Die
zum IMPRESSUM
bietet hier eine poetische Studienhilfe an:
Eamsyne und Earasyn
V
Von Fischefressen und luftigem Singen
281} „Wie geschickt du das machst!” Die Hirschkuh liegt am Ufer des flachen, vom Schmelzwasser geschwollenen Baches und lässt die Frühlingssonne ihr Fell wärmen. Mitten in den reissenden Fluten steht nassen Pelzes der Bär und wittert mit halboffenem Maul aufmerksam in den schäumenden Wellen. Sobald er eine Bewegung erspäht, spannt er sein kräftiges Muskelkleid und schnappt zu. Manchmal fassen seine Zähne in strudelnde Leere, meistens jedoch zappelt ein Fisch unter der triefenden Schnauze.
282} „Ich würde dir gern einen fetten Brocken zuwerfen”, brummt er freundlich zu ihr hinüber, „aber den frisst du ja nicht.” - „Dafür ist mein Magen nicht gebildet, lieber Bruder. Viel von dem, was du mühelos schlingst, lasse ich besser unberührt.” - „Du bist rank und wirklich bildhübsch, Schwesterherz! Ob das mit deiner leichten Kost zusammenhängt? Hier ein Blättchen, dort ein Gräslein; da reiss'ich lieber mir ein Häslein.” - „Das Reimen ist dir schon besser gelungen, mein Schlauohr! Jedes muss fressen, was es zum Leben braucht. Dafür könnt'ich nie so lang ruhig im eisigen Wasser stehen, brr!” - „Ohne das gibt's keinen von diesen köstlichen Zapplern. Erinnerst du dich noch, wie ich dir einen zum Riechen gegeben habe?” - „Genug, danke! Das war bald nach unsrer ersten Begegnung, als du noch ziemlich in dich gekehrt warst.” - „Ein Wunder? Schliesslich hatt'ich kurz vorher zum ersten Mal gebratenen Fisch gerochen.” - „Das wird's gewesen sein!” Herzlich lacht sie auf. „Du hast mir die Geschichte oft erzählt, und ich habe sie mir gut gemerkt, weisst du.”(128)
283} „Fische schmecken hervorragend.” Der Bär zieht das Gegenwärtige dem Vergangenen vor. „Vor allem dieser da!” schnaubt er und schnappt sich einen besonders dicken. Mit glänzenden Augen sieht ihm die Hinde zu, ihre feuchten Nüstern zucken leicht; sie mag seine lustige Ungeniertheit. Mitunter konnte die zwar peinlich werden, und dann war ihre Kunst gefragt, elegant abzulenken. Das war nicht weiter schlimm, schon weil sie äusserst selten gemeinsam in der waldigen Öffentlichkeit standen. Sie seufzt.
284} „Hörst du, wie's überm Wasser singt?” fragt sie plötzlich zärtlich. - „Naja, hier rauscht's ganz ordentlich.” - „Gewiss, du bist mittendrin. Aber komm einmal zu mir heraus!” - „Gleich.” Schmatzend verbeisst er sich in seinen Fang und tappt vorsichtig durchs wilde Strömen zur Böschung. In gebotener Entfernung von seiner sonnengewärmten Freundin klettert er an Land, legt den regungslosen Lachs ab und schüttelt die Nässe ergiebig aus seinem Pelz. Abertausend Tropfen entwerfen einen funkelnden Regenbogen um das dunkle Tier.
285} „Horch!” flüstert die Hirschkuh, als sich der Bär neben sie setzt. Erst hört er nur das dumpfe Tosen aufgewühlter Elemente über den Steinen. Allmählich dringt helles Sprudeln hervor, heiteres Plätschern, launiges Glucksen. Ein feiner Hauch zieht ihm über die trocknenden Haare, und auf einmal vernimmt er ebenfalls das Singen in der wasserdurchstäubten Luft.(129)
286} Lange Zeit rühren sich die beiden Wahlgeschwister (130) nicht. Verwunschenen gleich ruhen sie auf der Uferbank, ungleich gleich an Lebenskraft wie schlanker Roggen und umfangreicher Ahorn.(17) Ein Wanderer aus der Ferne hätte sie für zwei Felsbrocken halten können, die der ungestüme Flusslauf zur Seite geschleudert hat, um ein zeitloses Denkmal der Zweisamkeit zu schaffen. „,Vom Himmel kommt es, zum Himmel steigt es'”, summt die braune Schöne verträumt. Doch dann reckt sie sich: „Ob nicht das gemeint war, als die Junge vom ewigen Gesang sprach?” - „Deine Junge!” - „Hat sie das nicht als Kind getanzt: ,in Wolkenwellen zum glatten Fels'?”
287} „,Im flachen Bette schleicht er das Wiesental hin'”, grummelt das graue Biest mit verhaltenem Grinsen. „Was meinst du?” fragt die Hinde verwirrt. - „Ich muss gerade an Pater Simon (42) denken.” - „An den Historiker?” - „Ja. Der ist doch immer durch die Geschichte geschlichen, ,stufenweise zum Abgrund' auf der Suche nach Gerechtigkeit.” - „Hat er denn nicht Erinnerung erreicht? Nicht die beiden Teufel (131) besiegt, das Verharmlosen und das Vergessen? Zumindest für sich!” - „Schattenspiele.” - „Ein jedes von uns wirft einen Schatten, Bruder. Das Leben pulsiert und verdunkelt die Sterne, es schluckt so unglaublich viel Licht, dass es kaum etwas davon durchlässt.”
288} Schauer durchziehen die Wipfel der Bäume. Ein Zweig voller Knospen gleitet abgerissen zu Boden. Zwei Eichhörnchen jagen einander die Äste entlang. Eingerollt in seinem Bau erholt sich ein Marder von der nächtlichen Jagd, Reste der blutigen Beute in den Krallen. Ein Bussard fällt vom Himmel wie ein Stein. Im selben Augenblick kracht ein ferner Schuss jenseits des Baches, sodass alles zusammenzuckt.
289} „,Wind mischt von Grund aus schäumende Wogen', Schwester mein.” - „Was willst du damit sagen?” - „Schatten, Licht, das hängt jeweils vom Blickwinkel ab!” - „Wenn ich mein Futter mühsam in der Winterkälte suchen muss, dann ist mir jeder Lichtstrahl willkommen.” - „Jeder Lichtstrahl stört mich beim Winterschlaf.” - „Einer deiner tollen Widersprüche! Wie willst du ihn auflösen?” - „Will ich gar nicht! Er gefällt mir.”
