengleich bläst Otto Wasserstaub schräg in die Luft und meldet so seine Ankunft. Überdies vermittelt er nicht ungern, zum Beispiel zwischen Hannes im Norden und Arduin im Süden. Da taucht er dann, wie's ihm gerade passt, grauschwarz zwischen den Eisplatten auf und hisst seine Flagge.
1030b} Gleich einem wogenden Kleid schützen die Weltmeere den Planeten. Längst bedecken sie ihn nicht mehr vollständig. Das war einmal Sitte. Heute ragen die Kontinente nackt in den Luftschleier, diesen dünnen Hauch von Hülle. Die beregneten Steinflächen erlauben natürlich ein andres Leben, als es die Salzfluten bieten, von eigener Wärme ganz zu schweigen. Zwei verschiedene Gewänder sind es also, die alle Teile der Erdenwelt verbinden, nicht etwa trennen. Du musst die beiden nur recht einzuschätzen wissen, um sie zu nutzen.
1030c} Kleid und Schleier sind Otto urvertraut. Wiewohl er oft abtaucht, um in erdrückenden Tiefen unerhörte Kämpfe zu bestehen, liebt er den Übergang von Wasser- zu Luftozean, wo er seinen kräftigen Sprühregen in die dünnen Dämpfe und die Gischt der Grenzschicht mischen kann. Hier fühlt er sich zuhause, der Verbinder von Welten.
1030d} „Ob er kommen wird?” fragt das kleine Pelzohr seine Begleiter ungeduldig. Angestrengt starrt es auf die Wasserfläche, um als erstes den ersehnten Blas zu sichten. „Sicher doch”, grummelt der Thomasbär: „aber zu seiner Zeit.” Die grosse Starktatze beruhigt: „Keine Sorge, Otto kommt. Er hat uns schliesslich gerufen.” „Hat ihn etwas aufgehalten?” wird nachgebohrt. „Nur die Ruhe, mein Kleiner, nur die Ruhe!” Ist doch den Jungen die Ruhe so schwer zu ertragen!
1030e} Nach einer Weile kräuselt sich aber eine Stelle auf der glatten Oberfläche, schon wird die wohlbekannte Wolke nach oben gesprüht und etwas wie eine längliche schwarze Insel erscheint. „Da ist er ja, der Otto!” ruft der kleine begeistert. Die Insel wackelt ein wenig; daran merken die Bären, dass ihr alter Verwandter lacht. Jetzt hebt er seinen riesigen kantigen Kopf aus dem Wasser und zwinkert mit den winzigen Augen. „Eine Freude, seid ihr alle hier!” klickt er herüber. „Eine Freude!” brüllen die drei zurück.
1030f} „Meine Freunde meine trocknen”, klickt der Pottwal von neuem: „bin hergeschwommen, um euch von den Mantellosen zu berichten, von ihren Lanzen und Pfeilen, mit denen sie den Hafen den westlichen wie Wölfe wie graue bedrohen”. „Oho”, tönt der Graupelz, und auch der Thomasbär, der gerade einem fetten Fisch nachgeschaut hat, blickt auf. „Jo oho!” fährt der Wal fort: „Sie haben vom Norden her einen Ring um die Stadt die hafengestützte gezogen. Keine Karawane keine beladene kann mehr herein noch hinaus. Sogar in die Schiffe die vertäuten jagen sie ihre Pfeile ihre brandigen, weil man sich nicht ergeben mag”. „Wer sind die denn eigentlich?” fragt der Thomasbär ärgerlich: „Was glauben die, wer sie sind!”. „Steppenhorden sind's, gewohnt, Vieh zu weiden. Der Fluss der lebensnötige ist ihnen ausgetrocknet. Und als ihr Vieh ihr mageres verendet war, haben sie zu rauben angefangen, barfuss ohne Kleid von Dorf zu Dorf.” „Und ohne Schleier, will ich meinen.” brummt der grosse Bär. „Schamlos, jo.” bestätigt Otto und schickt einen weiteren Blas schräg in die Luft.
1030g} Die Pelzkittel schauen übers Meer in die Ferne. Was sind das für Leute, diese Steppenhorden? Hungernde, die andre hungern machen; Ungekleidete, obschon Bewaffnete, die andre ihrer Macht entkleiden; Armselige, die andre verarmen lassen; sich selbst die Nächsten wie schier bei jedem Hunger. Wann wohl die letzte Karawane die Zitadelle erreicht hat? „Warum hat uns der Pîr nicht gerufen?” Der kleine Bär sucht die Antwort in den Augen der andern beiden, doch die beachten ihn jetzt nicht.
