signum akadémeias
SCRIPTVM ⁜ XXII
TAO-Tonfolge
von Hermann PFROGNER
[ h-a e d. ]
Rudolf Steiner spricht im 5. Vortrag der Ton-Eurythmie (S.84) davon,[1] daß das europäische Zivilisationsleben nicht eigentlich das ausgebildet habe, was notwendig ist, um den Menschen als solchen in der entsprechend menschenwürdigen Art in die Welt hineinzustellen. Der Mensch hat, wie Steiner sagt, eigentlich heute Mühe, sein Menschliches in sich selber recht zu erfühlen. - In diesem Zusammenhang gibt er obenstehende Tonfolge; der Klavierspieler soll die ersten beiden Töne zusammen anschlagen und die zweiten als Folge. «Bitte, ruhen Sie auf dem letzten Ton recht lange. Also die ersten zwei zusammen und die letzten Töne hintereinander, den letzten recht lange.»
Rudolf Steiner fordert dann auf, diese Tonfolge zu eurythmisieren und das Wort TAO [2] mit dieser Tonfolge zu verbinden. «Dann werden Sie sehen, daß Sie in dem TAO ein wunderbares Mittel haben, die innere Leiblichkeit geschmeidig, innerlich biegsam, künstlerisch gestaltbar für die Eurythmie zu machen, ... dann werden Sie sehen, daß Ihnen in bezug auf das Gesangliche, Eurythmisierende, Rezitierende etwas ist wie die Meditationen für das allgemeine Menschenleben. Es ist tatsächlich ein esoterisches Intermezzo, das ich da gebe, das hinweist auf eurythmische Meditation. Und man muss schon zurückgehen sehr weit, bis zum alten Chinesischen, wenn man in das eurythmisierende Meditieren hineinkommen will.»
* * *
Die von Rudolf Steiner gegebene Tonfolge umfaßt vier Töne. In diesem Zusammenhang wirft sich die Frage auf: Wann ist die Vierzahl zum ersten Mal in der Weltenevolution aufgetreten? Dies war der Fall auf der alten Sonne [3] (Geistige Hierarchien und ihre Widerspiegelung in der physischen Welt,[4] 4. Vortrag, S.68), als den nach allen Seiten in den Weltenraum sich geistig verbreitenden Erzengeln [5] zu Hilfe kamen die Cherubim [6], und zwar «in ganz bestimmten ätherischen Gestalten», als «geflügelten Löwen, Adler, Stier, Menschen». - «Denn in der Tat: von vier Seiten haben sich zunächst genähert die Cherubim, ... Das war also der Anblick auf der alten Sonne, daß, als die eigentlich die Sonne belebenden Menschen, nämlich die Erzengel,[7] sich da hinaus begaben in den Weltenraum, daß ihnen da von vier Seiten die Cherubim, und zwar vier Arten von Cherubim, entgegenkamen.» [...]
Wenn wir das Tönend-Musikalische in Bezug setzen wollen zum Tierkreis, haben wir in ihn einzugliedern den zwölftönigen Halbtonkreis, der im Musikalischen das Dauer-Räumliche repräsentiert.
[- WärmeC - LebenCis - LichtD - KlangDis -
WärmeE - LebenF - LichtFis - KlangG -
WärmeGis - LebenA - LichtAis - KlangH -]
Zum musikalischen Verständnis des Obenstehenden und Folgenden: Die Tonnamen C, Cis, D, Dis usw. sind nur - notgedrungen in Kauf zu nehmende - Hilfsbezeichnungen im dauerräumlichen Zwölfkreis. Dieser kennt nur dauerräumliche «Tonorte», die ihrerseits namenlos sind.[8] Also wohlgemerkt: Hinter den Tönen C, Cis, D, Dis usw. steht der jeweilige dauerräumliche Tonort. In Alt-China [...] waren die zwölf Tonorte im dauerräumlichen Zwölfkreis ursprünglich in Halbtonabständen angeordnet¹, dem folgte erst später die Anordnung in Quintabständen². In beiden Fällen nannten die alten Chinesen die zwölf dauerräumlichen Tonorte «Lü» und gaben ihnen kosmische Namen, keine Ton-Namen.[9]
Nun weiter:
[...]
Wir beginnen mit dem Ton H, dem obersten Ton der TAO-Tonfolge. Im vollständig ausgebildeten Tierkreis entfällt der Ton H auf die Fische und damit auf das Klangätherische. Klangätherisch sind im Tierkreis: Adler (Skorpion), Krebs, Fische. Nun aber nahten sich auf der alten Sonne die Cherubim weder in Gestalt der Fische noch des Krebses, sondern des Adlers. Das Klangätherische wird repräsentiert auf der alten Sonne durch den Adler. Ihm weisen wir also den Ton H zu.
Der Ton A entfällt im vollständig ausgebildeten Tierkreis auf den Steinbock und damit auf das Lebensätherische. Lebensätherisch sind im Tierkreis: Stier, Jungfrau, Steinbock. Auf der alten Sonne aber nahten sich die Cherubim weder in Gestalt der Jungfrau noch des Steinbocks, sondern des Stieres. Das Lebensätherische wird repräsentiert auf der alten Sonne durch den Stier. Ihm weisen wir daher den Ton A zu.
Der Ton E entfällt im vollständig ausgebildeten Tierkreis auf den Löwen und damit auf das Wärmeätherische. Und hier zeigt sich, daß der Ton E bereits auf den Löwen fällt, und damit auf jene Gestalt, in der sich die Cherubim auf der alten Sonne nahten. Weshalb sich hier sogleich diese Übereinstimmung ergibt, darüber später mehr.