290} „Hier waren wir schon!” Abermals lächelt sie hinreissend. Er zuckt lustig mit den Schultern, und sein Fetthöcker wackelt dabei. Doch ein pfeifender Schrei hoch über ihnen erinnert sie daran, dass kein Wesen unbeobachtet bleibt.
Von Reb Suesskuch und seinem Freund
291} Bequem oder nicht, eine Busfahrt durch reiche Flusslandschaften zu geniessen, ist die eine Sache, die nötige Ausgeruhtheit dafür mitzubringen, die andere. Erst führte die Strasse von der Segensreichen weg nach Westen, kam ihr jedoch immer wieder so nahe, dass man ihre erhabene Anmut bewundern konnte. Wo die wasserreiche Jamuna einmündete, wurde sie dann überquert, um südseitig weiter begleitet zu werden. Erst bei der grossen Kreuzung bog die Strasse nach Südwesten ab und verliess endgültig das ewige Heranströmen aus dem Nordwesten.
292} Selbst wenn sein Innerstes weniger aufgewühlt gewesen wäre, hätte Earasyn Mühe gehabt, sich der Aussicht unter dem steigenden Sonnenball, der die morgendlichen Dunstschleier aufsog, zu widmen oder wenigstens dem Schlaf. Das scheppernde Holpern des altersschwachen Gefährts liess einen kaum unbeteiligt und hatte etwas hartnäckig Wachrüttelndes. Zudem unterhielten sich die Fahrgäste über mehrere Sitzreihen hinweg lauthals, um das allgegenwärtige Motorendröhnen zu übertönen. Darüberhinaus jedoch war er neben eine füllige, alte Person in abgeschabtem schwarzem Mantel mit ebensolchem Hut zu sitzen gekommen, welche sich bald als überaus gesprächig herausstellte.
293} Gleich nach dem Platznehmen wollte sie vom jungen Mann wissen, woher er kam und wohin er reise, was er überhaupt in dieser „gottverlassenen Gegend” suche. Zwar kam diesem die Gegend keineswegs so gottverlassen vor, doch antwortete er bescheiden, dass er sich auf der Heimfahrt von einer ausgedehnten Reise befände, die ihn weit herumgeführt habe. „Nebbich, ojf ojsgedehnter Rejs gefinden mer ins olle.” erwiderte ihm die Person leichthin, worauf sie sich ihm zuwandte und als „Suesskuch, Reb Suesskuch” vorstellte.
294} „Reb? Dann sind Sie Rabbiner?” fragte Earasyn erstaunt. „Ojch ojfm Hejmweg.” gab sein Nachbar zurück und lachte kurz auf, Ausbruch meckernder Heiterkeit. Was macht ein Rabbi in diesem Bus? Earasyn war viel zu höflich, um die Frage zu stellen. „Wos tut e Rebbe in sebbem Omnibus?” fing sein Reisegefährte an, „Das mecht Ihna durch de Kopf gehn, mejn lieber junger Frejnd. Nu, ech gehör genojso her wie a Chammer. Bin ech e Hindu? Bin ech e Turist? Bin ech e Rebbe!”(132) Und das war kaum mehr zu leugnen.
295} Eine Weile fuhren sie schweigsam in den Tag. Draussen hoben sich die Schleier von den Feldern. Langsam begann es warm zu werden, obwohl die Lüftungsklappen an der Decke offenstanden. Der Rabbi knöpfte den Mantel auf, setzte sich zurecht und schob den Hut nach hinten. So schütter sein Haupthaar sich ausnahm, so dicht wuchs ihm der lange Bart. Die hohe Stirn über den gütig schlauen Augen beeindruckte Earasyn, und er begann, den alten Herrn zu mögen, obschon er sich zu erschöpft fühlte, um das Gespräch weiterzuführen.
296} „Se hobn wen in der Stodt besucht?” nahm Reb Suesskuch seine muntere Befragung wieder auf. „Nein, ich kannte da niemanden, hab' mir die berühmte Stadt wegen ihrer Vergangenheit angesehen.” „Hä”, machte der Alte, „wegen Gojtama (24), dem Gerachtigen! Das is e Grund, den loss ech gelten. Möge Er Sejnen Frieden verbrejten! Mer kennen's brojchen auf dera Welt, der insrigen.” Nach einem missbilligenden Blick in die Runde fügte er gedehnt hinzu: „Wie ojch in sebbiger Kutschel” Die freilich setzte ihre lärmende Fahrt ungebrochen fort.
297} „Und Sie?” fragte der Junge nun doch, „Haben Sie eine Gemeinde besucht?” Sein Nebenmann sah ihn von der Seite scharf an: „Nu, bei der Kille hob ech übernachtet, hob eben in der Synogog vorgesprochen, wann ech schon do wor. Ober besucht hä, besucht hob ech an Frejnd, an mejnigen.”(132) Also hatte der Rabbi einen Freund in der Gegend. „In der Gemeinde?” wagte Earasyn nachzufassen. „Um an Jidden zu sehen, werd ech nebbich mich noch Koschi (86) bemühn! Mejn Frejnd is e Hiesiger, e Lehrer ojsm Nordosten, so e Gebirgsrebbe.” Dann schwieg er nachdenklich.
298} „Ojojoj”, seufzte der Alte nach einer Pause, „was bin ech gesunken, doss ech rejsen tu am Schabbes! Was werd Gott der Gerachte sagen, wann er hört vom Rebbe, der wos genommen hat e Omnibus am Festtag der geliebten Schechinah (133)?”(132) „Dieser Bus verkehrt nur an Samstagen.” wandte der Junge ein. „Wos is dos für e Leben? De Chojffeur, dieser Ganew, fährt, ois wollt er fliegn! Nu, fliegn werd ech denn am Jarech im Silbervogel nach Nejmond.”(132) Er räusperte sich: „Kommen mer wieder zu mejm Frejnd!” - „Dem Bergrabbiner?” - „Er kemmt ojs Gongol (134), oder wos der gebirgige Ort hejsst am hejligen Fluss, hot e Menge studiert in de olten Schriften im nejnzehnten (135) Kloster un is e mönchische Orzt un Apotheker worden. Itzt wondert er herum, um de Lejt zu treffen.”