1030h} „Was rätst du?” fragt der grosse endlich. „Redet mit Ratpert”, kommt es zurück: „Jener Geselle jener schwarzgefiederte kennt die Steppe die weite. Eilt euch, ihr Trocknen ihr eingefellten!” „Musst du schon weg?” fragt der kleine, der bemerkt hat, dass sich die Insel vor ihnen langsam fortbewegt. „Jo, Pelzl, ich will weiter”, klickt es herüber: „die Strömung die wellende gefällt mir gerade und treibt mich andren Küsten andren rauschenden zu”.
1030i} „Da stehen wir jetzt”, grummelt abermals der Thomasbär, als ihr Freund am Horizont verschwunden ist: „Wie weiter?” Der kleine versteht die Frage nicht. Auf müssten sie doch sofort, auf nach Süden! Was gäb's da noch zu überlegen? Und überhaupt, sind sie nicht ohnehin schon länger nicht mehr fortgewesen? Die kleinen Rundohren hören nicht auf, zu zucken.
1030k} Der grosse Bär richtet sich in voller Länge auf und schnuppert im Wind, der von der See heranstreicht - der Ausgleich im Schleier über dem Kleid, Ausdruck beider Lebendigkeit. Wittert er nicht eine Ahnung von Rauch im Wehen? Bilder brennender Holzrümpfe ziehen vorüber, ob als Boote im Hafenbecken oder als Dächer auf hohen Häusern, stumme Bilder zwar, doch in schreiendem Rot. Schwer lässt er sich auf die Vorderpranken fallen und wendet sich dem Festland zu.
1030l} „Wohin des Wegs?” Der Thomasbär sieht ihn von der Seite an, während der kleine sich auf dem schmalen Felsvorsprung vorbeidrückt, um vorausspringen zu können. „Den Raben fragen”, wird ihnen erwidert: „dann mit dem Raben weitereilen”. „In welchem Kleid?” „Das Gewand - wir werden's je nach Lage wechseln.”
_ gähnend
1031} Wiederholst du dich nicht allmählich?
¯ mit einem Lächeln
1032} Merkst du's bereits? Wirkt nicht jedes Lehrstück, gesundend oder kränkend, durch Wiederholung, wiederkehrenden Haarsternen (387) gleich? Webt dies doch Festigkeit ins Gewand, das den Lehrling kleiden mag!
_ den Kopf nach rechts neigend
1033} Das war mir grad entfallen. Vielleicht brauch' ich mehr Farbe in den Schleifen, um den Schleier lüften zu können.
© 2016 by S.Beatrice
Vom Adler
¯ ihn ernst anblickend
1034} Du wirst den brauchen, der den Stachel nicht fürchtet, weil er dessen Träger fallengelassen hat.(69)
1035} _ Deine Rätsel immer! Wer mag das sein?
1036a} ¯ Hoch oben wohnt er, noch höher fliegt er. Ein Vorläufer, denn vom aufgehenden Stern wird er bereits erleuchtet, da du noch im Nachtschatten stehst.
1036b} Der Fels ist sein Zuhause, nicht der Sand.
Was dem Stecher der Talgrund, ist ihm die Wand.
Der Stern, den jener scheut, ist ihm vertraut,
wiewohl er nicht zu dem, vielmehr zu Boden schaut.
Und flög' er nicht voraus in kühnem Schwung,
hielt' kaum auf Erden der Mensch sich jung
im dämmrigen Wandel, bis der Morgen ihm graut.
1036c} (So hatte meine Grossmutter, die ging, als ich kam, den Aar beschrieben. Was wollt'ich dem hinzufügen!)
1036d} Die Bären kennen den mächtigen Vogel gut. Sie nennen ihn den Gott-mit-uns, weil er Botschaft vom Himmel herabträgt, und Pferdefreund,(388) der die Bewegung im Raum vollbringt, die jene in der Ebene ermöglichen. Ratpert ist er keiner, denn sein Schrei mischt sich in den Sturm, dem der Rabe klug auszuweichen pflegt. Auch die im Schnee Lebenden kennen ihn und die im Grasland. Sogar Otto weiss von ihm - begegnet ist der Wal dem Adler freilich nie.
