signum akadémeias
SCRIPTVM XX
Von der „ägyptischen” Dreiheit
56. Die höhere und göttlichere Wesenheit [ἡ κρείττων και ϑειοτέρα φύσις] jedoch besteht aus dreierlei [ἐκ τριϖν]: dem Intelligiblen [ὁ νοητός], der Materie [ἡ ὕλη] und dem, was aus diesen hervorgeht,[a] dem Kosmos [ὁ κόσμος], wie die Hellenen ihn nennen. Platon (Timaios 50 CD) pflegt das Intelligible auch »Idee« [ἡ ἰδέα], »Muster« [τό παράδειγμα] und »Vater« [ὁ πατήρ] zu nennen, die Materie »Mutter« [ἡ μητήρ] und »Amme« [ἡ τιϑήνη], »Sitz« [ἡ ἔδρα] und »Raum des Werdens« [ἡ χώρα γενέσεα b], und das aus beiden Hervorgehende »Nachkomme« [ὁ ἔγγονος] und »Werden« [ἡ γένεσις]. Die Ägypter, so ist zu vermuten, haben unter den Dreiecken [τριγώνων] vor allem jenes verehrt und als Gleichnis für die Natur des Alls angesehen, welches auch Platon in der Politeia (546 B) benutzt zu haben scheint, als er das Hochzeits-Diagramm¹ entwarf. Dieses Dreieck hat eine senkrechte Seite von der Länge 3, eine Basis von der Länge 4 und eine Hypothenuse (›Unterspannende‹) von der Länge 5, deren Quadrat dem der umfassenden Seiten gleich ist.[c] Nun ist die Senkrechte dem Männlichen zu vergleichen, die Basis dem Weiblichen, die beides unterspannende Seite dem Abkömmling beider.[d] Und so ist Osiris als Ursprung, Isis als empfangendes Gefäß, Horus als Ergebnis aufzufassen. Denn die Zahl 3 ist die erste ungerade und vollkommene Zahl, die 4 ist das Quadrat über der Seite mit der geraden Zahl 2, und die 5 gleicht teils dem Vater, teils der Mutter, weil sie aus der 3 und der 2 gebildet ist. Das Wort ›alles‹ (pánta) klingt an ›fünf‹ (pénte) an, und das Zählen wird ›fünfern‹ [πεμπάσασϑαι] genannt. Die Fünf erzeugt aus sich als Quadrat eine Zahl, die der Anzahl der ägyptischen Buchstaben entspricht und der Zahl der Jahre, die der Apis-Stier lebte². Sie pflegen Horus auch Min zu nennen, das heißt ›der Gesehene‹; denn der Kosmos ist wahrnehmbar und sichtbar. Isis wird manchmal auch Mut und ein andermal Athyri und Methyer genannt; das erste dieser Wörter ist eine Bezeichnung für ›Mutter‹, das zweite für das wohlgeordnete ›Haus des Horus‹, so wie auch Platon (Timaios 52 D-53 A) von dem »Raum des Werdens« und dem »Gefäß« [ἡ δεξαμένη] spricht. Das dritte Wort ist zusammengesetzt aus ›voll‹ [πλέρευς] und ›Ursache‹ [ἡ αἰτία]; denn die Materie ist erfüllt vom Kosmos, und sie wohnt dem Guten [τό ἀγάϑον], Reinen [τό καϑάρον] und Geordneten [τό κεκοσμημένον]³ bei.