299} „Trägt er einen roten Überwurf und grüsst immer lachend mit gefalteten Händen und einem Kopfnicken?” sprudelte es aus Earasyn heraus, „Und führt er nicht einen Holzstab mit sich wie ein Abt?” Der Rabbi blickte erstaunt auf: „Se sind ihm begegnet?” - „Oh ja, er ... er hat mich durch die Gassen geleitet und am Busbahnhof verabschiedet.” - „Soso, hot er Ihna den Schammes gemacht und sejne Broche gegeben. Hot Se der alte Löntschen oiso zum Bocher erwählt!” Wiegenden Hauptes schaute er seinen Sitznachbarn lange an und meinte endlich: „Jojo, er is e Zaddiq, mejn Frejnd!”(132) Dabei liess er offen, wen er mit „mein Freund” eigentlich meinte.
300} Die schnatternden Stimmen im Wageninnern waren ruhiger geworden, die meisten Passagiere eingenickt. Alle hatten sie sich an das regelmässige Rütteln und die muffige Wärme gewöhnt oder nahmen beides ergeben hin. Der Fahrer betätigte das Überlandhorn, um eine heilige Kuh von der Strasse zu scheuchen, worüber sich aufzuregen niemand das nötige Interesse aufbrachte. Die Segensreiche glitzerte gelassen im gleissenden Morgenlicht, als das klapprige Fahrzeug ihr entgegenröhrte.
Vom Heiraten
301} „Tjo”, hob Reb Suesskuch nachdenklich an, „dos Beheme muss wejchen dem Behemoth ... Nu begeben Se sech zurück in Ihr ejgenes Revier. E wejte Rejs! Wern Se erwartet?”(132) Earasyn stutzte. Was gingen den frommen Mann seine Lebensverhältnisse an? Doch überwand er sein Befremden und antwortete: „Kein Mensch erwartet mich, ich lebe allein.” Der Rabbi schüttelte den Kopf und murmelte: „Männlich-wejblich schufen die Elohim (104) den Menschen. Und es ist nicht gut, doss der Mensch allejn sej.”(136) - „Wie meinen Sie das?” - „No wie ech sog!”.
302} Der junge Mann lachte: „Meinen Sie, Gott sollte mir eine Rippe entnehmen?”(137) „Mejnetwegen e Wirbel ojsm Toches”, brummte der Alte, „das werd Ihna schon nicht wehtun.” „So eilig hab' ich's nicht”, erwiderte der Junge, „das kommt früh genug!” - „Dos kommt, wenn de Zeit rejf geworden ist, mejn Bester. Zum Eremiten sind Se nicht geboren, sind ka so e Menuwel.”(132) - „Wer weiss!”
303} „Ech wejss, junger Herr!” setzte der Rabbi nach, „Un ech wejss ojch, es gibt schon ejne, de Se wern hejraten. E kluges, e schönes, e rejzvolles Mädele! Ob Se se kennen oder nicht, Se lieben se schon, das seh ech Ihna an. Se brojchen nur noch de Mame fragen, wos Ihna wos vorspielen werd ojfm Klavier.” Verblüfft fragte Earasyn: „Woher wollen Sie das alles wissen?” „Nu, bin ech e Prophet”, scherzte sein Reisegenosse und spann den Faden lustvoll weiter: „Dann werd's geben e prächtige Hochzeit mit Klezmer, Kugel, Macholej. Un in der Nocht, in der Nocht wer'n Se das Gehejmnis lüften, wie Chawwah un ihr Adam, Adonai segne de bejden, de gonze Mischpoche in de Welt gesetzt hobn. Bei de Stern, ma nennt's e Konjunktion, wos lejcht werd e Opposition mit olle de Dajes und meschuggene Zores. Des is e Geschichte für sich, e blutige Kasche.”(132)
304} Sein Gesicht wurde ernst: „Hat derzu nichts bemeldet mejn Frejnd?” - „Nicht dass ich wüsste! Er hat eigentlich überhaupt nichts gesagt.” Der Rabbi runzelte seine zerfurchte Stirn: „Und bekommen hobn Se ojch nichts?” Da stieg eine Erinnerung in Earasyn auf, frisch und farbenfroh. Vorsichtig griff er in seine rechte Tasche, holte die beiden Kristalle hervor und hielt sie seinem Nachbarn hin. „Hu”, entfuhr diesem, „wos für Juwele! Des is e Nadan für e himmlische Kalle! Diese köstlichen Mineroljen, de hobn Se von mejm Frejnd?”(132) - „Nein, die hat mir eine Frau in die Hand gelegt.” - „Wos für e Froj?” - „Sie hatte ein edles, braunes Gesicht und war tiefblau gekleidet. Sie wollte auch nichts für die Steine nehmen.” Reb Suesskuchs Augen leuchteten auf und er sprach mit zitternder Stimme: ”Dos wor Hadassah,(138) insre königliche Jungfroj. Kristolle sind's ojs eara Hochzejtskrone!”
305} Lange Zeit schwiegen sie und hingen ihren Gedanken nach. Earasyn hatte einen Stein in jede Hand geschlossen; dort wurden sie mit seiner Wärme aufgeladen. Es war schwül geworden und das Atmen mühsamer. Die offenen Klappen liessen nur wenig Frischluft in die vollbesetzte Kabine. Sein schweres Kinn sank langsam zur Brust ... Frohen Stolzes thront König Achaschwerosch neben seiner frisch angetrauten Gemahlin beim Gastmahl;(139) ihre jugendliche Schönheit blendet den unübersehbaren Hofstaat; erlesene Düfte umgeben die beiden und zarte Zimbelklänge, während Mordechai im lauen Abendwind an der Königspforte hockt und die Vorbeigehenden mustert. Ein Fanfarenstoss riss ihn aus seinen Träumen. Er blickte um sich. Der Rabbi schmunzelte ihm zu und murmelte gerührt: „Se sind e glücklicher junger Gückel!” Earasyn nickte unsicher.