1036e} Der herrlich Bernsteinäugige mit dem braun schimmernden Gefieder hat sich einmal zum Grünäugigen mit dem braunen, silberdurchwirkten Pelz hinab begeben, um rauh etwas vom Erbarmen zu sagen; hat ihn damals gefragt, ob er es nicht barmherzig fände, dass die Giftmacht den Mann wieder entlassen habe.(389) (Mein Vater war nämlich in einer Gebirgswüste von einem Skorpion übel gestochen worden und dadurch in langen, tiefen Schlaf gesunken, der ihn bis an den Rand der Welt driften liess.) Damals haben die beiden so verschiedenen Tiere zum ersten Mal miteinander gesprochen.
1036f} „Darauf ist mir dann keine Antwort eingefallen”, sagt nun der grosse Bär dem kleinen, nachdem er ihm die Geschichte erzählt hat, „obwohl ich diesem Mann allezeit gefolgt bin wie der Schatten eines Bildes. Es ist noch schwierig, weisst du: wo keine Gnade herrscht, braucht's ein Gesetz; wo jedoch ein Gesetz drückt, braucht's Erbarmen. Was aber, wenn Erbarmen alles überstrahlt wie die Sonne, sogar die eiskalte Quelle von Ibn Habasch?”
1036g} „Wenn Erbarmen die eiskalte Quelle von Ibn Habasch überstrahlt ... ”, beginnt das Pelzkind gedehnt. „Was dann?” „Dann ... fängt das Wasser an zu kochen, und der Dampf steigt zum Adler hinauf. Und der schickt es mit der Gnade wieder herunter.” Stolz auf seine Antwort wendet es sich einem dicken Käfer zu, der mühsam übers Waldlaub krabbelt. Am liebsten möcht' es ihm einen Schubs geben, doch will's keine langwierige Ermahnung heraufbeschwören.
1036h} „So einfach ist das also”, schmunzelt der Thomasbär, während er an einem würzigen Zapfen kaut. „Wenn's das nur wäre!” gibt der grosse zurück. „Denn kennt ein Mensch keine Gnade, dann kennt er auch kein Erbarmen; und kennt er stattdessen nur Gesetze, so kennt er überhaupt nichts. Der Adler hat gut fragen! Am Ende läuft es wiedereinmal aufs ,Ändert euren Sinn'(390) hinaus, aufs Verlassen des Trampelpfads. Dazu müsst' ein Mensch erst einmal aufwachen und sich überwinden.” „So wie der Pîr!” ruft der kleine dazwischen.
1036i} „So wie der Pîr.” schnarrt es von oben, als würde es bestätigt. Der Naseweis springt erschreckt auf und blickt die schlanken Baumstämme empor, zwischen denen das Sonnenlicht herabstrahlt. Hoch auf einem der Wipfel schaukelt jemand im Morgenwind. „Schöne Gedanken, die ihr euch da erzählt!” Die beiden alten Honigfresser horchen auf. Gleich stellen sie sich eng neben den jungen, der voller Staunen hinaufstarrt, und heben ebenfalls die Köpfe. „Wir grüssen den Herrn der Lüfte!” brummen sie gutmütig.
1036k} „Grüsst ihr mich, so grüss' ich euch wieder im dämmrigen Wandel, bis der Morgen euch graut!” „Es ist doch heller Tag”, ereifert sich der kleine Bär: „es blendet sogar” „Still, vorlautes Schnäuzchen!” zischt der grosse neben ihm: „Der Herr Vogel meint etwas andres.” „Aber -” „Kein Aber! Besser, wir erkundigen uns, was uns die Ehre seines Besuches verschafft.” Wiedereinmal kann der Frechdachs seine Zunge nicht zähmen. „Was verschafft uns die Ehre deines Besuchs, Herr Adler?” schreit er, um ja gehört zu werden.
1036l} „Deine unendlich vielen Fragen, kleiner Goldpelz.” tönt es nicht unfreundlich vom Wipfel herab: „Pass aber auf, ich beantworte nur eine.” Da wird der liebenswert bewegte Lauser plötzlich still. Nur eine Frage! Schon die Frage, welche er stellen könnte, wäre ja eine. Das Licht strömt immer kräftiger durch die Baumkronen, er vermag kaum noch etwas zu erkennen. Keinerlei Hinweis geben ihm seine beiden Begleiter, ja sie rühren sich nichteinmal. Wie aus Erz gegossen stehen sie links und rechts neben ihm. Nichts regt sich im Wunschwolkenwald, der sonst vor Leben raschelt, knackst und schwirrt. Er tritt auf seinen Tatzen hinundher, schielt ein wenig, fühlt sich schrecklich alleingelassen und ratlos. „Bin ich denn nicht ein Kind?” entfährt es ihm bang.