57. Man kann den Eindruck haben, daß auch Hesiod (Theogonie 116-122), wenn er die ersten Dinge in der Welt dichterisch als Chaos [τό Χάος], Erde [ἡ Γή], Tartaros [ὁ Τάρταρος] und Eros [ὁ ἔρος] darstellt, keine anderen Ursprünge ansetzen will als die genannten, sofern man diese Namen gleichsam übersetzt und »Erde« auf Isis bezieht, »Eros« auf Osiris, »Tartaros« auf Typhon [e]; mit dem »Chaos« scheint er so etwas wie einen Raum und Ort des Alls vorauszusetzen¹. Diese Zusammenhänge bringen in gewisser Weise auch den Mythos Platons ins Spiel, den Sokrates im Symposion (203 B-E) erzählt. Er handelt von der Geburt des Eros: Penia [ἡ Πενία], die ›Armut‹, habe sich Kinder gewünscht und sich deshalb, als Poros [ὁ Πόρος], der ›Wohlstand‹, eingeschlafen war, neben ihn gelegt. Sie sei von ihm schwanger geworden und habe Eros geboren, ein Wesen, das von Natur gemischt und heterogen ist, da es von einem tüchtigen, klugen und für alle Zwecke sich selbst genügenden Vater stammt, aber von einer hilflosen, notleidenden Mutter, die wegen ihrer Bedürftigkeit immer nach Fremdem trachtet und um Fremdes bettelt. Denn Poros ist nichts anderes als das vor allem anderen Begehrens- und Erstrebenswerte, Vollendete und sich selbst Genügende; Penia dagegen hat Platon die Materie genannt, die für sich allein des Guten entbehrt, aber von ihm erfüllt wird, es begehrt und daran Anteil erhält. Der aus diesen beiden hervorgehende Kosmos - Horus - ist nicht ewig, unbeeinflußbar und unvergänglich, aber insofern er im ständigen Werden ist, gelingt es ihm, im Wechsel und Kreislauf der Einflüsse zu überdauern; stets ist er neu, und niemals wird er vergehen².
58. Man darf mit den Mythen nicht so umgehen, als ob sie zur Gänze Aussagen über die Wirklichkeit [οἱ λόγοι f] wären, sondern muß aus jedem das entnehmen, was unter dem Gesichtspunkt der Ähnlichkeit¹ [ἡ ὁμοιότης] verwendbar ist. Wenn wir von der »Materie« sprechen, dürfen wir uns nicht auf den Irrweg einiger Philosophen begeben und uns vorstellen, das sei ein seelenloser Leib [τό ἄψυχόν σϖμα], ohne Eigenschaften [ἡ ποιότης], aus sich selbst zu keiner Regung oder Handlung befähigt.² Denn wir nennen ja auch Öl die Materie von Parfum³ und Gold die Materie einer Statue, Stoffe, die keineswegs ohne jede Eigenschaft sind.[g] [...]
Im Anschluß hieran hat man sich vorzustellen, daß die Göttin Isis an dem ersten Gott in dieser Weise stets Anteil hat und ihm beiwohnt aus Liebesverlangen [ἔροτι] nach dem Guten und Schönen [τό καλόν], das ihm zu eigen ist; sie ist kein Gegenpol [τό ὑπεναντίον] zu ihm [...]
Plutarchos
ex «Perì Ísidos kaì Osíridos» (ad Kleam)
56.1 Dies ist eine mathematisch eingekleidete Bestimmung günstiger Zeitpunkte für die Kinderzeugung. Das Dreieck ist das pythagoreische rechtwinklige Dreieck 3:4:5. Daß die alten Ägypter es kannten, ist nicht belegt. - »Vollkommene Zahlen« sind nach Euklid Elemente 7, Def.22 die, die gleich der Summe ihrer Faktoren sind. Plutarch scheint aber eine andere Definition vorauszusetzen. - Die Symbolik der Fünf hat Plutarch häufiger beschäftigt, vor allem in der Schrift Über das E in Delphi.
2 Plutarch faßt, wie die Griechen allgemein, die Hieroglyphen als eine symbolische Begriffsschrift auf; das ist jedoch nur für die Determinative richtig. (Daß es daneben so etwas wie ein ägyptisches Lautalphabet gab, deutet er hier an.) So lassen sich seine Angaben über einzelne Zeichen meist verifizieren, aber seine Deutung von Texten ist willkürlich. Daß der Apis-Stier eine gewisse Lebenszeit hatte, ist faktisch wohl nicht richtig; vermutlich beruht die Aussage darauf, daß es eine kalendarische Apis-Periode von 25 Jahren gab.