306} „Hob ech Ihna erzählt, wie Reb Dovid hat beantwortet die Frog noch dem gesetzten Gottesnamen?(140) So sind se, de beiden Juwelen: keiner besser ois der ondre, wos ojsmocht ihre Kraft.” Da sein Nebenmann nichts erwiderte, fuhr der Alte fort: „Allejn für sich sejn, is e grosse Soch, wonn ma sich hot de Hörner abgestossen. Mejn Frejnd, das is e Allejniger! Der Mensch, der übliche, is e holbe Portion. Ojch wonn er is e Melech, e grossmächtiger, wos will er ohne Melach? Ohne Melach wird er bös, donn tut er drangsalieren sejn Volk, das erbärmliche. Jeder brojcht Melach. Adonai, gepriesen sei Sejn Name, was hat Er gesprochen? 'Mach Mer e Mensch, der wos a Nos hot wie Wir.'(141) Worum? Weil Er brojcht e Vis-à-vis, wos Ihm gibt Melach. Nu frog ech: wos gibt mehr Melach im Leben ois e Froj?”(132)
307} „Ich verstehe”, wehrte Earasyn den Redeschwall ab. Er steckte die brutwarmen Steine wieder in seine Tasche. Dann drehte er den Spiess um: „Sind Sie eigentlich verheiratet?” Reb Suesskuch lachte auf: „Schanoth! E Goldele is se, de Rabbanith. Ma schätzt ihre Himmelsojgen und ihr Wort, ihr gewogenes, weit über de Kille hinojs! Wor ech e junger Spund von Bocher ohne Geld, wonn ech se hob gefragt, ob se wern will mej Wejb. Hot se gesogt: 'Bist nebbich besser ois ech, host nebbich mehr ois ech; wann ech dich nehm, verludert kejns von ins.' Wos is Wejshejt? Viele Schawuoth sind sejther verflossen, fröhliche und trojrige, heilige und gewöhnliche; kejn Tog hob ech bereut.”(132) Leise seufzend fügte er hinzu: „Adonai segne se!”
308} Der Bus hielt mit einem Ruck. Sie waren bei einer Gaststätte in einem kleinen Dorf angelangt. Alle stiegen aus, um zu trinken und sich ein wenig im Schatten des luftigen Vordaches zu erholen. Vom Himmel glühte die Sonne. Der aufgewirbelte Staub senkte sich auf die verschwitzten Gesichter und Nacken. Der Fahrer öffnete die heisse Motorhaube; mit besorgniserregendem Zischen quoll ihm weisser Dampf entgegen. Er kramte einen Blecheimer hervor und ging Wasser holen.(103) Wie mochte diese Fahrt wohl weitergehen? Niemand sprach mehr als unbedingt nötig, sogar der ehrwürdige Rabbi war, in seine Gedanken versponnen, verstummt.
Vom Zurückkehren
309} Jedes Jahr ermüdet Râ (142) und zieht zur Erholung tief in den Süden. Schwächeres Strahlen fällt sodann auf das reichverzweigte Delta zwischen den Wüsten; ein kühler Wind streicht über die abgeernteten Felder. Banges Fragen weht durch die Herzen, da die Zukunft verschleiert erscheint. Werden Wärme und Licht den Luftraum wieder aufheitern, die gurgelnden Wellen abermals Leben aus dem Boden locken?(143) - Über den Wassern ferner Länder zu Kräften gekommen, wendet Râ seinen Wagen. Beim Kreuzen des Erdgürtels (144) lacht Er vertraut. Die goldenen (22) Plättchen am Zaumzeug klirren und wecken die lauschenden Nubier an den blauen und weissen Quellen.
310} Daran erkennt Joh (116), die silberne Jungfrau,(18) dass die Zeit gekommen ist, sich erneut zu voller Schönheit aufzuschwingen, die alles Strahlen weiterreicht. In manchen Jahren braucht Sie kaum eine Woche, um in Fülle zu erglänzen; in anderen nimmt Sie Sich fast einen Monat, um den Aufputz zu vollenden, vom zart glimmenden Bogen bis zur milchigen Scheibe. Doch dann bedeutet Ihr leuchtendes Antlitz dem Land am uralten Strom, dass ein neuer Kreislauf des Lebens beginnt.
311} Die träumende Erde, gezeichnete Mutter, lächelt im Keimen und wiegt sich im Tanz.
312} Und wiedereinmal zog der Frühlingsmond in vollem Glanz um seinen Planeten. Das Delta glitzerte ihm aus vielen Kanälen entgegen. Im Süden schimmerte der Stausee. Zu beiden Seiten erstreckte sich bleich die von Meeren begrenzte Wüste. Noch lag das Leben im Schlaf, noch wusste keines vom Morgen, ruhten die meisten Samen im Boden. - Ein paar Tage später flog Earasyn donnernd darüber hinweg nach Nordwesten.
313} Einem Rat Reb Suesskuchs folgend, war er in der Nacht zum Freitag (16) in eine von Millionen heiss ersehnte, bergumkränzte, stets wimmelnde Pilgerstadt (145) gekommen. Mit seinem Bart und dem übergeworfenen hellen Burnus war er nicht weiter aufgefallen. Von Alters her barg diese Stadt den heiligen Stein sowie ein Gutteil der Weisheit Arabiens. Ohne sich von der erregenden Inbrunst anstecken zu lassen, noch von der fiebrigen Geschäftigkeit, hatte er den Austausch zwischen Pilgern und Stadtbewohnern betrachtet. Er war durch verwirrende Basare geschlendert, über belebte Plätze und manch laute Strasse entlang, von Brunnen zu Brunnen. Von zahlreichen flinken Augen beobachtet, hatte er, nicht ohne sich vorher die Füsse zu waschen, eine kleine, anspruchslose Moschee besucht, denn er betete gerne. Doch das schmetternde Rufen von schlanken Minaretten galt längst nicht allen als Aufforderung, den Allerhöchsten zu preisen.
314} Gegen etwas Bakschisch hatte er sein bisschen Schlaf in einem eingefriedeten Garten nehmen dürfen. Dessen Mitte zierte ein kunstvoll angelegter, von kleinen Springbrunnen gesäumter Teich. Leuchtend gelbe Seerosen schwammen darauf in ewiger Eintracht. Bunte Enten schnatterten darin aufeinander ein, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt. Gerade als Earasyn an den Rand der Wasserfläche getreten war, hatte sich eine schwarze Schwänin erhoben, vorsichtig in die Wellen gleiten lassen und angefangen, königlich Spiralen zu ziehen;(146) ihr blutroter Schnabel schwebte anmutig wie ein Pfeil vor dem geschwungenen Hals. Nachdenklich war er diesem Schauspiel gefolgt und war danach seiner ganz persönlichen Hadsch bis zum Tor der grossen Moschee nachgekommen. - Zwei kurze Nächte hatte er also in jenem gepflegten Garten geschlafen. Schliesslich war er im Morgengrauen übers Rote Meer zum Rückflug aufgestiegen.