Der Ton D entfällt im vollständig ausgebildeten Tierkreis auf die Zwillinge und damit auf das Lichtätherische. Lichtätherisch sind im Tierkreis: Wassermann (Mensch), Waage, Zwillinge. Nun aber nahten sich auf der alten Sonne die Cherubim weder in Gestalt der Waage noch der Zwillinge, sondern des geflügelten Menschen. Ihm weisen wir also den Ton D zu.
[...]
Indem wir H und A zugleich anschlagen, ergreifen wir zugleich die Polarität: Adler-Stier, die Stimme aus der Höhe und aus der Tiefe. Wir erfassen die Senkrechte von oben nach unten, die uns von oben gegebene Aufrichtekraft, und erfassen damit die erste Geste, uns als aufrechte Wesen «auf menschenwürdige Art in die Welt hineinzustellen».
Indem wir mit einer zweiten Geste das E ergreifen, fassen wir den Löwen, als die harmonisierende Mitte zwischen Höhe und Tiefe. (Dies kommt intervallisch besonders deutlich zum Ausdruck, wenn wir H und A im Abstand der None auseinanderlegen:)
[ h'-a e' d'. ]
Indem wir schließlich mit einer dritten Geste das D ergreifen, machen wir uns das Ziel bewußt, wohin unser Weg führen soll: zum geflügelten Menschen.
Indem wir den Ton lange aushalten, wird er uns als das zu erstrebende Ziel noch nachdrücklicher bewußt, imaginativ durchdringbar. So ist uns in der TAO-Tonfolge wirklich ein Mittel in die Hand gegeben, «das Menschliche in sich selber recht zu erfühlen».[10]
Ätherisch gesehen, schreiten wir also von der Polarität Adler (Klangäther) - Stier (Lebensäther) ausgehend, über den Löwen (Wärmeäther) zum geflügelten Menschen (Lichtäther).
Der lichtätherische Mensch war nun, wie Rudolf Steiner ausführt, bereits das Ziel meditativer Betrachtungen auf der alten Atlantis [11] (Ägyptische Mythen und Mysterien,[12] vor allem 3. Vortrag, S.46ff.). Dort wird ausgeführt, daß man auf der alten Atlantis vier Menschentypen unterschied nach den Ätherleibern, und zwar in bezug auf das Bild des Löwen, des Stieres, des Adlers und des Menschen. Der Eingeweihte, der der heutigen Menschengestalt am ähnlichsten war, gab in den Einweihungsschulen dem Schüler eine Gestalt zur Meditation auf, die der «Lichtgestalt im Urstaub», dem Urbild der heutigen Menschengestalt, entsprach (2. Vortrag, S. 25). Über diese Gestalt, als dem Ziel der Erdenevolution, sollte der Schüler meditieren, um ihre Verwirklichung in Zukunft zu ermöglichen. «Dieses Bild ist der Sinn der Erdenentwicklung, ... das ist das Eine, was zuletzt erscheinen soll als das hohe Ideal der Erde. Und in dieses Ideal strömten ein die Gefühle, welche den Schüler in seiner Meditation belebten.» (S. 50)
Es ist nun noch die Frage zu beantworten, weshalb im Falle des Tones E eine unmittelbare Zuordnung auf den Löwen (wärmeätherisch) möglich war. Hier kann uns ein Hinweis sein, was Rudolf Steiner über den Löwen im Zusammenhang mit dem alten Saturn [3] ausführt (Geistige Hierarchien und ihre Widerspiegelung in der physischen Welt,[4] 8. Vortrag). Der Löwe stellt jene Region im Kosmos dar, wo gewisse Bewegungen im Umkreis des alten Saturn, nachdem sie zunächst in Rotation gekommen waren, erstmals wiederum festgehalten wurden, wodurch die Anlage entstand «zu jenem Organ im menschlichen Leib, das dann später, wenn es seine Bewegung einstellt, auch das ganze Getriebe des physischen Leibes in Ruhe versetzt, - das ist das Herz ... Das Herz wird gebildet aus der Region des Löwen
Nun wird mit den vier Tönen H - E - A - D auch erstmals eine Bewegung in rotierender Form ausgelöst, nämlich die «Quintenspirale» in ihrer anfänglichen Form. Die Töne H - E - A - D sind der Beginn ["head"] der «Quintenspirale» in absteigender Folge:
[ h" > e" > a' > d' >
g > c > F > Ais >
Dis > Gis > Cis > Fis > ]
Und man könnte sagen: So wie die Region des Löwen (und keine andere) jene erstmals auf dem alten Saturn in Rotation geratenen Bewegungen festhält, so hält auch später die Region des Löwen (und keine andere) die zunächst in Rotation geratene Bewegung der «Quintenspirale» fest, indem diese Region den Ton E unmittelbar an sich bindet. Selbstverständlich können diese Darlegungen nur ein erster Anhaltspunkt sein, darüber zur Klarheit zu kommen, weshalb «Löwe» und «Ton E» unmittelbar zusammenfallen.
* * *
¹ H. Pfrogner «Lebendige Tonwelt», Tafel A, S. 50
² Ebendort, Tafel B, S. 57
aus «TAO - Ein Vermächtnis»
ADNOTATIONES
1] «Eurythmie als sichtbarer Gesang»; Dornach 2001 (GA 278); S.82
2] dt. eigentl. DAU (japan. do)
3] vgl. Mbl.6
4] GA 110
5] vgl. Mbl.12
6] vgl. Mbl.14
7] vgl. Mbl.11
8] vgl. Urklang
9] vgl. Tönen und TAO
10] vgl. mit dem asWtierkreis samt eingefügter Klangkörper
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11] vgl. Mbl.7
12] GA 106