3 Zu den Etymologien: Die von »Min« ist problematisch; »Mut« ist richtig gedeutet; »Athyri« ist ägyptisch Hathor ›Haus des Horus‹. »Methyer« ist Mehet-uret ›Große Flut‹, der erste Teil ist mit »voll« gut wiedergegeben, aber der zweite (eigentlich ›groß‹) ist umgedeutet. Bei »voll« ist an die Schwangerschaft zu denken, »Ursache« dafür ist das aktiv-männliche Prinzip, das als ordnendes verstanden wird.
57.1 Das »Chaos« entspräche also ebenfalls der Isis.
2 Das Problem der Ewigkeit [h] der Welt ist von den Philosophen viel diskutiert worden. Aristoteles hatte die Ewigkeit vertreten, die Stoiker glaubten an ein Ende der Welt. Plutarchs Formulierung enthält eine modifizierte Ewigkeitsvorstellung.
58.1 Dies ist eine wichtige Regel der allegorischen Interpretation: der Interpret hat das Recht, Teile des Mythos als wesentlich auszuwählen und andere zu verwerfen; Kriterium ist die Ähnlichkeit oder Analogie zu einer gedanklich faßbaren Wirklichkeit. Die Regel findet ihre Anwendung im späteren Verlauf des Textes, wo Elemente des Zerreißungsmythos und der Anubis-Geschichte herausgegriffen und verschmolzen werden, um eine Entsprechung zur philosophischen Materie-Theorie herzustellen.
2 »Materie« ist nach der aristotelischen Begriffsprägung jede Grundsubstanz für etwas höher Organisiertes. Die Beispiele aus unserer Erfahrung zeigen, daß solche Grundstoffe bereits bestimmte Eigenschaften mitbringen. Die Überlegung, daß jedem Stoff ein anderer, weniger determinierter zugrunde liege, so daß man in einem Regreß zu einer universalen, eigenschaftslosen Ur-Materie käme, will Plutarch nicht mitmachen.
3 Für Duftstoffe wurde in der Antike nicht wie heute Alkohol, sondern Öl als Basis gebraucht.
aus «Drei religionsphilosophische Schriften»; S.231ff
ADNOTATIONES
a] vgl. Mbl.15
b] vgl. mit ὁ χέρος (ho chêros ~ Leere)
c] Dieses pythagoräische Dreieck ist auch als Geburtsdreieck bekannt. Das Sterbedreieck hingegen hat die 3 als Basis und die 4 als Senkrechte. So zeigt sich auch die Chefrenpyramide mit ihrer halben Grundseite von 3×35,875 m, ihrer Körperhöhe von 4×35,875 m und ihrer Seitenhöhe von 5×35,875 m als Ort des Transzendierens.
Im Grundriss des ersten Goetheanums wiederum lagen zwei solcher Dreiecke mit gemeinsamer Basis, welche genau die Verbindungslinie zwischen den beiden Kuppelkreismittelpunkten von 5×4,2 m bildete, während sich die jeweiligen Katheten an den zwei Schnittpunkten der Kuppelkreise trafen.
Aber auch im Kosmos selbst finden wir jenes Dreieck, nämlich in der Eigenbewegung der Sonne auf deren Apex (lat. ~ Spitze) im Sternbild Herkules, auf den sie mit 5×4 km/s zueilt. Dabei reist sie mit 3×4 km/s innerhalb der Erdbahnebene; die „Geschwindigkeitskathete”, die die beiden Bewegungsvektoren verbindet, beträgt 4×4 km/s.
(vgl. H.BAUER in »Die Drei« 12/2014; S.51ff)
d] vgl. «Das Wegkind»: Dritte Vorrede
e] Der griechische Τυφϖν (Typhõn) entspricht dem ägyptischen Seth.
f] also über das Wirken von Wesen (vgl. »TzN Jän.2004«: Anm.b)
g] Plutarch unterscheidet nicht zwischen atomarer Materie und molekularem Stoff (vgl. MblB.E: Abs.710}).
h] vgl. R.STEINER: Ewigkeit und Augenblick sowie zum „Zeitsee” MblB.E: Anm.177