Vom Angriff
315} Der Heimweg von der Hochschule führte Eamsyne durch die Fussgängerzone und den Park, dann über eine hohe Brücke die laute, von Kaufhäusern gesäumte Verkehrsader entlang bis zur Seitenstrasse, in welche einzubiegen war, wenn man das siebenstöckige Zinshaus mit der bröckelnden Jugendstilfassade erreichen wollte, unter dessen Dach ihr anspruchsloses Zimmer untergebracht war. Bei diesem Gebäude ging die Strasse in einen kleinen Platz über, von dem zwei Gassen abzweigten, eine nach Westen, die andere nach Südosten. In seiner Mitte trotzte eine alte, randsteinbewehrte Eiche (20) der Verstädterung.
316} Eines späten Abends, als Eamsyne wiedereinmal einen Sack voll Skripten heimtrug und in jene Strasse bog, befiel sie eine merkwürdige Unruhe. Angst war es nicht, aber eine Art erhöhter Wachsamkeit, die sich plötzlich eingestellt hatte. Still lag die spärlich beleuchtete Zeile vor ihr. Nach der schrillen Einkaufsmeile mit den grellbunten Schaufenstern wirkte die Strasse dunkel und ausgestorben. Weiter vorne streckte der Baum sein Geäst in den Nachthimmel; die Luft enthielt hier weniger Abgase.
317} Sie atmete durch und setzte ihre Schritte fort. Nach einigen Metern glaubte sie eine Bewegung am mächtigen Stamm wahrzunehmen. Sie blickte genauer hin und erspähte, daran angelehnt, eine grosse Gestalt. Im Weitergehen konnte sie einen Mann ausmachen, der auf jemanden zu warten schien. Festen Blicks und leisen Fusses steuerte sie den Schatten ihres Haustores an.
318} Aus der westlichen Gasse stöckelten stolz getragene Schuhe heran. Das beruhigte Eamsyne und sie holte die Schlüssel hervor. Ihr Klirren liess den Mann aufhorchen. Er löste sich vom Baum und bewegte sich hastig auf sie zu. Da erkannte sie in ihm einen der Assistenten vom Nachbarinstitut. Vor dem Torbogen trafen sie zusammen. Sie lächelte kurz und wünschte ihm laut einen guten Abend.
319} „Servus”, erwiderte er heiser: „Ich muss mit dir reden. Kann ich raufkommen?” Eamsyne schaute ihn an: er war unrasiert, wirkte gehetzt, und seinem Mund entwehte eine stechende Fahne. „Was gibt's, Erwin?”(147) fragte sie, ohne das Haustor aufzusperren. Das Schuhgestöckel kam näher. Sie fühlte sich sicher. „Ich sag's dir oben.” drängte er. „Dort ist nicht aufgeräumt. Ich hab' heute keine Zeit dazu gehabt.” winkte sie ab. „Komm schon!” brummte er unwillig und packte sie am Arm. Sie riss sich los und machte zwei Schritte zurück. „So geht das nicht.” sagte sie streng. Die Stöckelschuhe waren verstummt; ein paar Ellen entfernt stand eine stark geschminkte Frau in knappem Kleid und sah dem Treiben gebannt zu.
320} „Was glaubst du, wer du bist?” fauchte Erwin böse. Der hochgewachsene Mann trat an Eamsyne heran und packte sie erneut. Er zog sie an sich und versuchte, seine Zunge in ihren Mund zu schieben. Sie wand den Kopf zur Seite und schrie auf. Sie spürte, wie seine Hand ihre Brust quetschte, was einen stechenden Schmerz verursachte. Dazu drängte er seinen linken Oberschenkel zwischen ihre Beine, als ob sie Tango tanzten. „Mach auf , du Schlampe”, keuchte er: „Das wollt ihr doch alle!” Sie wehrte sich erbittert, wollte sich empört von ihm losreissen. Dabei fiel sie auf den Rücken; ihr Kopf schlug auf die Katzenköpfe; daneben plumpsten Skriptensack und Schlüsselbund. Auch er war zu Boden gegangen. Seine Knie klemmten ihre Hüften ein. Mit der einen Hand am Hals hielt er ihren Körper nieder, die andere riss ihr Hemd auf. Sein widerwärtiger Geruch bezwang ihre Nase. Sie spürte die kühle Abendluft auf den entblössten Brüsten, während er versuchte, den Reissverschluss ihrer Hose zu öffnen. Verzweifelt kämpfte sie, um ihn davon abzuhalten und freizukommen.
321} Unter den heftigen Bewegungen geriet auf einmal die Eichenkrone in ihr Blickfeld. Schwarz hob sie sich gegen den rötlichen Stadthimmel ab. Zwischen den Ästen blinkte fern ein Sternengeviert. Da schoss ihr ein rettender Gedanke durch den pochenden Kopf. Unvermittelt liess sie los, seufzte tief auf und verdrehte die Augen. Dann lag sie starr auf dem Pflaster. Erwin schauderte zurück und schnellte hoch. Er starrte auf die reglos hingestreckten Glieder, sah ein mattglänzendes Rinnsal unter den zerzausten Haaren hervorquellen. Dann bemerkte er die Danebenstehende, die verstört, doch wie gebannt die Szene verfolgte. Halb wahnsinnig floh er in die brüllende Nacht.