1036m} „Was für eine Frage!” hört er den Ruf von oben: „Ja, du bist ein Kind.” „Und ein Kindskopf dazu.” murmelt der grosse Bär. Die rauhe Stimme fährt drüber hinweg: „Ein gesegnetes Kind, das weiss, woher die Gnade strömt. Du wirst der trägen Bärenwelt neuen Anstoss und im Alter Segen (391) bringen.” Spricht's und schwingt sich zu den felsigen Bereichen auf, wo er nicht gar weissen Kopfs dem Meer zustrebt.
_ auffahrend
1037} Ein Kind bitte, 's ist lediglich ein Kind! Das sollt' auch ein Adler nicht überbewerten.
¯ lächelnd
1038} Tut er das? Spricht er nicht aus einem völlig andren Blickwinkel? Und wird er nicht grad darum oft missverstanden?
Von Enttäuschung und Abschied
_ seufzend
1039} Es sind schon viele Bilder, die du da vorstellst; Geschichten sind's, wie sie heute kaum noch erzählt werden, weil's keinen interessiert, keine versteht. Sind wir denn zu beschränkt dafür geworden? Oder sprichst nicht du eher über die Köpfe hinweg?
1040} ¯ Für Menschen sprech'ich und spreche sie an, suche sie zu erreichen. Aber sorg' dich nicht, du kannst jederzeit in Ruh' gelassen werden. Wird's dir zuviel, so steh' auf und geh' deiner Wege! Nichts und niemand hält dich hier.
1041} _ Nichts und niemand, sagst du, niemand?
¯ bestimmt
1042} Keine. Ist es nicht Zeit, eine falsche Erwartung zu durchschauen, einen selbstgeknüpften Knoten zu lösen?
_ eine Weile wie gelähmt sitzen bleibend, dann tief enttäuscht
1043} Keine also. Wie anders hat's meine Seele während all deiner Worte geflüstert! Hab deiner Stimme wohl zu lange zugehört.
¯ mitfühlend
1044} Was gaukelt uns die unerzogne Seele alles vor, wo das Verliebtsein nicht zum Lieben führt!
_ niedergeschlagen
1045} Was schaukelt nicht wie ausgedörrtes Blatt im lauen Wind, wenn das Bemühen nicht zum Leben führt!
¯ in die Ferne blickend
1046} Zum Leben führt den Menschen, was er an sich erkennt, bejaht und liebt, auch wenn es schmerzt; und dass er lässt, was er nicht halten soll.
_ traurig aufbegehrend
1047} Was soll ich nicht halten? Halt ja nur meinen Stab in der Hand!
¯ sich ihm zuwendend
1048} So setze deinen Stab auf festen Grund und schreite aus. Schau, vor dir weitet sich der Horizont, von hinten folgt er dir, indem du Schritt für Schritt an Weg gewinnst. Du wirst den Faden aus Geschichten weiterspinnen und wirst, wohin du gehst, mich darin wieder spüren.
_ mühsam aufstehend
1049} Dann werd ich aufbrechen, solang meine Beine sich noch nicht weigern, dich zu verlassen. Die Landschaft lädt mich ein, den Fluss entlang zu wandern unter Weiden, im fernen Ort danach ein Bett zu suchen, um im Vergessen Ruh zu finden. Gehab dich wohl, du unnahbare Freundin!
¯ ihm leise nachsinnend wie segnend
1050} Unnahbar -
Und doch hab'ich dich angenommen,
dich unterrichtet, dir erzählt,
was ich der Ewigkeit entnommen
und eigens für dich ausgewählt.
Nicht ich verdiene die gezielte Liebe,
die helle Regung deiner dunklen Triebe,
sie, die dich dir selbst vermählt!
Und bliebst du hier, so müsst'ich gehn,
wohin mich meine Tierbegleiter (14) weisen,
müsste farbig durch die Schatten reisen,
schwer erworbnes Wanderbrot verspeisen,
bis wir einander anders wiedersehn.