322} Bleierne (19) Stille (36) breitete sich aus. Ächzend richtete sie ihren geschundenen Körper auf und begann, ihre Kleidung und ihr verschmiertes Haar zu ordnen. Die Andere räusperte sich und stöckelte herbei. „Hat er Sie verletzt?” fragte sie mit gutmenschlicher Anteilnahme: „Kann ich Ihnen irgendwie helfen?” Eamsyne schaute in ihr bemaltes Gesicht. „Jetzt nicht mehr”, antwortete sie erschöpft und bückte sich nach den Hausschlüsseln.(148)
Vom letzten Brief
323} «Naturellement, c'est une carte avec la photo de notre jardin qui répond à ta belle lettre poétique, ma chère amie fille, et je crois en avoir trouvé une assez parlante. Ayant une fois de plus beaucoup lu de tes expériences avec les phonèmes et laissant retentir les miennes au piano, il me semble aisé d'en emprunter l'image, image sonore nous engageant à terminer le petit bout de chemin pris ensemble. Ces dernières années, quand nous nous promenions en ville, nos concitoyens ont pu remarquer deux dames, une jeune et une plus agée, engagées dans quelque conversation sérieuse. Qu'on ne s'y trompe point! Ces dames-là jouaient d'un semblant de dignité urbaine, mais au fond de leurs âmes deux gaillardes résolues souriaient d'un air entendu, deux gaillardes qui ont su jouer leur jeu de façon intransigeante bien qu'aussi discrète que possible. En résultait une certaine solitude, c'est vrai. Il y en avait qui nous admiraient, il y en avait qui nous détestaient, et il y en avait qui nous ont perdu. Ceux qui nous enviaient n'avaient rien compris, ceux qui nous déploraient non plus. Vivent ceux qui nous accompagnaient tout simplement! Accompagnant, par amour, un quelquequoi de chemin à faire, une vie, une éternité ... il y a eu ton père surtout. Qu'est-ce que j'ai aimé être ta maman! Merci du fond de mes pensées, du fond de mes sentiments! Vas-y, mon amour, le monde s'ouvre devant toi! - Voici donc ma réponse par un dimanche matin où le soleil s'acharne à percer le froid d'un brouillard épais, tout comme l'avait toujours entrepris mon cœur.»(149)
324} Mutters eigenwilliges Französisch! Nachdem das Haustor endlich hinter ihr ins Schloss gefallen war, hatte Eamsyne den Brief im Postfach vorgefunden, mit hinauf genommen und sofort geöffnet. Noch unter dem Eindruck dessen zitternd, was ihr auf der Strasse zugestossen war, sass sie nun mit der Doppelkarte in der Hand auf ihrem Bett. Mutters Aufbruch war unvermutet eingetroffen; wie sie gelebt hatte, so selbstverständlich war sie fortgegangen. Man würde gewiss keinen Leichnam finden. Lediglich ein notarielles Schreiben würde in ein paar Tagen folgen. Vom offenen Fenster durchzog milde Frühlingsluft den vom warmen Tag her stickigen Dachraum. In der Hauptstrasse jaulte das Horn eines Rettungswagens vorbei.
325} Die Tochter weinte nicht. Sie sah das Bild an, eine Aufnahme des elterlichen Gartens im Spätherbst, schwarz-weiss, nachmittags den Schatten nach. Im Streulicht der Stehlampe wirkte die Photographie eher wie eine Zeichnung. Der kahle Nussbaum war zu erkennen, die unterm Vordach abgestellte Schubkarre, das abgeerntete Gemüsebeet, die Schaufel neben dem Komposthaufen, der leere Wassertrog. In dieser Jahreszeit war die Familie stets näher zusammengerückt, der Ofen hatte seine Wärme vom Morgen an verbreitet, am Abend war noch inniger gesungen worden.
326} Sie stand auf, um sich das Gesicht zu waschen. Dann knipste sie die Lampe aus und trat ans Fenster. Sie atmete durch. Der Verkehrslärm hatte nachgelassen. Kaum ein Licht brannte noch in den Bürohäuserfronten. Die Turmuhr schickte einen hallenden Schlag herüber, kurz darauf heulte irgendwo ein Kauz. Der Himmel glomm schwach herein. Abermals blinkte ihr das Sternengeviert freundlich entgegen. Daran angehängt entdeckte sie drei weitere Sterne, die wie ein Schwanz nach Südosten wiesen.(150)
Von Himmelsbildern
327} „Wenn wir sie nicht schützen, wer dann?” Der Bär sitzt breit auf dem hohen Felsen und blickt ins mondbeschienene Land. „Es ist doch anstrengend, wie wenig die Menschen auf sich selber achten können!” Neben ihm kaut die Hinde ruhig an einem Halm und blinzelt ihn fragend an. „Ich weiss”, setzt er brummig fort: „du denkst, dazu wären wir schliesslich da.” Sanft erwidert sie: „Ich erinnere mich eben an die Zeit, wo wir zu ihrem Tanz gerufen worden waren.” - „Wie du das ausdrückst: worden waren! Sie tanzt schon seit Vaters Hingang nicht mehr, meine Glattfellige.” - „Sie wird wieder tanzen, glaube mir, lieber Zottel, sie wird wunderbar tanzen!” - „Und bis dahin müssen wir Wache schieben?” - „Wir dürfen!”
328} Dem Bären wird die Sache unangenehm. „Es ist ja gut, eine Aufgabe zu haben.” grummelt er. Seine Schnauze schimmert unruhig im fahlen Licht. Plötzlich reckt er sie in den Nachthimmel. „Siehst du, was dort im Süden leuchtet?” Aufmerksam folgt die Liegende seiner Bewegung. „Du meinst die Ähre?”(151) „In mädchenhafter Hand.” nickt er galant.
329} Kein Hirsch käme auf solche Wendungen! Sie lächelt gerührt, will auf ihn eingehen: „Ich sehe auch Arkturos.”(152) „Den Bärenjäger?” Ihr Freund schnaubt geringschätzig: „Der erwischt meine Mutter nie!” „Weil die Jungfrau ihn abhält.” gibt sie zu bedenken: „Auch Frauen können zusammenhalten.” Er richtet sich zu voller Grösse auf. „Daran zweifle ich nicht.” sagt er und streckt sich: „Trotzdem gut, dass die Kleine vom Drachen gehütet wird.” - „Drachen fressen mitunter kleine Bären.” - „Dieser nicht! Schau nur, wo er seinen Kopf hinwendet.” - „Zu Herkules' Füssen, ich sehe. Doch merkt der das nicht; ihn scheint Apollons Leier im Osten mehr zu kümmern! Wega strahlt so verführerisch, dass er die Krone mit dem Schmuckstein liegen lässt.(153) Aber solang der Drachenkopf nicht zwischen seine Beine gerät, kann nichts passieren.”
330} Der Graue grinst: „Das würde den alten Rabbi interessieren.” Ernst erwidert sie: „Ich glaube, du hast den Rabbi nicht richtig verstanden, Bruderherz.” Er spielt den Erstaunten: „Ich, einen Rabbi nicht verstehen?” Sie lässt sich nicht beirren: „Der Rabbi hat von einer Hochzeit gesprochen, nicht von der Drachenzunge. Die wird von Antares (154) dort im Südosten angezogen. Du kennst den Gott dieser Anziehung, mein starker Freund! Zwischen zwei Göttinnen steht er,(155) einer liebreizenden und einer erhaben schönen.” Der Bär schwingt verlegen von den linken Tatzen auf die rechten. „Schwesterchen, Schwesterchen, was bist du klug!” Sie erhebt sich ebenfalls. „Du hast recht, es wird Zeit weiterzugehen.” seufzt sie.
331} Mutter wachte behutsam auf und gewahrte allmählich den Adler.(69) So wandte sie ihr Bewusstsein dem Nachklang der geschwisterlichen Zwiesprache zu.
Vom zweiten Ankommen
332} Nach wochenlanger Reise kommt's einen hart an, wieder in den Alltag zu finden. Alltag? Auch so ein Wort! Als ob ein Tag dem anderen gliche! Gewiss, es gibt gewohnte Abläufe, täglich notwendige Tätigkeiten, ein ständiges Sich-Aufbäumen gegen das Verfallen. Das macht müde. Doch deswegen bin ich nicht gekommen; das gehört einfach zu den Daseinsbedingungen. Gekommen bin ich, um auf diesen Rhythmen aufzusetzen, daraus mein Leben zu gestalten. Nur so finde ich zu den Menschen. Wie soll's da einen Alltag geben? Jedes Aufwachen bietet eine neue Gelegenheit, wirksam zu werden, eine neue Herausforderung, und sei's zum Scheitern!
333} Von solchen Gedanken bewegt, schlenderte Earasyn am späten Vormittag durch die lärmende Ankunftshalle; immer wieder ertönte ein Doppelgong, worauf eine geölte Frauenstimme allerhand Unwichtiges für ihn preisgab. Sein Sack war nicht besonders schwer, aber mit Wäschestücken gefüllt, die unleugbar einer Waschmaschine bedurften. Zudem war sein Lebensrhythmus vom vielstündigen Flug durcheinandergeraten. Also begab er sich zur Bahn, um in die Stadt zu fahren. Er hatte sich bei einem Bekannten angemeldet, bei dem er in Ruhe übernachten und die weiteren Schritte überlegen wollte.
334} Zwei lange Rolltreppen führten zum unterirdischen Bahnsteig. Als ihn die erste zur Mittelplattform herantrug, wurde ein schlanker Mann mit Köfferchen aus der Tiefe zu ebendieser heraufgezogen. Dort begegneten sich die beiden. Earasyn blickte in ein nervöses Augenpaar und erkannte den Bekannten, zu dem er unterwegs war. Sie blieben stehen.
335} „So ein Zufall!” lachte Earasyn: „Oder kommst du mich abholen?” Jener antwortete hastig: „Ja, nein, ich bringe dir den Wohnungsschlüssel. Ich muss dringend fort. Mein Flug wird gleich aufgerufen!” Er nestelte einen Schlüssel samt Kettchen hervor. „Da, nimm, er passt auch ins Haustor.” Earasyn packte ihn freundschaftlich am Arm: „Hast du nichteinmal Zeit für ein Bier?” Der andere riss sich los. „Nein, leider, ein anderes Mal! Nimm schon!” Kopfschüttelnd hängte sich Earasyn das Schlüsselkettchen um den Hals. „Jedes Nein ist ein kleiner Abschied.” sagte er noch. Der andere grinste verständnislos und betrat eilig die Rolltreppe nach oben.
336} Die Bahn brachte Earasyn in die Stadtmitte. Bald hatte er die Gasse gefunden, in der sein Bekannter wohnte, und auch den siebenstöckigen Altbau aus dem XIX.Jahrhundert. Er schloss das Tor auf, durchquerte einen kurzen Gang zum Aufzug und liess sich in den fünften Stock heben. Nocheinmal brauchte er den Schlüssel, dann stand er in einer geräumigen, lichten Dreizimmerwohnung.
337} Von den Steinplatten im Eingangsflur, welcher als Hemiolion proportioniert war, trat man geradewegs in ein parkettverlegtes Quadriagon, das als Wohnküche diente; dieses ging links in ein als Arbeitszimmer eingerichtetes Penton über, an das sich ein mit Teppichboden ausgestattetes Trion zum Schlafen anschloss. Lauter Orthogone;(156) was für eine wohlgeordnete, geradezu abgezirkelte Welt, so ganz anders als die, aus der er gerade herangeflogen war!
338} Er sah sich um. Die drei Haupträume wiesen alle die gleiche Breite auf und waren durch Mitteltüren verbunden. Aus jedem von ihnen öffneten zwei hohe Fenster den Blick gegen Südwesten zur Gasse hin und über die Dächer der gegenüberliegenden Gebäude. Der erste Raum war einfach gehalten, Eckbank, Tisch und Stühle aus Tannenholz mit Buchenplatten,(19) eine gleichartige Küchenwand mit granitblauer Anrichte, Chromstahlspüle und eingebautem Gasherd. Den zweiten beherrschte ein bildschirmbewehrter Schreibtisch mit Drehsessel; vor den beeindruckend vollen Bücherregalen luden zwei Lehnstühle auf weichem Kerman (157), dazwischen ein Marmortisch, zum Plaudern ein; unter seiner silbrigen (21) Abdeckung wartete ein elektrisches Klavier darauf, eingeschaltet, um gespielt zu werden. Der dritte wiederum verfügte über ein nett gerichtetes Doppelbett mit Ablage und Lampe sowie einen weissen Einbauschrank. Links von der Schlafzimmertüre führte eine Mattglasscheibe ins hellverflieste Badezimmer, abermals ein Hemiolion, in dem nebst Becken, Duschwanne und Toilette auch die Waschmaschine untergebracht war. Sein Lüftungsfenster stand in einen engen Innenhof offen, von dessen Gegenseite das Fenster des Eingangsflurs herüberspiegelte.
339} Earasyn begann sich wohlzufühlen. Er zog die Schuhe aus, hängte die staubige Weste an einen Kleiderhaken und stellte seinen Sack auf den Küchentisch. Als er seine kärgliche Habe hervorholte, kullerten ihm die zwei geschliffenen Steine entgegen. „Kaschi”, murmelte er grübelnd: „so weit weg!” Dann gab er sich einen Ruck und trug die Schmutzwäsche ins Bad. Kurz darauf stand er in der Dusche unter herrlich dampfendem Wasser, während die Maschine zu rumpeln begann. Ihr behäbiger Takt regte ihn zum Singen an.
340} Eine halbe Stunde später sass er in einer frischen Unterhose am Küchentisch beim improvisierten Mittagessen. Brot hatte er gefunden und Käse, drei Eier, Salz und eine Pfeffermühle, eine Flasche Bier nicht zu vergessen, zum Nachtisch Butter und Honig. In vollen Zügen genoss er sein Mahl. Nach dem letzten Honigbrotbissen, spülte, trocknete und verräumte er das verwendete Geschirr. Auf dem Tisch liess er nur die beiden Steine liegen, als wollte er ein Zeichen seiner Gegenwart setzen. Schliesslich begab er sich ins hintere Zimmer und legte sich auf die wollweisse Bettdecke. Durchs offene Fenster schien die Nachmittagssonne auf den braungebrannten Körper - langsam kam seine Seele an.
Vom ersten Abtasten
341} Eine fallende Terz von f' nach d' schreckte Earasyn von seinem Lager auf. Die Wohnungstürglocke! Hatte er die Schnarre vom Haustor überhört? Rasch erhob er sich, zog Hemd und Hose an, fuhr mit der Hand durchs wirre Haar und prüfte sein Aussehen im Spiegel: er würde sich zur Not zeigen können. Als er am Spültisch noch schnell einen Schluck Wasser zu sich nahm, läutete es zum zweiten Mal.
342} Barfüssig begab er sich in den kühlen Flur und schloss die vergitterte Eingangstüre auf. Vor ihm stand eine junge Dame in kniefreiem, nachtblauem Kostüm. Um ihr feingezeichnetes, ausdruckstarkes Gesicht fiel langes Haar in leichten Wellen über die Schultern, um die ein gefranstes, orangerotes Batiktuch geschlungen war. Sie sah ihn fest an, beinahe streng. Hinter ihr bemerkte er einen gedrungenen Herrn in taubengrauem Anzug mit rotblauer Krawatte und einer Aktentasche.
343} Sachlich bat sie um Entschuldigung. Ob Erwin nicht da wäre? Ihre Stimme klang abweisend und weich zugleich. Er schluckte. Nein, es täte ihm leid, der wäre heute Vormittag abgereist. Ein Hauch von Ironie glitt über ihre Züge. „Ach ja? Wie schade!” Sie neigte ein wenig den schönen Kopf. Ob sie wohl hereinkommen dürften, ihr Begleiter und sie? Das Stiegenhaus wäre nicht so recht geeignet für ein Gespräch, wenn auch nur für ein kurzes. Sie würden gewiss nicht lange stören! Mit einer einladenden Geste wich er zur Seite. Die beiden Besucher traten ein und stellten sich knapp mit ihren Nachnamen vor. Der graue Herr schloss die Türe hinter sich.
344} Sichtlich erstaunt nahm die elegante Frau die Wohnung in Augenschein. Hier könne man gut leben, meinte sie, der Mieter müsse ein ordentlicher Mensch mit feinem Geschmack sein. Wie sauber die Räumlichkeiten gehalten seien! Wieder dieser verhaltene Spott. Ihm war nicht wohl dabei. Um das peinliche Gefühl zu überspielen, bat er sie ins Arbeitszimmer, wo er ihnen die Lehnstühle anbot, während er für sich den Drehsessel herbeiholte.
345} Auf die Frage ihres Begleiters, wohin denn der Herr Mieter abzufliegen geruht habe, beteuerte er, dies ebenfalls nicht zu wissen, und berichtete vom kurzen Treffen auf der Rolltreppe. „Dann sind Sie sozusagen ein Freund von ihm?” setzte jener grimmig nach. „Ich kenne ihn zwar so gut”, berichtigte der junge Mann, „dass ich in seiner Wohnung übernachten darf, aber Freunde sind wir nicht.” „Die Sache erzeigt sich nämlich folgendermassen”, fuhr der ältere Herr fort, worauf ihm die Dame mit der raschen Bemerkung ins Wort fiel, das sei jetzt nicht mehr so wichtig.
346} „Dürfen wir hingegen erfahren, woher Sie eigentlich kommen?” wandte sie sich ein wenig freundlicher an den verdutzten Weltenbummler: „Wenn wir schon da sind!” Er sah in ihre dunklen Augen. Ein leises Tasten berührte ihn, das er nicht zu deuten vermochte; doch von irgendwoher war ihm dies bekannt. Er atmete tief ein. „Ich bin weit herumgereist”, begann er langsam: „in Griechenland, Indien, Arabien. Sie fragen mich, woher ich komme? Am wahrhaftigsten wäre wohl zu sagen: aus Kaschi.”
347} Sie horchte auf. Der untersetzte Herr hielt seine Aktentasche fest und murmelte verschmitzt: „Gaotamo.” „Und wie heissen Sie”, wollte sie wissen: „ich meine, wie nennen Sie Ihre Freunde?” Er blickte offen in ihre frischen, anmutigen Züge: „Meine Mutter hat mich von Anfang an Earasyn (2) gerufen.” „Ehrensünd”, stöhnte ihr Begleiter: „wieder so ein Name! Kommt von was?” „Das kann ich Ihnen sagen, werter Herr Professor”, antwortete sie höflich: „der Name kommt aus derselben Sprache wie meiner.”
348} Nun war es am jungen Mann aufzuhorchen. Auf einmal schien ihm, als sässe Reb Suesskuch in aller ehrwürdigen Behäbigkeit mit am Marmortisch und nicke ihm wohlwollend zu. Und mit der Rabbinergestalt wollte eine Bilderflut sein Bewusstsein überschwemmen. Das verhinderte er mit einem gewundenen „Wie werden Sie denn gerufen, wenn mir die Frage gestattet ist?” „Ist sie. Ich heisse Eamsyne.” Ihre damenhafte Förmlichkeit entspannte sich in einem herzlichen Lachen, in das die zwei Männer erst zögerlich einstimmten, dann aber anhaltend.
349} Der Herr in Grau erhob sich. Seine Krawatte glänzte matt, als er sich verbeugte und erklärte, er sei nicht weiter nötig und wolle sich verabschieden; er habe ein Redemanuskript fertigzustellen. „Heute noch?” Lächelnd sah sie zu ihm auf: „Ich danke Ihnen aufrichtig, mein lieber Freund!” Er küsste altväterlich die feingliedrige Hand. Earasyn begleitete ihn zum Eingang. Vor der Gittertüre drehte sich der Ältere nocheinmal um und meinte halb im Scherz: „Sie werden der Dame doch nicht wehtun?” „Nicht Mensch noch Tier, so's liegt an mir!” versprach der Jüngere und ergriff die dargebotene Rechte. Nachdem er die Türe sanft geschlossen und sich an der Anrichte zu schaffen gemacht hatte, kehrte er mit zwei Gläsern und einer Wasserkaraffe, in der Zitronenstücke schwammen, an den Tisch zurück. Er stellte den Drehsessel wieder hinter den Schreibtisch und nahm Eamsyne gegenüber im noch warmen Lehnstuhl Platz.
350} Eine Weile schauten die beiden jungen Heimatlosen einander sprachlos an. „Und jetzt”, bat sie endlich im vertrautesten Tonfall der Welt: „erzähl' einfach!”.